Challenge League

Das Himmelfahrts-Kommando: Fredy Bickel kehrt zu GC zurück – warum tut er sich das an?

Zuletzt war er bei Rapid Wien am Ruder, nun kehrt er dorthin zurück, wo er einst seine Karriere als Fussball-Manager begonnen hat. Der neue Geschäftsführer von GC, Fredy Bickel.

Zuletzt war er bei Rapid Wien am Ruder, nun kehrt er dorthin zurück, wo er einst seine Karriere als Fussball-Manager begonnen hat. Der neue Geschäftsführer von GC, Fredy Bickel.

Fredy Bickel tut, was gegen jede Vernunft ist. Er kehrt als Geschäftsführer zu den Grasshoppers zurück.

Alte Liebe neu entdeckt. So oder ähnlich. Es würde zum rührseligen Fredy Bickel und seinem jüngsten Stück passen. Der Fussball-Manager kehrt zum Grasshopper Club zurück. Also dorthin, wo er 1992 ins Fussball-Business eingestiegen ist. Und weil Bickel ein Anhänger von gefühlsduseligen Schlagern und ein feinfühliger Mensch ist und nebenbei so herzerwärmend melancholisch dreingucken kann, liegt die Versuchung nahe, die Geschichte mit Puderzucker zu bestreuen. Aber Romantik wäre hier der falsche Ansatz.

GC will acht Millionen sparen

Beide Parteien durchleben nicht ihre beste Phase. Rekordmeister GC wird nach dem Abstieg in die Challenge League ziemlich durchgeschüttelt. Es fehlt Geld, es fehlt Personal und es fehlt eine Zukunftsaussicht. Bickel wiederum hat beruflich schwierige Monate hinter sich. Monate der Desillusionierung, der Enttäuschungen, der geplatzten Träume. GC und Bickel, das ist trotzdem keine Selbsthilfegruppe desperater Seelen. Viel eher ist es gerade wegen der Rückschläge eine aus der Opportunität entstandene Beziehung.

Acht Millionen Franken will GC nach dem erstmaligen Abstieg nach 70 Jahren einsparen. Das Budget beträgt zwar immer noch etwas mehr als 13 Millionen, was ein sehr guter Wert ist in der Challenge League. Aber GC kann nur die Hälfte dieses Betrags aus eigener Kraft erwirtschaften. Je 3,25 Millionen müssen die beiden Besitzer Stephan Anliker und Peter Stüber einschiessen, damit der Betrieb aufrechterhalten werden kann. Dabei läuft dieser Betrieb schon ziemlich schmalspurig. So wurde, obwohl man die Stelle bereits ausgeschrieben hatte, auf die Einstellung eines Medien-Managers verzichtet – aus finanziellen Gründen.

Schiesst bei GC regelmässig Geld ein: Der ehemalige Präsident Stephan Anliker. Die Frage ist einzig: Wie lange noch?

Schiesst bei GC regelmässig Geld ein: Der ehemalige Präsident Stephan Anliker. Die Frage ist einzig: Wie lange noch?

Warum tut sich Fredy Bickel das an?

Per se ist nichts daran falsch, wenn ein Fussballklub am Tropf vermögender Privatpersonen hängt. Im Fall von GC kommt aber erschwerend dazu, dass die beiden Aktionäre offenbar keine grosse Lust mehr empfinden, über die Saison hinaus den Klub zu alimentieren. Zwar sagt das öffentlich noch niemand. Aber hinter vorgehaltener Hand. Und wenn Stüber und Anliker tatsächlich aussteigen, keine neuen Mäzene gefunden werden, droht GC nächsten Sommer das Aus im Profifussball. Ein Szenario notabene, mit dem sich der Präsident Andras Gurovits schon vor dieser Saison beschäftigt hat.

GC ist klamm, das ist zwar nicht neu. Aber der GC-Betrieb lief in den letzten 40 Jahren wohl nie so tieftourig wie heute. Das ist erschreckend. Und führt zwangsläufig zur Frage: Warum nur schliesst sich Fredy Bickel mit 54 und bald 30 Jahren Berufserfahrung diesem Himmelfahrtskommando an?

