Extrem-Alpinismus

Das unerwartete Scheitern

Durch die Nordwand in 2 Stunden und 23 Minuten: 2015 eroberte Ueli Steck den Weltrekord am Eiger zurück.Keystone

Durch die Nordwand in 2 Stunden und 23 Minuten: 2015 eroberte Ueli Steck den Weltrekord am Eiger zurück.Keystone

Eigentlich wollte Ueli Steck nicht mehr so viel Risiko auf sich nehmen. Warum kam es trotzdem zur Katastrophe?

Wenn ich scheitere, dann bin ich tot.» Dieses Zitat von Ueli Steck ist so kompromisslos, wie es sein Stil war, Berge zu erklimmen. Es stammt aus einem kürzlich ausgestrahlten Radiointerview mit SRF. Scheitern lag für Ueli Steck nicht drin, mit Misserfolgen hingegen wusste er umzugehen. Sie stachelten ihn an.

Wie im Jahr 2007, als er an der 2500 Meter hohen Südwand der Annapurna im Himalaja beinahe scheiterte. Ein Stein traf ihn am Kopf, Steck stürzte 300 Meter in die Tiefe und kam in einer Schneemulde liegend wieder zu sich. Nur mit viel Glück überlebte er den Absturz. Oder war es einfach nur Pech, dass an einem Tag ohne Steinschlag, wie Steck später betonte, der eine Stein ausgerechnet auf seinem Kopf landete?

Fakt ist: Bergsteiger können noch so vorsichtig sein, ein Risiko schwingt immer mit. Bei Extrembergsteigern wie Steck liegt es sogar exorbitant hoch
(siehe Text unten). Bruno Hasler, Bergführer und Fachleiter Ausbildung beim SAC, sagt: «Je mehr man geht, desto grösser ist das Risiko. Das trifft auf alle zu. Ein Hobbybergsteiger macht vielleicht 30 Touren in seinem Leben – ein Bergführer macht so viele allein in eineinhalb Monaten.» Noch gefährlicher ist es bei Sportlern wie Ueli Steck: 2015 bestieg er in nur 61 Tagen sämtliche 82 Viertausender in der Schweiz. «Da summiert sich viel Risiko.»

Die Fast-Katastrophe von 2007 an der Annapurna hat Steck nicht gestoppt. Im Gegenteil: Danach jagte ein Erfolg den anderen. Immer höher, weiter, extremer lautete das Motto des Emmentalers, der in Ringgenberg bei Interlaken lebte. Die Leidenschaft trieb ihn an, wie er jeweils betonte. Solo in den Bergen unterwegs zu sein, war für Steck das Grösste: «Dann gibt es nur dich und die Natur, allein nimmst du alles viel genauer wahr, es herrscht die totale Freiheit», sagte Steck.

Unverstanden am Berg

Nur kosteten die Abenteuer, die ihm so viel bedeuteten, viel Geld. Und so war der gelernte Zimmermann eben nicht nur für sich selbst in den Bergen unterwegs, sondern auch für die Öffentlichkeit, die sich für den Extremsport-
ler und Werbeträger interessierte. Erst die Aufmerksamkeit garantierte ihm überhaupt lukrative Sponsoringverträge und volle Säle für seine Vorträge.

Schon im Mai 2013 hatte Steck die Überschreitung von Mount Everest und Lhotse ohne Sauerstoff vor (siehe Grafik unten rechts). Während der Vorbereitungsphase zogen Steck und ein Kollege im Eilzugstempo an einer Gruppe Sherpas vorbei, die gerade dabei war, Fixseile zu reparieren. Zurück im Camp kam es zu einem wüsten Gerangel, bei dem Steck mit Steinen und Messern angegriffen wurde. Die wütenden Sherpas sagten, Steck hätte ihre Sicherheit gefährdet, Steck bestritt vehement.

Das nach der Keilerei auf Eis gelegte Projekt war ein Misserfolg, an dem Steck lange zu beissen hatte. Trotzdem kehrte er noch im selben Jahr in die Annapurna-Südwand zurück, um die misslungene Durchsteigung von 2007 erneut zu versuchen. Wieder scheiterte er beinahe: Zwar war er laut eigenen Angaben auf dem Gipfel gestanden, eine kleine Lawine riss ihm jedoch Kamera und Handschuh aus der Hand und viel zu leicht ausgerüstet schaffte er es nur mit Ach und Krach ins sichere Base-Camp. Für seine Solo-Erstdurchsteigung der Annapurna erhielt Steck später zwar die höchste Alpinisten-Auszeichnung, den Piolet d’Or, von einem Erfolg mochte Steck trotzdem nicht sprechen. Das Wagnis bezeichnete er sogar als dumm und er schilderte, wie er in der Wand dachte, sein letztes Stündlein habe nun geschlagen.

Hat es nicht. Doch es war die vielleicht gefährlichste Expedition des Berner Oberländers. Und Steck fiel danach in eine Sinnkrise. Die Angriffe der Sherpas und der Überlebenskampf in der Annapurna-Südwand hatten an ihm genagt. Und so sagte er Ende 2013 der «Schweizer Illustrierten»: «Ich höre auf, das ist mir ziemlich klar. Weiter will ich das Risiko nicht mehr herausfordern, sonst kommt der Tag, an dem ich
beim Znacht fehle.»

Tod auf 6600 Metern

Steck hatte erkannt: Macht er so weiter, dann ist es keine Frage, ob etwas passiert, sondern wann es passiert.

Und trotzdem kehrte er dieses Jahr in die Todeszone im Himalaja zurück. Die Mount-Everest-Lhotse-Überschreitung, die er im Mai 2013 wegen der wütenden Sherpas abbrechen musste, sollte in diesem Jahr endlich gelingen.

Es ist paradox, doch bei seinem letzten Projekt ging Ueli Steck ein kleineres Risiko ein als an anderen Bergen. «Das Risiko liegt in einem Rahmen, den ich akzeptieren kann. Grundsätzlich ist es vor allem ein Sauerstoff-Problem. Und es gibt jederzeit Notausgänge, die ich benützen kann», sagte Steck vor seiner Abreise in den Himalaja.

Seine Ankündigung von 2013, das Risiko nicht weiter herauszufordern, hielt Steck also teilweise ein. Denn die Herausforderung nun lag für einen
wie ihn nicht bei der technischen Schwierigkeit, also der Gefährlichkeit, sondern bei der sportlichen Leistung. Die Frage lautete also: Würde sein Körper die Anstrengung auf dieser Höhe über zwei Tage aushalten?

Wir wissen es nicht. Steck stürzte während des Trainingsaufstiegs auf den über 7800 Meter hohen Nuptse in den Tod. Auf etwa 6600 Metern soll es zum tödlichen Unfall gekommen sein. Ueli Steck scheiterte – und das dort, wo man es nicht unbedingt erwartet hätte.

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