Super League

Der FC Thun: Mit viel Zuversicht am Abgrund

Gefordert wie nie: Der Thuner Sportchef Andres Gerber.

Gefordert wie nie: Der Thuner Sportchef Andres Gerber.

Der von chinesischen Investoren profitierende Super-League-Letzte mit Sportchef Andres Gerber kämpft um den Klassenerhalt.

Andres Gerber sitzt in einer Loge der Stockhornarena und blickt hinunter auf den Kunstrasen. Auf diesem holt sich die Mannschaft den letzten Schliff für den Rückrundenstart am Sonntag zu Hause gegen den FC Sion. Sie kann dies ungestört tun, denn Kiebitze sind keine da. Nur das Stockhorn und die in der Ferne mit ihren Schneekappen in der Sonne glitzernden Eiger, Mönch und Jungfrau schauen den Spielern auf die Füsse.

Doch die Idylle trügt. «Ja, das ist klar die schwierigste Situation, seit ich vor gut zehn Jahren beim FC Thun Sportchef geworden bin», bestätigt Gerber. Nach dem Aufstieg 2010 hielten die Berner Oberländer in den folgenden neun Spielzeiten die Klasse, waren nie schlechter als Tabellensiebte. «Es gab schon auch brenzlige Phasen», sagt Gerber, denkt aber mehr an finanzielle Probleme, die das Überleben infrage stellten. Doch mit fünf Punkten Rückstand auf den Vorletzten überwintern, das mussten die Thuner noch nie. Zwar gab es Ende November einen grossen Freudentag, als Präsident Markus Lüthi nach jahrelanger Suche mit der chinesischen Pacific Media Group endlich den ersehnten Investor präsentieren konnte und aus seiner Erleichterung keinen Hehl machte, doch Punkte in der Tabelle gab es dafür nicht.

Das Thuner Horrorjahr 2019 mit nur sechs Siegen

Der Einstieg der Asiaten, die im Fussball von England aus operieren, war indes einer der seltenen positiven Ausreisser im Jahr 2019. Klar, es gab den Cupfinal gegen Basel, der aber ging verloren; und es gab ordentliche Vorstellungen in der Europa League, doch in 36 Super-League-Spielen nur sechs Siege.

Bei der Aufarbeitung dieser Misere ist Gerber zur Erkenntnis gelangt, dass der fast ganzjährige Ausfall von Captain Dennis Hediger der Auslöser des Krebsgangs war. Das Alphatier habe ein Vakuum hinterlassen, das keiner der Mitspieler ausfüllen konnte. Die Spieler um Captain Stefan Glarner hätten zwar gut gekämpft, aber vorangehen und Verantwortung übernehmen, das habe keiner vermocht.

«2019 hat an uns allen sehr genagt», sagt Gerber. Als Sportchef ist er sich seiner enormen Verantwortung bewusst. «Es geht ums Überleben des Klubs und um Arbeitsplätze. Das kann eine schwere Last sein», sagt der gebürtige Belper. So weit wie früher, als er und Lüthi davon sprachen, bei einem Abstieg würden in Thun die Lichter ausgehen, mag er zwar nicht mehr gehen. Aber ausmalen, wie es nach einem Abstieg in der Stockhornarena weitergehen würde, auch nicht. «Viele in der Schweiz würden es bedauern. Es ginge in der Super League etwas verloren», sagt Gerber. Er denkt dabei vor allem an Menschlichkeit und Bodenständigkeit.
Was Gerber nachdenklich stimmt, ist der Einfluss des sportlichen Erfolgs aufs Familienleben: «Meine Frau nimmt es wohl dank der jahrelangen Erfahrung etwas gelassener und die neunjährige Tochter zeigt mir gerade in schwierigen Situationen immer wieder auf, dass es im Leben nicht nur um Sieg oder Niederlage geht. Sie bringt mich oftmals wieder auf andere Gedanken. Aber meinen Vater und meinen 16 jährigen Sohn Noé beschäftigt es, wenn es so läuft wie zuletzt. Oft leider mehr, als es ihnen lieb wäre.»

Die Winterpause sei keinen Moment zu früh gekommen», sagt Gerber. Wobei «Pause» nicht suggerieren darf, die Thuner Verantwortlichen hätten grossartig ausgespannt. Für den Sportchef war klar geworden, dass es auf den Ausfall Hedigers zu reagieren gilt. Und so vermeldete der FC Thun in der letzten Woche die Verpflichtungen der beiden zentralen Mittelfeldspieler Leonardo Bertone und Nicolas Hasler, die zuletzt in den USA gespielt hatten; bei Cincinnati der eine, bei Kansas der andere. «Sie werden Leaderfiguren sein», sagt Gerber. Heute oder in den nächsten Tagen könnte noch ein Offensivmann folgen.
Zurück zu den Chinesen. Neben den zugesicherten drei Millionen Franken innert zehn Jahren – eine halbe Million wurde bereits überwiesen – soll der FC Thun auch von der ausgeklügelten Spielerdatenbank der Firma profitieren. Die PMG besitzt den Championship-Verein Barnsley und war bis vor kurzem am OGC Nizza beteiligt.

Eine sehr spannende Spielerdatenbank, aber...

Die Transfers von Bertone und Hasler waren allerdings noch nicht das Produkt dieser Datenbank, wohl aber der verbesserten finanziellen Verhältnisse. Gerber, der für sein hervorragendes Scouting bekannt ist und oft bei unterklassigen Schweizer Klubs fündig wird, findet das Datenbanksystem prinzipiell spannend. «Doch in unserer Situation ist das Experimentieren mit dieser neuen Möglichkeit nicht angesagt.»

Gerber blickt hinunter auf den Platz und sagt: «Wir haben eine gute Mannschaft.» Er hofft, dass sich bei Stürmer Simone Rapp der Knopf löst. «Ich freue mich, dass es wieder losgeht. Wir sind voller Elan. Ich spüre grosse Zuversicht.»

Man vermutet, das Stockhorn sowie Eiger, Mönch und Jungfrau würden zufrieden nicken, wenn sie Gerber hören könnten.

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Autor

Markus Brütsch

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