Davis-Cup-Final
"Das war eines der besten Doppel, das wir je zusammen spielten"

Der totale Schweizer Triumph im Davis Cup rückte in Griffnähe. Die Schweiz führt im Final in Lille gegen Frankreich nach dem Doppel mit 2:1. Am Sonntag bietet sich die doppelte Chance, die hässliche Salatschüssel aus Silber erstmals zu gewinnen.

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Müde, aber siegreich: Roger Federer und Stan Wawrinka

Müde, aber siegreich: Roger Federer und Stan Wawrinka

Keystone

Roger Federer und Stan Wawrinka spielten ein heroisches Doppel. Eine Woche nach der Abnützungsschlacht am Masters in London, in der sich Federer am Rücken verletzt hatte und Wawrinka von Mirka Federer bis aufs Blut gereizt worden war, harmonierten die beiden Schweizer Tennis-Stars so gut wie nie mehr auf einem Tennisplatz seit dem gewonnenen Olympiagold vor sechs Jahren in Peking. Federer/Wawrinka besiegten Julien Benneteau/Richard Gasquet in zwei Stunden und zehn Minuten 6:3, 7:5, 6:4. "Das war auf alle Fälle eines der besten Doppel, das wir je zusammen spielten", so Federer. "Es passte alles zusammen. Wir spielten wie ein perfekt harmonierendes Doppel und nicht wie zwei gute Einzelspieler."

Die Schweizer Doppel-Gala kam überraschend. 22 Stunden vorher hatte Roger Federer im Einzel gegen Gael Monfils bloss acht Games gewonnen. Und viermal hintereinander hatten Federer/Wawrinka im Davis Cup wichtige Doppel verloren. Die Bezwinger trugen dabei längst nicht immer grosse Namen: Chris Guccione/Lleyton Hewitt (Au), Mike Bryan/Mardy Fish (USA), Jean-Julien Royer/Robin Haase (Ho) und Andrej Golubew/Alexander Nedowjessow (Kas) hiessen sie. Von den letzten zwölf Doppeln in der Weltgruppe gewannen die Schweizer bloss zwei. Besserung schien nicht in Sicht – trotz der Verpflichtung des Doppel-Coachs David McPherson, des Trainers der so erfolgreichen Bryan-Zwillinge. Letzte Woche trainierten weder Stan noch Federer eine Minute lang Doppel.

Einfach nur überzeugend

Aber gegen Benneteau/Gasquet klappte wieder einmal alles. Die Schweizer dominierten die Partie. Sie gerieten nie in Rückstand. Sie nützten ihre Chancen resolut aus. Roger Federer gab während der gesamten Partie bei eigenem Aufschlag lediglich neun Punkte ab. Stan Wawrinkas Returns flogen den Franzosen serienweise um die Ohren. Jeweils ein Break pro Satz reichte dem Schweizer Team zum Sieg: zum 4:2 im ersten Durchgang, zum 6:5 im zweiten und zum 3:2 im dritten Satz. Die Breaks gelangen zweimal gegen Julien Benneteau (Sätze 1 und 3) und einmal gegen Richard Gasquet. Fast während des gesamten dritten Satzes grinste Stan Wawrinka zwischen den Ballwechseln über das ganze Gesicht. Federer und Wawrinka wussten, dass an diesem Nachmittag nichts schieflaufen würde.

Wie war diese Steigerung im Doppel möglich? Was lief anders als sonst? "Dass wir David McPherson als Ratgeber dabei hatten, war hilfreich. Es war eine grossartige Idee von Severin Lüthi, diesen Fachmann ins Boot zu holen. Er weiss enorm viel übers Doppelspielen. Und vor allem wusste er zahlreiche Details über die französischen Spielern, die in einem Doppel wichtig werden können", sagte Federer. Wawrinka räumte ein, dass man dem Doppel in der Vergangenheit nicht immer die nötige Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Wawrinka: "Die Art und Weise, wie wir dieses Doppel vorbereitet haben, unterschied sich von früheren Begegnungen. Ausserdem spielten wir früher phasenweise nonchalent, was uns jeweils zurückwarf. Diesmal halfen wir uns gegenseitig, ja nicht die Konzentration oder den Faden zu verlieren."

