Basketball
Den Starwings gelingt in Neuenburg mit der Schlusssirene eine Sensation

Zum Auftakt der 3. Runde schaffen die arg dezimierten Starwings einen veritablen Exploit. Die Birsfelder Basketballer gewinnen beim Spitzenverein aus Neuenburg mit 84:82. Den Sieg sichern sie sich zum letztmöglichen Zeitpunkt.

Jordi Küng
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Nathan Krill (mit der Nummer 11) war in Neuenburg der gefeierte Matchwinner.

Nathan Krill (mit der Nummer 11) war in Neuenburg der gefeierte Matchwinner.

zvg

Die letzten vier Spielsekunden hatten es in sich. Beim Stand von 81:81 konnte Noé Anabir, sonst einer der Stärksten bei Union Neuchâtel, zu zwei Freiwürfen antreten. Doch der Romand verwarf, sodass die rassige Partie zwischen den Neuenburgern und den Starwings auf eine entscheidende Verlängerung hinauslief. Doch da traten die drei Unparteiischen auf den Plan. Sie wollten die Protagonisten einer rassigen, stets spannenden Partie sein. Schiedsrichter Mazzoni glaubte, Starwings-Cen­ter Cheikh Sane sei bei Anabirs Freiwurf zu früh zum Korb gegangen und habe sich den Re­bound geangelt. So bekam der Neuenburger eine dritte Chance – und traf zum ver­meintlichen 82:81-Heimsieg. Bereits vor 20 Tagen, bei der bitteren 90:93-Niederlage nach Verlänge­rung in Nyon, hatte das gleiche Schiedsrichtertrio in der Endphase den Unmut der Birsfelder auf sich gezogen und so verhindert, dass sich die Starwings vorzeitig für die Playoffs qualifizierten.

Nathan Krills Verzweiflungswurf erlöst die Gäste

Starwings-Cheftrainer Dragan Andrejevic nahm nach dem 81:82 ein Time-Out. Die «Wings» konnten in der Platzhälfte der Neuenburger einwerfen. Vier Sekunden sind im Alltag sehr wenig, im Basketball reicht es zumindest für einen Verzweiflungswurf. Irgendwie gelangte der Ball zu Nathan Krill, der ihn mit der Endsirene aus sieben Meter in Richtung Korb warf – ein Volltreffer. Der Amerikaner sorgte damit für grenzenlo­sen Jubel bei den Gästen, die allesamt einen Freudentanz in der Spielfeldmitte aufführten, während der Favorit konster­niert zur Tafel schaute, auf der ein 82:84 aufleuchtete. Die einzige Ungewissheit war nur noch, ob der Korbtreffer nicht nach der Sirene geschehen war. Es wäre der negative Höhepunkt einer Schiedsrichterleistung gewesen, die vor allem in den zweiten 20 Minuten oftmals gegen die Starwings ausgerichtet war.

Dieser Umstand hatte zur Folge, dass Gasttrainer Dragan Andrejevic sehr intensiv coachen und wechseln musste, weil seine Spieler schnell foulbelastet waren. Und weil bei den «Wings» gleich vier Akteure bis zum Saisonende ausfallen, reisen die Birsfelder, wie in all den Jahren zuvor, aktuell mit dem allerletzten Aufgebot durch die Schweizer Basket-Landschaft. Aber was diese sieben Spieler in Neuenburg zeigten, war schlicht phänomenal. Sie bewiesen, dass die vielen Rückschläge der letzten Monate – Verletzungen, Coronavirus, Quarantäne, Rücktritte, Saisonausfälle – die Mannschaft zusammenschw­eisste.

Burns dreht nach Fussverletzung auf

Der Ausfall von Spielmacher und Captain Branislav Kostic führt dazu, dass Topskorer Deondre Burns nun den Aufbau machen muss. Es ist eine Zusatzbelastung für diesen Rookie, der alles mitbringt, um in einigen Jahren in einer europäischen Topliga durchzustarten. Burns wurde von den Neuenburgern hart verteidigt, geschubst, gestossen und geschlagen, meist ohne Konsequenzen seitens der Schiedsrichter. Die Folge war, dass Burns in der 24. Minute eine Fuss­verletzung erlitt, fortan auf die Zähne biss und danach erst recht mit dem Skoren anfing. Vid Milen­kovic, der erstmals in der Nationalliga A spielt, mausert sich zudem immer mehr zur Entdeckung der Saison. Er war mit elf Rebounds der Top-Rebounder – und dies bei 196 Zen­timeter Körperlänge.