Er liebäugelte mit dem Job des neuen Nati-Direktors

Als er im Frühling als Geschäftsführer Sport bei Rapid Wien seinen Rücktritt per Ende Saison bekannt gab, tat er dies auch im Wissen, der wohl aussichtsreichste Kandidat für den neugeschaffenen Posten des Nati-Direktors zu sein. Jedenfalls liessen die Signale, die er von der Verbandsspitze erhielt, keinen anderen Schluss zu. Nur: Peter Gilliéron brachte seinen Plan nicht ins Ziel. Bickel indes wurde hingehalten, vertröstet. Und er spielte brav mit.

Als die Saison zu Ende war, hiess der Verbandspräsident nicht mehr Gilliéron sondern Blanc, war noch immer kein Nati-Direktor ernannt und hatte Bickel auch keinen neuen Job. Es gab zwar ein paar Anfragen. Insbesondere zwei deutsche Klubs zeigten sich interessiert. Als der eine Klub auf eine schnelle Entscheidung drängte, sagte Bickel ab. Auch, weil er mit dem Job als Nati-Direktor liebäugelte.

Als Nati-Direktor wurde schliesslich Pierluigi Tami gewählt. Bickel scheiterte, so ein Mitglied des Liga-Komitees, das den Kandidaten vorschlägt, weil ausgerechnet der Vertreter von YB, seinem früheren Arbeitgeber, gegen ihn lobbyiert hatte. Bitter für Bickel. Denn es ist bereits Juli. Und die guten Jobs sind vergeben.

Die Nati-Direktor-Geschichte legt offen, wie klein die Schweizer Fussballwelt ist. Auch bei GC wird Bickel Menschen begegnen, die noch eine offene Rechnung mit ihm haben. Trainer Uli Forte, den er 2015 bei YB entliess, ist wohl das kleinere Problem. Einerseits sagt Forte: «Wir hatten unsere Differenzen, aber das ist Vergangenheit.» Andererseits kann Forte im abgespeckten GC jede Unterstützung gebrauchen.

Arbeiteten schon bei YB zusammen, nun auch bei GC: Uli Forte (links) und Fredy Bickel.

Arbeiteten schon bei YB zusammen, nun auch bei GC: Uli Forte (links) und Fredy Bickel.

Das grössere Problem für Bickel ist Erich Vogel. 1999 wurde er bei GC nach einem gescheiterten Putschversuch gegen seinen Vorgesetzten Vogel entlassen. Und 2014, nachdem Vogel 20 Tage in Untersuchungshaft war, wurde dieser wegen der Beihilfe zur versuchten Erpressung Bickels schuldig gesprochen. Vogel ist zwar 80. Aber sein Gedächtnis funktioniert nach wie vor einwandfrei. Ausserdem versucht Vogel fast permanent, bei GC Einfluss zu nehmen. «Das sind doch alte Geschichten», wehrt GC-Präsident Gurovits ab. «Ich kenne zwar Herr Vogel nicht persönlich. Aber ich glaube nicht, dass wir mit Heckenschüssen rechnen müssen. Denn es würde niemandem etwas bringen.» Sieht man mal von Vogels Ego ab. Vielleicht ist es ja auch Bickels Glück, sollte sich Stüber tatsächlich zurückziehen. Schliesslich ist der Mercedes-Händler ein Jugendfreund Vogels.

Bickel suchte eine echte Herausforderung

Ist es also ein Fehler, dass Bickel ab 1. Oktober bei GC das Kommando übernimmt? Nein, denn er hat kaum etwas zu verlieren. Ausserdem sind die beiden Töchter erwachsen, der Alterssitz gebaut, er ist unabhängig und vor allem ist GC das, was er gesucht hat: Eine echte Herausforderung. Ähnlich wie vor 20 Jahren, als er die Young Boys reanimierte. Oder später, als er mit dem über Jahrzehnte erfolglosen FC Zürich drei Meistertitel feierte.

Autor

François Schmid-Bechtel

François Schmid-Bechtel

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