Motorsport
Der Himmel weinte für Dominique Aegerter - Historischer Sieg für die Schweizer

Dominique Aegerter (26) gewinnt den GP von San Marino vor Tom Lüthi (30). Ein historischer Triumph. Seit Gründung der Motorrad-WM (1949) haben die Schweizer noch nie in einer Soloklasse einen Doppelsieg gefeiert. Ein Blick in die Geschichte bestätigt, dass eidgenössischen «Asphaltcowboys» in ihrer ruhmreichen Geschichte noch nie so über die Piste gerockt sind wie an diesem Regensonntag in Misano

Klaus Zaugg
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Dominique Aegerter (links) und Tom Lüthi (rechts) fuhren in Misano aufs Podest

Dominique Aegerter (links) und Tom Lüthi (rechts) fuhren in Misano aufs Podest

Keystone

Zwei Jahre fuhren Tom Lüthi und Dominique Aegerter (2015 und 2016) im gleichen Team und erreichten nie auch nur ein annähernd so gutes Resultat. Zwei Alphatiere werden unter dem gleichen Dach nie glücklich. Erst recht nicht, wenn eines so sensibel ist wie Dominique Aegerter. Das Schweizer «Töff-Dreamteam» löste sich im letzten Herbst auf: Dominique Aegerter wurde auf die Strasse gesetzt und durfte die letzten vier Rennen nicht mehr fahren.

Nun hat er Unterschlupf im Team von Stefan und Jochen Kiefer gefunden. Es ist eine Neuaufführung des Klassikers «Geld und Geist». Geldsorgen plagen die beiden Deutschen seit Jahren. Die Mittel für die technische Weiterentwicklung und Perfektionierung der Höllenmaschinen fehlen. Aber Aegerter ist die unumstrittene Nummer eins und er bekommt in diesem Team die Streicheleinheiten, die der sensible Rock’n’Roller für sein Ego braucht. Über einen 5. Platz ist er in dieser Saison nicht hinausgekommen. Technische Unzulänglichkeiten haben ihn immer wieder zurückgeworfen. Aber nicht entmutigt.

Doppelsieg bei normaler Wetterverhältnissen nicht möglich

Bei normalen Verhältnissen wäre der Doppelsieg gestern nicht möglich gewesen. Dominique Aegerter startete zwar aus der ersten Reihe – aber auf trockener Piste hätte er gegen Titanen wie Franco Morbidelli, Mattia Pasini oder Tom Lüthi nicht um den Sieg fahren können. Es ist, als habe der Himmel ob der Chancenlosigkeit von Dominique Aegerter geweint.

Das garstige Regenwetter hat den Vorteil der Technik eliminiert und uns wieder einmal die ursprüngliche Form des Rennsportes beschert: der archaische Zweikampf Mann gegen Mann. Auf der nassen Piste spielten technische Faktoren keine Rolle mehr – nun ging es um das Gefühl fürs dosierte Gasgeben, um den Mut zum späten Bremsen und um das Talent, eine rutschende und immer wieder ausbrechende Maschine auf der Spur zu halten.

Aegerter fuhr, als gäbe es kein nächstes Rennen mehr

Dominique Aegerter besiegt zum zweiten Mal nach dem GP von Deutschland 2014 alle, weil er als wilder, im Motocross gross gewordene Haudegen ein unnachahmliches Gespür für fahrerische Extremsituationen hat. Tom Lüthi konnte ihm folgen und alle anderen distanzieren, weil er als sensibler Stilist virtuos jenen weichen, runden Fahrstil beherrscht, der das Risiko eines Sturzes bei solchen extremen Verhältnissen minimiert.

Er hat den Rückstand auf WM-Leader Franco Morbidelli von 29 auf 9 Punkte reduziert – und wenn ihn Dominique Aegerter vorbeigelassen hätte, wären es gar nur noch 4 Punkte. Aber Geschenke gibt es nicht – und werden auch nicht erwartet. Tom Lüthi sagt denn auch, dass er mit diesem zweiten Platz zufrieden sei. Er wusste, dass Franco Morbidelli gestürzt war und riskierte nicht mehr Tod und Teufel. Dominique Aegerter hingegen fuhr, als gäbe es kein nächstes Rennen mehr.

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