Challenge League
Bei den Grasshoppers überschlagen sich die Ereignisse – es fallen böse Worte

Zwei von vier Führungspersonen der Grasshoppers sind seit Ende Januar zurückgetreten. Die chinesischen Besitzer sollten für Transparenz sorgen und dafür, dass Präsident Sky Sun endlich in Zürich seine Arbeit aufnehmen kann.

Markus Brütsch
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Da war die Welt der Grasshoppers noch fast in Ordnung: Adrian Fetscherin begrüsst den neuen Trainer João Carlos Pereira. Der Makel: Der Name des Portugiesen wurde nicht ganz richtig geschrieben...

Da war die Welt der Grasshoppers noch fast in Ordnung: Adrian Fetscherin begrüsst den neuen Trainer João Carlos Pereira. Der Makel: Der Name des Portugiesen wurde nicht ganz richtig geschrieben...

Warten auf Godot. Das Theaterstück aus dem Jahre 1948 ist längst zu einem Synonym für Warten ohne Ende geworden. An einer Landstrasse warten zwei Landstreicher auf Godot, einen Unbekannten. Sie wissen nicht, warum sie warten und ob es Godot überhaupt gibt. Ein Junge erscheint und sagt, Godot komme heute nicht, aber sicher morgen. Was natürlich nicht geschieht. Das Stück endet mit dem nicht endenden Warten.

Im Januar dieses Jahres sitzen die Geschäftsführer Shqiprim Berisha, Samuel Haas, Adrian Fetscherin und Sportchef Bernard Schuiteman im Campus in Niederhasli und warten. Auf Sky Sun, den Präsidenten des Grasshopper Clubs. Der Chinese sitzt wegen der Coronapandemie in Schanghai fest und darf nicht in die Schweiz ausreisen. Immer wieder erhalten die vier aus dem fernen Asien Nachrichten, dass ihr Chef bald in Zürich eintreffen und die Führung von GC vor Ort übernehmen werde. So, wie es sich für einen richtigen Präsidenten gehört. Sie stehen täglich via Zoom mit Sky Sun in Kontakt, leibhaftig gesehen haben sie ihn aber noch nie. Im Campus werden die Ankündigungen aus China sowie Einreisebestätigungen ausgedruckt und neugierig-misstrauischen Journalisten vorgelegt – es sei halt alles nur eine Frage der Zeit.

Das Warten auf Sky Sun dauert schon zehn Monate

Doch Sky Sun kommt und kommt nicht. Das Warten auf den 34-Jährigen dauert nun schon zehn Monate. Seit dem
8. April 2020 und dem Tag, an dem bekannt wurde, dass die Grasshoppers an chinesische Investoren verkauft worden seien. Genauer: an Jenny Wang. Die chinesische Unternehmerin ist die Frau von Guo Guangchang, Mitbegründer des milliardenschweren Mischkonzerns Fosun, dem auch der Premier-League-Klub Wolverhampton Wanderers gehört. Und weil die Fifa es nicht erlaubt, zwei Klubs zu besitzen, hat Guangchang die Grasshoppers seiner Frau geschenkt und dafür die Firma Champion Union HK Holdings Limited gegründet sowie Sky Sun zum Präsidenten ernannt. Dieser hatte für die Wolves gearbeitet und Fussball ist für ihn kein Fremdwort.

Nachdem GC in der letzten Saison unter der neuen Ägide mit einer blutjungen Mannschaft der Barrageplatz entglitten war, holte Sportchef Schuiteman 19 neue Spieler, installierte einen fünfköpfigen portugiesischen Staff und mehr und mehr portugiesische Profis. Der Grund: Der mächtige portugiesische Spieleragent Jorge Mendes hat einen Teil seines Geschäfts an Fosun verkauft, ist stark mit den von Portugiesen geprägten Wolverhampton Wanderers verbandelt und nun auch, trotz Schuitemans tapferen Dementis, mit GC. Fakt ist: Im Kader der Hoppers stehen acht Portugiesen und fünf Spieler, die schon mal bei den Wolves waren. Auf Mendes’ 108-köpfiger Kundenliste figurieren mit Nadjack und Nobrega allerdings nur zwei GC-Akteure.

