Super League
Christoph Spycher: «Wir haben das Heft des Handelns nicht in der Hand»

YB-Sportchef Christoph Spycher äussert sich vor dem Verfolgerduell gegen Sion über seine Pläne mit dem Chaos-Verein YB.

François Schmid-Bechtel
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Der neue YB-Sportchef Christoph Spycher ist mit dem Fussball weiterhin in Tuchfühlung.

Der neue YB-Sportchef Christoph Spycher ist mit dem Fussball weiterhin in Tuchfühlung.

Mario Heller

Christoph Spycher, wann waren Sie das letzte Mal emotional berührt?

Christoph Spycher: Am letzten Sonntag, als meine Frau und die Kinder nach einem kurzen Besuch in Deutschland wieder nach Hause gekommen sind. Die Freude der Kinder über unser Wiedersehen berührt mich immer wieder.

Solche Situationen werden Sie nun häufiger erleben. Denn mit dem Wechsel vom Talentmanager zum Sportchef wird Ihre Zeit mit der Familie knapper.

Es ist im Moment sehr intensiv, weil ich mich einarbeiten muss, gewisse Dinge neu organisieren will, was mit grossem Aufwand verbunden ist. Aber es ist mein Ziel, mich so zu organisieren, dass sich alles normalisiert.

Sie sind der ärmste Sportchef der Schweiz.

Warum?

Weil Sie aufgrund der Vertragslaufzeiten der Spieler keinen Handlungsspielraum haben. Sprich: Nur drei Verträge laufen zum Saisonende aus.

Das ist so. Aber ich wusste, was auf mich zukommen wird. Deshalb habe ich mich abgesichert, indem ich mir Zeit für Veränderungen ausbedungen habe. Alle im Verein wollen viel verändern. Aber allen ist klar, dass dies nicht sofort geschehen kann. Unsere Strategie basiert auf einem Mehrjahresplan.

Als neuer Sportchef will man doch etwas bewegen. Sie müssen stattdessen die Scherben der Vergangenheit zusammenfegen.

So schlimm ist es nicht. Aber im Moment haben wir das Heft des Handelns nicht in der Hand.

Die Mannschaft soll kleiner und billiger werden, gleichzeitig aber nicht erfolgloser. Üben Sie sich in der Quadratur des Kreises?

Nein. Wir bewegen uns im Profifussball, da kann man keinen Bogen um das Erfolgsdenken machen. Und es ist nicht so, dass wir einen Investitionsstopp haben. Wir wollen insbesondere in unsere jungen Spieler noch mehr investieren.

Sie müssen das Budget runterschrauben, wollen aber gleichzeitig in den Nachwuchs investieren. Diese Rechnung geht erst auf, wenn Sie irgendwo massive Abstriche machen.

Das stimmt. Wir wollen bei den Spielern im mittleren Segment Einsparungen vornehmen. Einerseits, weil wir Platz für unsere jungen Spieler benötigen. Andererseits, weil diese Spieler ein hoher Kostenfaktor sind.

Aber eben: Diese Spieler haben mit Ausnahme von Scott Sutter alle noch einen Vertrag bis 2018.

Ja, den ganz grossen Hebel haben wir erst in eineinhalb Jahren.

Christoph Spycher mit den Söhnen Dominik (rechts) und Claudio (links) bei seiner Verabschiedung im Mai 2014.

Christoph Spycher mit den Söhnen Dominik (rechts) und Claudio (links) bei seiner Verabschiedung im Mai 2014.

Keystone

Durchhalten ist angesagt. Und Sie müssen das Umfeld auf 2018 vertrösten.

Die Zuschauer wissen, wie ich ticke. Ich habe niemandem etwas versprochen. Weder dem Publikum noch den Investoren. Ich gehe meinen Weg und lasse mich nicht von äusseren Einflüssen verbiegen. Und ich bin überzeugt, dass mir sehr viel Goodwill entgegengebracht wird.

Sie wurden schon als Mister Goodwill betitelt.

Es ist schön, mit Rückenwind zu starten. Aber ich hatte in meiner Karriere auch schon häufig Gegenwind. Ich habe nie viel auf Etiketten gegeben. Wichtig ist mir, dass ich in den Spiegel schauen kann.

Sie bleiben auch als Sportchef «Wuschu»?

Natürlich stelle ich mich nie als «Wuschu» vor. Aber das ist mein Spitzname und ich habe auch keine Probleme damit, wenn mich viele Menschen so ansprechen. Ich definiere mich weder über meinen Spitznamen noch über Etiketten oder Meinungen von aussen.

Sie haben von einem Mehrjahresplan gesprochen. Ist das nicht ein Widerspruch zum schnelllebigen Fussballgeschäft?

Nein. Man muss einfach bereit sein, den Plan konsequent zu verfolgen. Klar, YB kann vier Spiele in Folge gewinnen und schon wachsen die Bäume in den Himmel. YB kann zwei Spiele verlieren und schon ist alles schlecht. Wichtig ist aber, dass man sich nicht von äusseren Einflüssen leiten lässt, sondern eine Strategie hat und sich durch kurzfristige Ausreisser nicht davon abbringen lässt.

Die ständigen Strategiewechsel waren genau die grosse Schwäche von YB.

Wir hatten in den letzten Jahren viele Kurswechsel. Als Spieler hat mich das gestört und ich habe auch darunter gelitten, weil in Bern grosse Erwartungen geschürt wurden, denen wir nicht gerecht werden konnten. Deshalb will ich, dass diese Kurswechsel bei YB Vergangenheit sind.

