Champions League
Der Captain hat Fabian Frei sein «Okay» gegeben

Am «Black Frei Day» in Liverpool krönt FCB-Spieler Fabian Frei seinen grossen Auftritt mit dem Tor zum 1:0

Sebastian Wendel, Liverpool
Merken
Drucken
Teilen
Komm in meine Arme! Marco Streller rutscht zum Torschützen Fabian Frei (rechts), hinten nähern sich Elneny und Gashi.

Komm in meine Arme! Marco Streller rutscht zum Torschützen Fabian Frei (rechts), hinten nähern sich Elneny und Gashi.

Keystone

Es ist spät geworden an der Anfield Road. An den Aussenmauern des Fussballtempels peitscht ein fieser Wind entlang, der Regen kommt quer. Schon lange sind seine Kollegen zurück im Hotel. Und eigentlich will auch Fabian Frei schnell dahin, um im Mannschaftskreis die Achtelfinal-Qualifikation zu feiern. Da fangen ihn vier ältere, sichtlich angeheiterte Liverpool-Fans ab und bitten zum Gruppenfoto.

Als Frei endlich in den Mini-Van einsteigen will, legt einer der Herren seinen Arm um ihn und lallt: «Nein, du bleibst! Wir brauchen dich! Morgen kannst du den Vertrag unterschreiben!» Frei grinst – und steigt dann doch ein. Was Mike nicht davon abhält, weiter vom Basler Torschützen zu schwärmen: «Fabio Frei, oder? Fantastisch! Unglaubliche Performance! Ernsthaft: Er hat das Zeug zum neuen Steven Gerrard!»

Nun, der Mensch neigt unter Alkoholeinfluss zur Übertreibung. Doch in Anbetracht dessen, dass Frei da gerade zum Nachfolger der Liverpool-Ikone schlechthin erkoren wird und dass auf der Insel Schweizer Mannschaften generell als Kanonenfutter belächelt werden, sind Mike’s Worte allemal bemerkenswert.

Viel Lob aus England

Frei hat auch bei den englischen Journalisten Eindruck hinterlassen. Sein Konterfei prangt am Tag nach dem 1:1 von den Titelseiten, die «Sun» beschreibt den Dienstagabend aus Liverpooler Sicht als «Black Frei Day». Frei erhält überall die Bestnote, was nicht nur an seinem Treffer zum 1:0 in der 25. Minute liege.

Keine Frage: Fabian Frei hat an der Anfield Road eines seiner besten Spiele im FCB-Trikot gemacht. Er orchestrierte in der ersten Halbzeit die vielen gelungenen Angriffe, in der dramatischen Schlussphase behielt er als Einziger neben Goalie Tomas Vaclik kühlen Kopf.

Sein Auftritt war die Krönung einer Hinrunde, in der Frei das nächste Level erreicht hat. Seit den Abgängen von Yann Sommer und Valentin Stocker im Sommer steht er in der internen Machtpyramide alleine auf der Stufe hinter Captain Marco Streller. Und traute sich aus dieser Position heraus, Trainer Paulo Sousa auf Dinge aufmerksam zu machen, mit denen er Mühe hatte.

Sprang ein als Streller fehlte

Als es auf dem Platz zählte, lief Frei zu grosser Form auf; etwa im gefährlichen Cup-Spiel in Wohlen, als alle nur auf ein Scheitern des grossen Favoriten warteten. Oder im Champions-League-Heimspiel gegen Ludogorez Rasgrad, in dem Frei zwei der vier Tore zum überlebenswichtigen Sieg auflegte.

Als Streller zwei Monate verletzt fehlte, fand die Mannschaft unter Freis Führung die Stilsicherheit, mit der sie am Dienstag das grosse Liverpool phasenweise an die Wand spielte. Seit Trainer Paulo Sousa seinen Stamm gefunden hat, ist Frei unangefochtener Chef im Zentrum.

Die logische Folge war, dass Frei erstmals seit 2012 wieder für die Nationalmannschaft aufgeboten wurde. Im Test gegen Polen Mitte November erzielte er als Einwechselspieler sein erstes Länderspieltor. Macht er so weiter, sind regelmässigere Einsätze schon fast ein Muss.

Aufstieg in neue Sphären

Eine Stufe höher ist seit Dienstag auch der FC Basel. In Zahlen heisst das: Erstmals in der Klubgeschichte steht Rot-Blau in der Klubrangliste der Uefa auf Rang 15 – vor Kalibern wie Juventus, Milan oder Manchester City. 2011 war es noch Rang 52. Es ist dies das Verdienst der Jahr für Jahr grossartigen Leistungen auf der internationalen Bühne.

Nebst Ranglistenpunkten hat sich der FCB in Liverpool auch viel Anerkennung gesichert – unterschätzt werden dürfte er vor den nächsten Duellen gegen die Grossen nun endgültig nicht mehr. Präsident Bernhard Heusler reiht den Triumph an der Anfield Road in seiner persönlichen Hitliste sogar ganz oben ein.

«In diesem Stadion, wahrscheinlich das berühmteste der Welt, gegen diesen Verein, eine Weltmarke im Fussball, so die Qualifikation zu schaffen, das macht mich einfach nur glücklich und stolz. In den Katakomben sei ein Spieler von Liverpool auf ihn zugekommen, um zu gratulieren. Er sagte: Nicht wir waren schlecht, sondern Ihr wart an diesem Abend einfach zu gut für uns.» Das sei, so Heusler, das schönste Kompliment gewesen.

Fabian Schär mit Bänderriss

Zurück zu Fabian Frei: Ausgerechnet ihn und Namensvetter Schär beordert die Uefa nach dem Schlusspfiff zur Dopingkontrolle. Im Spiel schien es den beiden ringer zu laufen: Der Mannschaftsbus ist längst weg, als sie aus dem Stadionbauch schlüpfen.

Schär mit einbandagiertem rechtem Fuss und an Krücken, Folgen des Zusammenpralls mit Tomas Vaclik. Gestern Abend kommt heraus: Die Bänder im Sprunggelenk sind gerissen, Schär muss mehrere Wochen pausieren. Doppelt bitter für den Innenverteidiger: Wegen seiner gelben Karte ist er im Achtelfinal-Hinspiel gesperrt.

Während Schär an den Journalisten vorbeihinkt, sagt Frei: «Von solchen Emotionen wagt man als kleiner Junge nicht einmal zu träumen.» Von einem Ausland-Transfer hingegen schon: Frei liebäugelt wie jeder 25-jährige Schweizer Fussballer mit der Bundesliga und der Premier League.

«Gut gemacht, Junge»

Und wer so aufspielt wie Frei an der Anfield Road, kommt für den Sprung in die attraktivsten Ligen Europas automatisch infrage. Das Okay von Marco Streller hat er jedenfalls: «Klar wäre es schade, sollte er auch noch gehen. Aber wenn Fabi die Möglichkeit hat, muss man ihm das gönnen. Dass er die Klasse dazu hat, darüber brauchen wir nicht zu diskutieren.» Frei überlässt das Spekulieren anderen, sagt: «Mein Ziel ist es, jeden Abend beim Blick in den Spiegel sagen zu können: Gut gemacht, Junge!»