EM-Qualifikation

Dank diesem Esten ist die Schweiz bereits für die EM qualifiziert

Babyjubel nach dem Tor. Ats Purje feiert seinen Siegestreffer gegen Slowenien. Hendrik OsulaEkspress Meedia.jpg

Babyjubel nach dem Tor. Ats Purje feiert seinen Siegestreffer gegen Slowenien. Hendrik OsulaEkspress Meedia.jpg

Am Montag trifft die Schweiz in Tallinn auf Estland. Stürmer Ats Purje schoss zu Beginn der Qualifikation Slowenien ab und ermöglichte so die frühzeitige EM-Qualifikation der Schweiz. Nun erklärt er den Fussball in Estland.

Es ist nur ein Tor. Und dieses Tor ist schon eine Weile her. Aber jetzt, im Moment der erfolgreichen EM-Qualifikation, ist die Zeit gekommen, dieses Tor zu würdigen. Denn im Rückblick erkennen wir: Ohne dieses Tor wäre die Schweiz ziemlich ins Zittern gekommen.

Es ist das Spiel Estland gegen Slowenien, der erste Qualifikationsabend. Estland gewinnt 1:0. Und knöpft den Slowenen drei Punkte ab, die ihnen im Kampf um Rang 2 mit der Schweiz fehlen. Ats Purje heisst der estnische Torschütze von damals.

Als er in Tallinn das Telefon abnimmt, sagt er: «Ich glaube, ich weiss, warum Sie mich anrufen.» Der Bitte, sich noch einmal an sein Tor zu erinnern, kommt er gerne nach: «Ich wurde in der 85. Minute eingewechselt. Gleich in der ersten Aktion schleiche ich mich vors Tor. Ein Mitspieler schiesst, der Ball fliegt mir vor die Füsse und ich verwerte den Abpraller. Ich stand am richtigen Ort, es war auch ein bisschen Glück dabei.»

Der Schweizer EM-Helfer

Purje ist also so etwas wie ein Schweizer EM-Helfer. Seit August ist er 30-jährig. Im Nationalteam von Estland erlebt er derzeit seine schönsten Tage. «Früher war ich eher Ersatzspieler – wie damals gegen Slowenien ja auch noch. Mittlerweile hat sich das geändert.» Am Freitag im Wembley spielte er beim 0:2 gegen England 69 Minuten.

Wie einige Esten spricht auch Purje etwas Deutsch. Zehn Jahre lang hatte er es in der Schule gelernt. «Aber an der Abschlussprüfung holte ich nur 15 von 100 möglichen Punkten», sagt er und lacht, «es würde einen Monat dauern, bis ich die Sprache wieder einigermassen kann.» Also erzählt er in Englisch weiter.

Die höchste Liga in Estland umfasst zehn Teams, sechs Profi-Mannschaften und vier bestehend aus Amateuren. «Aber das Niveau hat sich angeglichen. Vor fünf Jahren wäre ein 10:0 noch problemlos möglich gewesen.»

Purje spielt bei Nömme Kalju. Das drittplatzierte Team der Meisterschaft ist genauso aus Tallinn wie die beiden führenden der Liga, Flora und Levadia.

Als Purje beschloss, den Fussball ernst zu nehmen, war er 16. «Davor habe ich nicht wirklich daran geglaubt, es zum Profi zu schaffen.»

Obwohl er schon in Jugendjahren besser war als viele seiner Weggefährten. In Estland, erzählt er, seien die Trainer noch von alten Ideen geprägt. «Es konnte vorkommen, dass mir ein Coach sagte: ‹Nimm den Ball, renne nach vorne und schiess ein Tor!› Das ist natürlich kein Masterplan gegen bessere Teams.»

«Taktisch leben wir hinter dem Mond»

Etwas herumgekommen ist Purje in seiner Karriere gleichwohl. Er spielte einige Jahre in Finnland. Und dann in Zypern. «Ein wunderbares Land, um Fussball zu spielen, es ist schön warm dort.»

Gleichwohl hat das Abenteuer nur eine Saison gedauert. «Wegen des Geldes», erklärt er, «ich hatte viel Stress wegen meines Lohnes und zu viel darüber nachgedacht.» Sechs von zehn Monatslöhnen hat er erhalten.

Purje ist sich sicher, dass es mit dem estnischen Fussball aufwärtsgeht. Er lobt die Ideen des schwedischen Trainers Magnus Pehrsson im Nationalteam.

«Wir Esten sind technisch nicht viel schlechter als viele Finnen oder Schweden – aber taktisch lebten wir jahrzehntelang hinter dem Mond. Das wird nun immer besser, auch in der Liga.»

In Estland sei der Sport nicht sonderlich populär, bemängelt Purje. «Das hindert die Leute aber nicht, zu erwarten, dass wir uns für eine WM oder eine EM qualifizieren. Schaffen wir es nicht, sind wir Deppen. Viele können die Dimensionen nicht einschätzen.»

Einmal hat es fast geklappt mit einer EM-Qualifikation. 2012 erreichte Estland die Barrage. Scheiterte indes knapp an Irland. «Das war unser grösster Erfolg», sagt Purje.

Nun freut er sich zum Abschluss auf das Duell mit der Schweiz. «Vor allem wegen Shaqiri. Ich mag seine Spielart sehr. Aber für einmal werde ich es nicht so toll finden, wenn er zu seinen Tempodribblings ansetzt.»

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