Cheikh Sane ist trotz 207 Zentimetern weiterhin ein Leichtgewicht unter den Brettern. Aber der Senegalese holte sich sieben Rebounds und setzte drei von vier Freiwürfen in den Korb - für ihn eine superbe Quote. Matthew Milon zeigte auf, warum er in den USA zu den besten Distanzwerfen aller College-Spieler gehörte, während Yafet Haile ein Rohdiamant ist. Unge­schliffen, zeitweise archaisch spielend und mit noch zu vielen technischen Mängeln trat er auf, und dennoch wünscht man sich diesen leichtfüssigen, sprung­gewaltigen Center mehr im Einsatz zu sehen. Das gleiche gilt für Sébastien Davet. Der Freiburger, der das Basket-ABC in der Akademie von Olympic Fribourg erlernt hat, ist ein Instinkt-Basketballer mit einem feinen Wurfhändchen.

Vom Buhmann zum gefeierten Matchwinner

Und dann gibt es noch Nathan Krill. Dieser hatte in der letzten Saison in den Niederlan­den als Rookie brilliert, war holländischer Vize-Meister geworden und war ein erstaunli­cher Zuzug für die Starwings. Krill ist ein Mann, der über superbe Basics verfügt. Doch diese Saison stand für den kräftigen Amerikaner, der sowohl auf dem Flügel wie auch als «Half»-Center agieren kann, unter einem schlechten Stern. Das Coronavirus setzte ihn wochenlang schach­matt, danach gab es einen Rückfall und Krill konnte nie sein wahres Potenzial ausspie­len. Auch gegen Neuchâtel war er oftmals nicht auf der Höhe des Geschehens. Aufgrund seiner Ballverluste, Fehlwürfe und falschen Entscheidungen wäre Krill bei der erwarteten Niederlage mit Kritik überhäuft worden. Doch dann stieg Krill mit der Schlusssirene hoch und setzte den Ball aus sieben Metern in den Korb – und avancierte somit zum Matchwinner.

Mit diesem Erfolg haben die Starwings die Playoffs zwar noch nicht auf si­cher, aber mit einem erhofften Heimsieg gegen Nyon werden sie diesen Schritt schaffen. Das ist aber keine Selbstverständlichkeit, denn es gilt weiterhin: Kein Team ist von derart viel Pannen, Pech und Pleiten betroffen wie die Starwings.

Neuenburg hatte im Vorfeld zur Partie gegen die Starwings einen Trainerwechsel vorge­nommen und mit Center Eric Carter und John Ford zwei neue Amerikaner ver­pflichtet, die in Europa bereits beeindruckende Duftmarken hinterlassen hatten. Und Union gehört - neben Genf, Fribourg und Massagno - zu den vier Landesgrossen, wel­che den Titel unter sich ausmachen werden. Dass der Underdog aus dem Baselbiet just zum Auftakt der 3. Runde auswärts bei einem dieser Grossen zu gewinnen ver­mochte, muss als Exploit und Sensation der Saison bezeichnet werden.

Telegramm

Union Neuchâtel – Starwings 82:84 (39:35)

Riveraine. - keine Zuschauer. - SR: Herbert/Mazzoni/Carr.

Neuchâtel: Colon (10), Taylor (9), Anabir (10), Ford (20), Carter (12); Fofana (14), Martin (1), Küb­ler (6); Caputo, Chokoté, Gräser, Tomat.

Starwings: Burns (23), Milenkovic (11), Milon (13), Haile (6), Sane (13); Davet (11), Krill (7), Wei­bel, Pausa.

Bemerkungen: Neuchâtel ohne US-Center Giddens (abwesend). - Starwings ohne Spielmacher Kostic (Bänderverletzung), Vranic (Hüftprobleme), Fasnacht (Schule/Rücktritt) und Fuchs (Rück­tritt). - Vier­telsresultate: 27:20, 12:15 (39:35); 20:24 (59:59) und 23:25 (82:84). - Fouls: Neuchâtel 22, Starwings 26. - Zu den besten Spielern wurden Ford und Burns (beide USA) gewählt.