Sport

Der «böse» Schwinger Curdin Orlik ist schwul – na und?

Wie kommt das Coming-out von Curdin Orlik in der Schwingerszene an?

Wie kommt das Coming-out von Curdin Orlik in der Schwingerszene an?

Mit dem Coming-out des fünffachen Kranzfestsiegers ist der Schwingsport endgültig in der Welt von heute angekommen.

Sagen wir es zur Einleitung salopp, was man mir verzeihen möge: Schwingen und schwul geht nicht. Oder doch?

Wenn sich die Sägemehlwolke der Aufregung erst einmal gelegt hat, wird das aufsehenerregende Coming-out von Curdin Orlik im «Magazin» des «Tages-Anzeigers» niemanden mehr aufregen. Ja, sein Coming-out ist ein Segen für die starken Männer in den Zwilchhosen. Wenn es überhaupt noch eines Beweises bedurfte, dass Schwingen in der Welt von heute angekommen ist, dass Schwingen rein gar nichts mit rückständiger Gesinnung oder Intoleranz zu tun hat – dann ist er jetzt erbracht.

Die Aufregung ist verständlich. Das Volk der Schwinger hat halt schon immer den Zeichen der Zeit ein bisschen länger getrotzt als andere Sportarten. Die Kultur der Schwinger wirkt nach wie vor ein wenig wie das gallische Dorf aus Asterix und Obelix im Weltreich der Römer. Als eine Insel in der Zeit. Ein Blick zurück hilft uns zu verstehen, warum jetzt Erstaunen, Aufregung und das Rauschen im Medienwald so gross sind.

Schwingen und Spitzensport? Sicher nicht. Schwinger üben im Schwingkeller. Das reicht. Schwingen ist Brauchtum und sicher nicht Sport. Satan des ungesunden sportlichen Ehrgeizes, weiche von uns! Das gilt noch bis tief in die 1970er-Jahre hinein. Bis Ernst Schläpfer kommt, keck erklärt, er wolle König werden, Trainingsmethoden und -lehren aus anderen Sportarten übernimmt – und 1983 sowie 1986 König wird.

Was vermeintlich nicht geht, geht eben doch

Und was haben wir heute? Schwinger sind längst Spitzensportler. Soeben ist Christian Stucki Sportler des Jahres geworden. Der Nonkonformist Ernst Schläpfer hat übrigens für die SP politisiert, hat doktoriert und ist als erster und einziger König auch Obmann des Verbandes geworden. Die Schwinger können also sehr wohl mit Rebellen und anderen Meinungen und Einstellungen umgehen.

Bis in die 1990er-Jahre heisst es: Werbung und Schwingen? Satan des Geldverdienens und der Hoffart und der Eitelkeit, weiche aus dem Sägemehl! Verderbe uns nicht den Charakter! Unvergessen ist der epische Machtkampf zwischen Ernst Marti, dem erzkonservativen Obmann des Verbandes, und Rudolf Hunsperger, dem nach Christian Stucki wohl populärsten Schwinger der Geschichte. Nur weil es «Rüedu» wagt, Werbung für Anzüge zu machen, im Zirkus mit einem Bären zu ringen, Interviews zu geben und so populär zu sein wie andere Sportler seiner Zeit, trifft ihn der Bannstrahl der Gralshüter der Schwinger.

Und was haben wir heute? Schwinger dürfen Werbung machen und der Verband profitiert gar davon. Die Werbeindustrie hat letztes Jahr knapp 2,5 Millionen Franken in die «Bösen» investiert. Zehn Prozent der persönlichen Werbeeinnahmen muss jeder als «Reichtumssteuer» an den Verband abführen. Fast eine Viertelmillion fliesst auf diesem Weg in die Verbandskasse.

Schwingen und Doping? Geht gar nicht! Ist völlig unmöglich! Noch in den 1990er-Jahren gilt: Schwinger sind zwar Sportler und stählen ihre Muskeln nach modernen Trainingsmethoden im Kraftraum. Aber sie stärken sich mit «Chäs u Brot» und einem Stück Fleisch. Aber sicher nicht mit Chemie! Inzwischen haben wir längst auch im Schwingen Dopingfälle, und die sorgen nicht für eine grössere öffentliche Aufregung als unerlaubte Leistungshilfen in anderen Sportarten.

Spitzensport, Werbegelder, Dopingfälle – eigentlich ist Schwingen längst ein Sport wie jeder andere auch. Aber die Aussenwahrnehmung ist eben noch immer eine patriotisch-romantische. Schwingen als heile Welt. Gerade das letzte Eidgenössische in Zug war viel mehr als ein Sportanlass. Es war auch politisch aufgeladen. Als machtvolle Demonstration unseres Brauchtums und unserer Unabhängigkeit. Wenn denn Homosexualität tatsächlich in einer Sportkultur ein Tabu war – dann wohl doch im Schwingen mit seiner «Macho-Kultur». Die Helden sind männlich, hart, mutig und unerschrocken. Niemand entspricht dem jahrhundertelangen Bild des Mannes so sehr wie die «Bösen». Die Titanen des Sägemehls knien nach dem Wettkampf vor ausgewählten «Ehrendamen» nieder, um sich bekränzen zu lassen. Um noch einmal ein wenig salopp zu sein: Wer anregen würde, die Kränze von «Ehrenjungen» auf die Häupter der «Bösen» legen zu lassen, könnte nicht mit Beifall rechnen.

Mit dem Coming-out von Curdin Orlik ist das Schwingen nun definitiv und für alle sichtbar in der Welt, in der Gesellschaft von heute, in der Kultur des 21. Jahrhunderts angelangt. Und dieses Bekenntnis wird ihm nicht schaden. Er wird keine dummen Sprüche zu hören bekommen. Ganz im Gegenteil. Seine Offenheit wird ihm Respekt von allen Seiten einbringen. Die Toleranz und Weltoffenheit der Schwinger wird nach wie vor unterschätzt.

Und da ist noch etwas. Warum ist eigentlich das Coming-out eines Sportlers ein Medienereignis? Was ist die tiefere Ursache der Aufregung? Der Diskussionen? Der Grund ist einfach zu finden. Weil wir nach wie vor nicht so tolerant mit anderen Lebenseinstellungen und Minderheiten umgehen, wie es eigentlich im 21. Jahrhundert in einer modernen Gesellschaft selbstverständlich sein sollte. Diese Toleranz ist erst erreicht, wenn ein solches Coming-out bloss ein «na und?» auslöst. Ob im Schwingsport oder sonst wo.

Meistgesehen

Artboard 1