Rückenprobleme sind weg

Der diskussionslose Erfolg widerspiegelte die Einschätzungen der Schweizer Spieler, aber auch den Spielverlauf ausgezeichnet. Stan Wawrinka spielte wieder so grossartig wie am Freitag. Roger Federer steigerte sich an seiner Seite enorm. Der Rücken behinderte ihn überhaupt nicht mehr. Das Tempo der Schweizer überforderte Benneteau und Gasquet. Insbesondere in der zweiten Stunde befanden sich die Franzosen fast ausschliesslich in der Defensive, selbst wenn sie sich am Netz eingerichtet hatten. Am Ende gewannen die Schweizer 105 Punkte, die Franzosen lediglich 81.

Julien Benneteau und Richard Gasquet boten sich bloss drei kleine Chancen, die Partie in eine andere Richtung zu lenken. Im zweiten Satz erspielten sie sich bei 1:0 einen (gegen Federer), bei 2:1 zwei und bei 4:3 nochmals zwei Breakmöglichkeiten (jeweils gegen Wawrinka). Benneteau/Gasquet nützten keine dieser fünf Chancen, obwohl die Schweizer bei diesen Ballwechseln dreimal über den zweiten Aufschlag gehen mussten. Die Franzosen spielten schlichtweg zu wenig gut gegen die entfesselten Eidgenossen. Benneteau unterliefen die Fehler, die zu den Schweizer Breaks führten. Und Gasquets Nerven erwiesen sich nicht zum ersten Mal als zuwenig stark. Bei den fünf Breakbällen versagte er beim Return; ausserdem brachte er im zweiten Satz, in dem die Franzosen sich permanent im Vorteil befunden hatten, beim Stand von 5:5 seinen Aufschlag nicht mehr durch.

Doppelte Chance auf den Sieg

Vor dem Sonntag befinden sich die Schweizer nun klar im Vorteil. Nach dem Doppel verfügen die Schweizer nun über eine doppelte Chance: Ab 13 Uhr spielt Roger Federer (ATP 2) gegen Jo-Wilfried Tsonga (ATP 12). WennFederer den entscheidenden dritten Punkt nicht einfahren kann, bietet sich anschliessend Stan Wawrinka (ATP 4) gegen Gael Monfils (ATP 19) die zweite Chance. Es winkt der grösste Triumph einer Schweizer Mannschaft in der Sportgeschichte – oder aber ein grandioses Scheitern. Grosse taktische Möglichkeiten bieten sich auch den Franzosen nicht mehr. Weder Gasquet noch Benneteau drängten sich am Samstag für einen Einzeleinsatz gegenFederer auf.

Historischer Erfolg möglich

So könnte der 23. November 2014 ein Tag von sporthistorischer Bedeutung für die Schweiz werden. Noch nie hat eine Schweizer Mannschaft in einer Weltsportart einen Titel gewonnen. Die Nati wurde nie Fussball-Weltmeister, die Eisgenossen gewannen nie die Eishockey-WM, auch die Springreiter-Equipe holte bei Olympischen Spielen oder Weltreiterspielen nie Gold. Und in Handball, Volleyball oder Basketball spielten wir ebenfalls noch nie um den höchsten Titel mit.

Die Chancen stehen ausgezeichnet, dass sich das ändern wird. Zum Vergleich: 1923 spielte die Schweiz erstmals um den Davis Cup mit. Seither führte sie 36 Mal nach dem Doppel mit 2:1. Nur dreimal lief die Partie am Sonntag noch aus dem Ruder. 1988 verloren Roland Stadler und Claudio Mezzadri in der St. Galler Kreuzbleichehalle zwei Fünfsätzer gegen die Mexikaner Jorge Lozano und Leonardo Lavalle. 1993 gaben Marc Rosset und Jakob Hlasek in Ramat Hasharon gegen die Israeli Amos Mansdorf und Gilad Bloom einen 2:1-Vorsprung noch aus der Hand und stiegen aus der Weltgruppe ab. Und vor 14 Jahren in der Zürcher Saalsporthalle verloren Roger Federerund George Bastl die abschliessenden Einzel gegen die Australier Lleyton Hewitt und Mark Philippoussis. Aber 33 Mal setzten sich die Schweizer nach einer 2:1-Führung durch. "Wir wissen, dass unsere Mission noch nicht erfüllt ist", sagt Stan Wawrinka. "Wir sind nach Lille gekommen um zu gewinnen." Selbst das Publikum scheint "les bleus" nicht mehr helfen zu können. Trotz der Weltrekordkulisse (27'432) meinte Roger Federer: "Es fühlt sich an wie ein Heimspiel!"

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