Auch wenn Portugal ein starkes Fussballland ist und seit 2016 den Europameister stellt, ist der Erfolg selbst mit noch so vielen Portugiesen nicht gleich garantiert. Zwar hat das 2019 abgestiegene GC am Freitagabend mit einem 2:0-Sieg in Thun wieder die Tabellenführung in der Challenge League übernommen und kann mit einem Erfolg am Dienstag gegen Aarau seinen Vorsprung auf fünf Zähler ausbauen, aber überzeugend ist nicht, was Trainer João Carlos Pereira und sein Team im bisherigen Saisonverlauf abgeliefert haben. Der Aufstieg ist noch lange nicht in trockenen Tüchern. Obwohl den Verantwortlichen gemäss «Sonntags-Zeitung» ein Budget von 16 bis 18 Millionen Franken zur Verfügung steht und sich besseres Personal erwerben liesse.

Irritationen nach dem Rücktritt von Schuiteman

Es sind indes nicht diese mittelmässigen Leistungen, die bei GC zur Eskalation geführt haben. Begonnen haben die Irritationen mit dem Rücktritt Schuitemans, der Ende Januar von sich aus die Koffer gepackt hat und sich mit der Begründung verabschiedete, das Amt des Sportchefs sei nichts für ihn. Man durfte zwar vermuten, dass einiges mehr dahintersteckt, doch die gewaltigen Gräben, die sich beim Rekordmeister nun wieder aufgetan haben, sind erst sichtbar geworden, als in der letzten Woche bekannt wurde, dass Ende Januar auch Adrian Fetscherin, verantwortlich für Kommunikation und Marketing, die Kündigung eingereicht habe.

Die Eruption in Niederhasli erreichte ihren Höhepunkt, als Fetscherin ein Video auf Facebook stellte, in welchem er GC-Verwaltungsrat Andras Gurovits mit einer selten gesehenen Aggressivität attackierte und auch den früheren Zentralpräsidenten Andres Iten zur Zielscheibe wählte. Fetscherin polterte: «Wir haben den Feind im eigenen Haus, der alles unternimmt, damit die neue Führung keinen Erfolg hat.» Am Samstag wurde bekannt, dass Fetscherin per 1. März als Geschäftsführer zum EHC Arosa zurückkehrt.

Seine Tirade hatte fünf Minuten gedauert und die enorme Zerstrittenheit zwischen der neuen Führung und Gurovits aufgezeigt. Dieser fungiert als Präsident der Minderheitsaktionärin Grasshopper Fussball Stiftung und ist zusammen mit früheren Protagonisten nicht zufrieden, wie die unerfahrenen Statthalter der Chinesen arbeiten. Wie sie GC nach aussen präsentieren und öffentlich erklärten, die frühere Führung habe liederlich gearbeitet. Und wie kaltblütig sie den bisherigen Sportchef Fredy Bickel abservierten. Bisher haben Gurovits und Co. auf eine Replik verzichtet, das Niveau ist ihnen zu tief.

Wie weiter? Der einst stolze Krösus des Schweizer Fussballs gibt seit langem ein tristes Bild ab. Dass sich weder aus der reichen Schweiz noch aus Zürich selbst Leute finden liessen, die GC finanziell auf ein starkes Fundament stellten, ist ernüchternd. Bedenklich aber ist auch, dass die chinesischen Besitzer keinerlei Anstalten machen zu erklären, was sie mit ihrem Engagement bezwecken, mit der angeblichen Investition von
60 Millionen Franken. Ob sie GC als Plattform für junge Talente nützen wollen, um mit diesen Transfergewinne zu erwirtschaften oder einfach nur als Farmteam der Wolves sehen.

Haben die Chinesen auch politische Ziele?

Vermutet wird jedoch auch, dass sie den 27-fachen Schweizer Meister als Ausgangspunkt für geschäftliche und politische Ziele und zur Erweiterung ihres Netzwerks benützen wollen. Das allerdings würde Sky Sun sicher nicht zugeben, falls er denn wirklich einmal einfliegen sollte. Transparenz steht bei den Chinesen nicht an erster Stelle.

Sky Sun hat die Schweiz schon oft besucht. Sie gefalle ihm ausserordentlich, hat er der NZZ gesagt. Besonders Zürich habe es ihm angetan. Man fragt sich: Ist Corona und die bislang nicht erteilte Ausreiseerlaubnis tatsächlich der Grund, weshalb er im Campus noch immer nicht aufgetaucht ist? Aber klar scheint auch: Wenn aus dem Phantom Sky Sun nicht endlich ein Mensch aus Fleisch und Blut wird, sinkt die minime Chance gegen null, dass bei


GC Ruhe einkehrt und sich der FC Portugal doch noch halbwegs gut entwickelt. Die Frage, wie weit sich die Fans mit diesem GC noch identifizieren können, steht eh auf einem anderen Blatt geschrieben.

Das Warten auf Godot geht weiter.