Olympische Spiele
Bringt Olympia das Zika-Virus in die Welt?

Das durch Mücken übertragbare Zika-Virus ist das grosse Thema vor den Olympischen Spielen in Rio. Auch wenn in Brasilien Winter ist und deshalb weniger Insekten fliegen – eine globale Verbreitung ist durchaus möglich.

Kristian Kapp
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Die Tigermücke als Übertrager des Zika-Virus dominiert die Schlagzeilen vor den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro.

Die Tigermücke als Übertrager des Zika-Virus dominiert die Schlagzeilen vor den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro.

KEYSTONE

Rory McIllroy reist nicht nach Rio, Vijay Singh und Jason Day tun es ihm gleich. Unter den Spitzengolfern gibt es bereits mehrere Absagen für die Olympischen Spiele, die im direkten Zusammenhang mit dem Zika-Virus stehen. Die Top 4 der Welt nehmen geschlossen nicht teil. Auch in der Tennis-Welt gibt es mittlerweile erste Absagen wegen des Zika Virus. So gaben der kanadische Wimbledon-Finalist Milos Raonic, der Tscheche Tomas Berdych und die rumänische Weltnummer 5 Simona Halep ihren Verzicht auf Rio bekannt. Hysterie oder begründete Sorgen?

Man müsse grundsätzlich zwischen zwei Fällen unterscheiden, sagt Felix Fleisch, Leiter der Infektiologie am Kantonsspital Graubünden in Chur. «Zika ist ein Riesenproblem.» Die Mikrozephalie, die Missbildung der neugeborenen Kinder, die das Virus als Folge haben kann, sei etwas Furchtbares. «Als Schwangere und bei Kinderwunsch würde ich darum derzeit nicht nach Brasilien reisen», sagt Fleisch.

Bei «Nichtschwangeren» hingegen sei die Lage anders: «Bei Männern, die sich nicht fortpflanzen wollen, sehe ich keine grossen Gefahren.» Die meisten, die sich mit dem Zika-Virus anstecken, bemerken dies nicht einmal: «80 Prozent der Fälle sind asymptomatisch.» Beim Rest zeigen sich Grippesymptome: Gliederschmerzen, Kopfweh, teilweise Bindehautentzündungen. Und dann wird noch in ganz seltenen Fällen das Guillain-Barré-Syndrom festgestellt. Dabei handelt es sich um von unten aufsteigende Lähmungserscheinungen, jener einer Paraplegie ähnlich, die allerdings fast immer nur vorübergehend sind. «Das ist das Schlimmste, das man als Nichtschwangere vom Zika-Virus bekommen kann», sagt Fleisch.

An der WM noch kein Thema

Das Zika-Virus ist in Südamerika ein neues Phänomen. Vor zwei Jahren, als ebenfalls in Brasilien die Fussball-WM stattfand, war es noch kaum ein Thema. «Das kann auch daran liegen, dass die Symptome ähnlich sind wie bei den beiden bekannteren Infektionskrankheiten Dengue und Chi- kungunya», erklärt Fleisch. «Wenn man also vor zwei Jahren noch nicht spezifisch nach dem Zika-Virus suchte, bemerkte man es vielleicht noch gar nicht.» Die beiden genannten Fieberarten sind für Männer grundsätzlich schlimmer als eine Ansteckung mit dem Zika-Virus. Übertragen werden sie durch dieselben Mückenarten: Vor allem durch die Gelbfiebermücke,sowie die in der Schweiz ebenfalls bekannte Tigermücke.

Im Tessin sind Tigermücken bereits heimisch. «Und auch in Basel, einer ebenfalls im Schweizer Durchschnitt wärmeren Region, hat man sie schon nachgewiesen», sagt Fleisch. Die Tierchen dürften via Gotthardroute Richtung Norden transportiert worden sein: «Der globale Handel und der Tourismus sind diesbezüglich ein Problem.» In Graubünden blieben trotz geografischer Nähe Sichtungen von Tigermücken bislang weitgehend aus. Und noch wichtiger, wie Fleisch betont: «Es gibt in der Schweiz noch keinen nachgewiesenen Fall von Tigermücken mit Krankheitserregern.» In Italien hingegen wurden vor zwei Jahren bereits Dengue und Chikungunya nachgewiesen – verbunden mit einem Ausbruch in der Region Emilia-Romagna.

Und dennoch sind es nicht nur Hysterie oder Angstmacherei, dass es die Olympischen Spiele sein könnten, die 2016 das Zika-Virus in die Welt tragen werden. «Es ist eines der Hauptprobleme von Olympia», sagt Fleisch. «Es wird ja nicht nur Sportler, sondern grosse Massen von Fans aus aller Welt in Brasilien haben.» Wird ein mit dem Virus infizierter Brasilienreisender nach der Rückkehr in der Heimat von einer Tigermücke gestochen, kann das Insekt Zika auch auf Menschen übertragen, die selbst gar nie in Südamerika waren. Fleisch: «Man würde mit einem Stich nicht automatisch angesteckt. Aber es ist möglich. Noch ist es Theorie, es wird aber wahrscheinlich irgendwann zur Praxis.»

In der Schweiz beurteilt Fleisch die Gefahren noch nicht als gross: «Wenn es übertragen wird, dann eher in Armutsregionen mit schlechterer medizinischer Versorgung und vor allem nicht so guten Überwachungsmethoden wie bei uns – beispielsweise in Slums von asiatischen oder afrikanischen Ländern.» Während in der Schweiz eine Ansteckung schnell erkannt und sofort Alarmstufe Rot herrschen würde, sei die Frage schwierig zu beantworten, wie lange es in ärmeren Regionen ginge, bis überhaupt nach dem Zika-Virus gesucht würde, sagt der Bündner Infektiologe.

Vor einer weiteren Art der Übertragung des Zika-Virus› ist indes niemand gefeit: Jener der sexuellen. «Bis jetzt ging man davon aus, dass nach der Rückkehr aus Brasilien rund einen Monat lang nur geschützter Geschlechtsverkehr praktiziert werden soll», sagt Fleisch. «Mittlerweile empfiehlt man mindestens drei Monate, um sicher gehen zu können, dass das Virus nicht mehr im Körper ist.»

Die Mücken stechen am Tag

Ansonsten lasse sich für Brasilienreisende nicht viel machen. Gegen Zika, Dengue und Chikungunya ist keine Impfung möglich. «Am wichtigsten ist der Mückenspray», sagt Fleisch. Auch Moskitonetze in der Nacht seien sinnvoll, allerdings bieten sie keinen umfassenden Schutz: «Während jene Mücken, die Malaria übertragen, vor allem in der Nacht aktiv sind, stechen Tiger- und Gelbfiebermücke vorwiegend am Tag.»

Immerhin: Im August ist in Brasilien Winter, wegen der entsprechend trockeneren und kühleren Witterung wird es dann deutlich weniger Mücken haben.