Die Eltern, die Grosseltern, Tante und Onkel: Alle werden sie heute Abend in Békéscsaba mit dabei sein, wenn Dora Grozer mit Sm’Aesch Pfeffingen in ihrer Heimat Ungarn aufschlägt. Für die 23-jährige Aussenangreiferin ist das Rückspiel im Achtelfinal des CEV-Cups ein «ganz besonderes Spiel». Ihre Grosseltern sehen die Enkelin erstmals überhaupt live in der Halle.

Trotz der 2:3-Niederlage im Hinspiel rechnen sich die Baselbieterinnen gegen den ungarischen Serien-Meister durchaus etwas aus. «Wir wollen gewinnen. Das Hinspiel hat gezeigt, dass wir eine Chance haben», sagt Dora Grozer. Tatsächlich waren die Voraussetzungen für Sm’Aesch alles andere als gut. Nach dem Ausfall von Taylor Tashima stand Sm’Aesch-Trainer Andreas Vollmer vor Weihnachten nur die Ersatzpasseuse Annalea Maeder zur Verfügung. Die 17-Jährige war dann auch noch krank, bekam am Morgen vor dem Hinspiel Infusionen und spielte trotz des Infekts. Sie machte ihre Sache so gut, dass Sm’Aesch sogar hätte gewinnen können, doch am Ende setzte sich die Erfahrung der Ungarinnen durch.

Neue Kräfte, grössere Chance

Trotzdem stiegen Dora Grozer und Co gestern mit einem guten Gefühl ins Flugzeug nach Budapest und in den Bus nach Békéscsaba. Mit den Neuzugängen Tess van Piekartz und Monika Chrtianska hat Andreas Vollmer endlich wieder Wechselmöglichkeiten. Der Trainer hat seine Kontakte walten lassen und sich Informationen und Videos über Békéscsaba besorgt: «Da habe ich gesehen, dass sie noch nicht die Form von vor Weihnachten haben». Dazu kommt die Erinnerung an das vergangene Jahr. Damals reiste Sm’Aesch mit einem 2:3 im Gepäck nach Rumänien, besiegte Stiinta Bacau mit 3:1 und zog in den Viertelfinal ein.

Tess van Piekartz und Monika Chrtianska sind neu bei Sm'Aesch.

  

Dora Grozer war in Bacau noch nicht dabei. Damals sass sie bei Bundesligist Wiesbaden meist auf der Ersatzbank. Sie war unglücklich und entschied sich, den Verein zu verlassen. «Wenn du nichts findest, komm zu mir in die Schweiz», sagte Andreas Vollmer damals. Die beiden kennen sich aus der Deutschen Nationalmannschaft. «Jaja», antwortete Dora Grozer. Für sie klang das zunächst wie ein Witz, doch drei Monate später unterschrieb die Deutsche tatsächlich bei Sm’Aesch.

Klar gab es andere Angebote, doch am Ende gaben das Vertrauen des Trainers und die positiven Dinge, welche Dora Grozer über den Schweizer Verein gehört hatte, den Ausschlag. «Es hat sich herumgesprochen, dass wir gute Bedingungen haben und dass sich die Spielerinnen hier gut entwickeln können», erklärt Andreas Vollmer. Mit 245 Punkten ist Dora Grozer aktuell die Topskorerin von Sm’Aesch. In das Topskorer-Trikot schlüpft sie allerdings gar nicht gerne: «Ich mache zwar den Punkt, aber die Libera und die Passeuse sind genauso wichtig. Ich mag es nicht hervorgehoben zu werden.»

Ohne Deutschkenntnisse ins Gymi

Dora Grozer stammt aus einer Volleyballfamilie. Vater, Mutter und zwei ihrer drei Brüder waren oder sind Profisportler. «Meine Eltern haben uns zwar nicht zum Volleyball gedrängt, aber sind sicher nicht unglücklich über unseren Werdegang», sagt Dora Grozer. Sie wird 1995 in Deutschland geboren, verbringt die ersten beiden Jahre ihres Lebens in Belgien, ehe sie mit der Familie nach Ungarn zieht. Als sie elf Jahre alt ist, bekommt ihr Vater einen Job als Trainer in Deutschland. Bis zu diesem Zeitpunkt spricht die kleine Dora kein Deutsch.

Die ersten Monate im Gymnasium sind schwierig. «Ich sollte Fächer wie Englisch lernen, konnte aber noch nicht einmal Deutsch», erinnert sich Dora Grozer zurück und lacht. Sie hat ihren Weg trotz allem gemacht. Erst Abitur, dann Profivolleyball. Seit vier Semestern macht Dora Grozer dazu ein Fernstudium in Ansbach: Internationales Management.

Eigentlich wollte sie gerne Grundschullehrerin oder Kindergärtnerin werden, doch die Ausbildung war erstens «nicht mit dem Volleyballspiel vereinbar» und zweitens «sind die Lohnaussichten nicht so gut». Dora Grozer will für sich selber sorgen. Momentan wohnt sie alleine in einer Wohnung in Dornach. Oft kommt Teamkollegin Taylor Tashima zum Essen vorbei, denn Kochen kann Dora Grozer auch ganz gut. «Seit ich 14 bin, koche ich selber. Meine Mutter hat mir das beigebracht», sagt sie. Natürlich gibt es oft Gulaschsuppe und andere ungarische Spezialitäten, aber nicht nur.

Prüfung wegen dem Spiel abgesagt

Heute steht für Dora Grozer eigentlich eine Uni-Prüfung an, doch natürlich geht Volleyball vor. Der schon einmal verschobene Test musste abgesagt werden. Stattdessen will sich die Aussenangreiferin vor den Augen ihrer Familie in Topform präsentieren und zeigen, dass der Wechsel in die Schweiz ein echter Glücksfall war.