US Open

Belinda Bencic: Weshalb ihr erster Sieg bei einem Grand-Slam-Turnier nur noch eine Frage der Zeit ist

Belinda Bencic stand bei den US Open erstmals in den Halbfinals eines Grand-Slam-Turniers. Es soll zur Gewohnheit werden (Bild: Keystone).

Belinda Bencic stand bei den US Open erstmals in den Halbfinals eines Grand-Slam-Turniers. Es soll zur Gewohnheit werden (Bild: Keystone).

Belinda Bencic verliert den Halbfinal bei den US Open gegen die Kanadierin Bianca Andreescu zwar mit 6:7, 5:7. Gleichwohl erbrachte sie in New York den Nachweis, dass ihr erster Erfolg bei einem Grand-Slam-Turnier nur noch eine Frage der Zeit sein dürfte.

Belinda Bencics erster Halbfinal bei einem Grand-Slam-Turnier bei den US Open wurde einer der verpassten Möglichkeiten. Im ersten Satz liess sie sechs Breakchancen und einen Satzball ungenutzt, im zweiten verspielte die 22-Jährige eine 5:2-Führung und verlor mit 6:7, 5:7 gegen die Kanadierin Bianca Andreescu (WTA 15). «Natürlich bin ich enttäuscht. Doch ich darf trotzdem nicht vergessen, wie weit ich hier gekommen bin. Darauf bin ich stolz», resümierte Bencic, die Augen gerötet. Sie rückt in der Weltrangliste auf Position 10 vor und ist damit so gut klassiert wie letztmals vor drei Jahren. In der Jahreswertung liegt Bencic gar auf Platz 8 und ist damit auf Kurs, sich erstmals für das Masters in Shenzhen, China, zu qualifizieren. Ihr Ziel sei es, sich künftig regelmässig in die Halbfinals der Grand-Slam-Turniere vorzuspielen. «Und ich hoffe, meine Chance kommt irgendwann.» Vieles spricht dafür, dass dies schon sehr bald der Fall sein wird.

Gesundheit als Basis des Erfolgs erkannt

Handgelenke, Adduktoren, das Steissbein, Rücken, Knöchel – es gibt kaum ein Körperteil, das Bencic in den letzten Jahren nicht zu schaffen machte. Mehr als einmal hing ihre Karriere an einem seidenen Faden. «Da zweifelte ich schon, ob ich je wieder gesund Tennis spielen könne», sagte sie in New York. Doch seit ihrer Operation am linken Handgelenk im Frühling 2017 blieb sie von gravierenden Blessuren verschont. Inzwischen gehört sie zu den besten Athletinnen im Frauen-Zirkus. Bencic hat längst erkannt, dass die Gesundheit die Basis für Erfolge ist. Sie ernährt sich gesund und arbeitet auch neben dem Platz äusserst hart – nach Anleitung von Fitnesstrainer und Freund Martin Hromkovic.

Kleines, stabiles Umfeld aus Freund und Vater

Seit der ehemalige Fussballer im letzten Sommer in ihr Leben getreten ist, hat sich auch ihr Umfeld stabilisiert. Im Herbst kam es zur Wiedervereinigung mit Vater Ivan als Trainer. In den beiden Jahren zuvor hatte Bencic Trainer gewechselt, von denen sie in der Woche zuvor noch geschwärmt hatte. Richtig glücklich wurde sie mit diesen aber nie. «Die neuen Trainer wollten meine Schläge umstellen, doch so gingen auch meine Stärken verloren. Mein Vater kennt mich und das Tennis, das ich spiele, am besten. Mein Stil ist eben sehr eigen, etwas speziell», sagte sie im Januar zur «Schweiz am Wochenende». Die Abnabelung vom Elternhaus war wichtig. «Wir haben uns beide weiterentwickelt. Wir können Tennis und Privates jetzt viel besser trennen», sagt Bencic. Vater Ivan verliert zudem nur gute Worte über den Freund der Tochter. «Wir haben den nötigen Respekt voreinander. Martin war auch Mannschaftssportler, ist anständig und hat einen ähnlichen Humor wie ich.» Und das Wichtigste: «Er tut Belinda gut.»

Ein eingespieltes Team: Belinda Bencic und Vater Ivan (Bild: Keystone).

Ein eingespieltes Team: Belinda Bencic und Vater Ivan (Bild: Keystone).

Evolution des Spiels: Alte und neue Waffen

Neben einer beeindruckenden Sicherheit in den Grundschlägen war es schon immer Belinda Bencics grösste Stärke, das Spiel der Gegnerin zu dechiffrieren, deren nächsten Schlag weit im Voraus zu antizipieren. Seit sie perfekt austrainiert ist, scheint sie immer schon dort zu stehen, wo der Ball hinkommt, in perfekter Balance, gedanklich immer schon einen Schritt voraus. Chris Evert sagte während der US Open, es gebe keine Spielerin, die das Spiel besser lese als Bencic. Sie hat die letzten Monate aber auch dazu genutzt, ihre Schwächen auszumerzen. Bencic serviert härter, präziser und konstanter denn je. In den vier Spielen auf dem Weg in die Halbfinals liess sie nur fünf Breaks zu. Zwar musste sie sich im zweiten Satz des Halbfinals vier Mal den Aufschlag abnehmen lassen, das ändert aber nichts an der Tatsache, dass Bencic mit dem Aufschlag über eine neue Waffe in ihrem Schlagarsenal verfügt.

Reife, Konstanz und ein neues Selbstverständnis

Als Bencic vor fünf Jahren als 17-Jährige in die Viertelfinals der US Open stürmte, entzückte sie mit ihrer fast kindlichen Unbeschwertheit. Ihr kometenhafter Aufstieg endete erst anderthalb Jahre später. Es kamen die ersten Verletzungen und Resultatkrisen. Bencic geriet in einen Teufelskreis und verlor die Unbeschwertheit. «Heute denke ich mehr nach, aber das ist normal und auch kein Drama», sagte sie damals. Nun spielt Bencic auf konstant hohem Niveau, hat in diesem Jahr 9 von 14 Duellen gegen Top-Ten-Spielerinnen gewonnen und mit Naomi Osaka drei Mal die Weltnummer 1 besiegt. Vor Wimbledon sagte sie im Gespräch mit dieser Zeitung: «Ich fühle mich bereit für einen Grand-Slam-Titel.» Es ist das Fundament für das neue Selbstverständnis, selber zu den Weltbesten zu gehören. Und idealer Nährboden für den ersten Grand-Slam-Titel. Vielleicht schon im Januar bei den Australian Open. Denn aufgeschoben ist nicht aufgehoben.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1