Wie haben Sie als Spieler reagiert?

Wenn ich den Dialog mit einem Entscheidungsträger hatte, sagte ich immer meine ehrliche Meinung. Aber ich sprach nicht täglich beim CEO oder Sportchef vor.

Was erwarten Sie von Ihren Spielern?

Sie sollen den Weg zu mir suchen, wenn der Schuh drückt.

Spycher: «Jetzt wollen wir unseren Weg gehen, nicht nach links, nicht nach rechts, nicht nach Basel schauen.»

Spycher: «Jetzt wollen wir unseren Weg gehen, nicht nach links, nicht nach rechts, nicht nach Basel schauen.»

Keystone

Was bestärkt Sie darin, dass YB in zwei oder drei Jahren nicht den nächsten Kurswechsel proklamiert?

Bei YB arbeiten viele Menschen, die etliche Kurswechsel miterlebt haben. Ich spüre eine Haltung im Verein: Jetzt wollen wir unseren Weg gehen, nicht nach links, nicht nach rechts, nicht nach Basel schauen.

Gestärkt und vereint, weil geschädigt?

Das kann man so sehen.

Beeindruckend war Ihr erster Auftritt als Sportchef. Sie sprachen die Fehler der Vergangenheit schonungslos an und kritisierten indirekt den Verwaltungsrat. Wie viel Mut brauchte das?

Es brauchte nicht viel Mut, weil die Worte meiner tiefen Überzeugung entsprangen. Nach vier Jahren als Spieler und zwei als Talentmanager habe ich ein klares Bild von YB. Ausserdem habe ich intern, gegenüber dem Verwaltungsrat, die gleiche Aussage gemacht.

Christoph Spycher(hier in seiner aktiven Zeit gegen Basels Dragovic) will sich nicht am FCB orientieren.

Christoph Spycher(hier in seiner aktiven Zeit gegen Basels Dragovic) will sich nicht am FCB orientieren.

Keystone

Sie sagten, Sie hätten keine Versprechen abgegeben. Das stimmt nicht ganz. Denn Sie verkündeten: «Wir wollen die beste Adresse für junge Fussballer in der Schweiz sein.»

Wir sind schon jetzt die beste Adresse für junge Fussballer. Natürlich leisten viele andere Schweizer Klubs auch hervorragende Nachwuchsarbeit. Aber welcher Junior schafft beim FC Basel noch den Sprung in die 1. Mannschaft? Das ist enorm schwierig, wenn man 20 Nationalspieler im Kader hat. Bei uns hingegen ist Platz für junge Spieler und es wird für sie in Zukunft noch mehr Platz geben.

Nur: Basel verkauft seine Juwelen wie Embolo für 25 Millionen zu Schalke. YB verscherbelt Florent Hadergjonaj für 2 Millionen zu Ingolstadt.

Basel spielt aber auch regelmässig in der Champions League, was die Spieler teurer macht. Ausserdem hat auch der FCB nicht viele Embolos. Aber klar: Wir müssen uns auch in dem Bereich steigern und den richtigen Zeitpunkt finden, wann junge Spieler ins Ausland wechseln sollen. Es wäre für alle gut gewesen, hätte Hadergjonaj noch ein Jahr länger bei uns gespielt.

Eine Baustelle hat YB auch in der Abwehr. Rochat, Sutter und von Bergen sind über ihrem Zenit. Benito ist ewig verletzt und der 5-Millionen-Einkauf Vilotic wurde in den Nachwuchs verbannt.

Wir haben kein Qualitätsproblem in der Abwehr. Steve von Bergen stand jüngst zwar in der Kritik. Vielleicht absolvierte er zuletzt zu viele Partien. Aber ich mache ihn bewusst als Führungsspieler stark. Denn von Bergen garantiert über 36 Runden in der Super League extrem geringe Schwankungen. Und er ist ein Vorbild, kümmert sich hervorragend um die jungen Spieler, gibt ihnen Tipps, redet ununterbrochen mit ihnen. Von Bergen und Hoarau sind unsere beiden Eckpfeiler im Team – eigentlich unverzichtbar.

Wohl bekomms, wer einen 5-Millionen-Mann im Nachwuchs spielen lässt.

5 Millionen ist zu hoch gegriffen. Ich habe weder mit dem Transfer von Milan Vilotic etwas zu tun gehabt noch mit dem Entscheid, ihn in die U21 abzugeben. Trainer Adi Hütter sieht für Vilotic keinen Platz in seinem System. Ich kann Vilotic nichts vorwerfen. Ich arbeite nun an einer Lösung, die für alle Parteien gut ist. Aber klar: Eigentlich kann sich YB einen solchen Fall nicht leisten.

Es scheint, als müsste Trainer Hütter Kompromisse eingehen. Der radikale Pressing- und Vertikal-Fussball, für den Hütter steht, ist mit Hoarau ganz vorne und von Bergen ganz hinten nicht umsetzbar.

Für mich gibt es kein System der Welt, in dem Hoarau keinen Platz hat. Er hat eine unglaubliche Torquote, ist ein fantastischer Leader und hat sehr gute Laufwege. Wie er das Pressing auslöst, das ist gut. Die Frage ist: Willst du zwei Stürmer, die nur 1,70 m gross sind dafür die 100 Meter in 10 Sekunden laufen aber kein Luftduell gewinnen? Hoarau ist ein Trumpf und ganz sicher kein Problem.

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