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Der Machtkampf geht weiter: Warum die NFL im Fall Kaepernick ein neues Kapitel aufgeschlagen hat

Kaepernick spielt seit fast drei Jahren kein Football mehr, trotzdem ist er ein grosses Aushängeschild von Nike.

Kaepernick spielt seit fast drei Jahren kein Football mehr, trotzdem ist er ein grosses Aushängeschild von Nike.

Am Samstag wollte die NFL ein Probetraining für Colin Kaepernick organisieren, doch dieses kam nie zustande. Stattdessen führte der Quarterback auf eigene Faust ein Work-out durch und nahm damit den Kampf gegen die reichste Liga der Welt wieder auf.

«Kaepernick will doch gar nicht spielen», «schade, hat er seine Chance nicht genutzt», «ich fand ihn sowieso schon immer überschätzt» – Social Media überschlägt sich derzeit mit Kommentaren zum Fall Colin Kapernick. Doch was ist passiert? Eine kleine Rückblende: 

Colin Kaepernick lancierte 2016 den «Take a Knee»-Protest gegen Rassismus und Polizeigewalt gegen Schwarze und wurde dadurch weltweit bekannt. Das Hinknien während der Hymne erhielt zahlreiche Unterstützung in der umsatzstärksten Liga der Welt. 

Mit seinem Kniefall wurde Kaepernick weltweit bekannt.

Mit seinem Kniefall wurde Kaepernick weltweit bekannt.

Doch die Aktion wurde der Liga schnell zum Dorn im Auge. Unter anderem auch, weil sich US-Präsident Donald Trump einmischte und mit einer äusserst fragwürdigen Wortwahl gegen den QB wetterte. 

Kaepernick wurde 2017 von den San Francisco 49ers entlassen. Seither hat er kein Spiel mehr absolviert. Immer wieder gab es Gerüchte über eine mögliche Rückkehr, doch von Jahr zu Jahr wurde der Verdacht grösser, dass das Problem nicht sportlicher sondern politischer Natur sei.

Spätestens seit dem Frühjahr, als sich die Liga und der Quarterback aussergerichtlich einigten (Die NFL bezahlte einen Schadenersatz in Millionenhöhe) und Kaepernicks Klage wegen arbeitsrechtlicher Benachteiligung damit vom Tisch war, ging man so langsam davon aus, dass «Kaep» nicht mehr zurückkehren wird. 

NFL-Commissioner entschädigte Kaepernick in Millionenhöhe zu Beginn des Jahres.

NFL-Commissioner entschädigte Kaepernick in Millionenhöhe zu Beginn des Jahres.

Keine Anfrage trotz vielen Ausfällen 

Selbst in dieser Saison, in der fast ein Drittel der Teams verletzte Quarterbacks zu beklagen hatten und auch sonst zahlreiche QBs wegen schlechten Leistungen auf die Bank gesetzt wurden, war Kaepernick bisher bei keiner Franchise ein Thema.

Carolina spielt seit dem zweiten Spieltag mit Kyle Allen – trotz mässigen Leistungen ist Kaepernick aktuell kein Thema bei den Panthers.

Carolina spielt seit dem zweiten Spieltag mit Kyle Allen – trotz mässigen Leistungen ist Kaepernick aktuell kein Thema bei den Panthers.

Kaepernick und die NFL – das traurige Kapitel schien beendet. Zumindest bis vergangene Woche. Aus dem Nichts stand der ehemalige NFL-Spieler plötzlich wieder in den Schlagzeilen. Der Quarterback wurde nämlich von der NFL zum Work-out eingeladen, bei dem sich alle 32 Teams der Liga von seinen Qualitäten überzeugen können. 

Nur zwei Stunden nach dem Angebot sagte der 32-jährige Free Agent zu und betonte: «Ich bin seit drei Jahren in Form und bereit dafür. Ich kann es kaum erwarten, die Cheftrainer und GMs zu sehen».

Training unter Ausschluss der Öffentlichkeit

Heile Welt also zwischen der NFL und Kapernick? Mitnichten! Im Laufe der Woche wurden zur ominösen Einladung immer mehr Details bekannt. So berichtete «ESPN» beispielsweise, dass der Quarterback erst am Dienstag vom Training erfahren habe und innerhalb von zwei Stunden zusagen musste. Die Klubs wurden ebenfalls am Dienstag von dem angesetzten Termin informiert. 

Kommt dazu, dass das Training auf einen Samstag terminiert wurde, sprich genau einen Tag bevor der Spieltag ansteht. Damit war bereits absehbar, dass Teams, die am Sonntag spielen, wohl kaum ihren Coaching-Staff vorbeischicken werden. 

Als sich dann auch noch herausstellte, dass «Kaep» angeblich nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit trainieren darf, verschärfte sich der Verdacht, dass der ganze Anlass nur einem gewissen Zweck dient: Die NFL will das Thema Kaepernick endgültig vom Tisch haben, ohne schlecht dazustehen.  

Besitzt die Liga nämlich erst die Vollmacht über die Aufnahmen vom Training, kann sie damit machen was sie will. Heisst im Klartext: Sieht der Quarterback im Work-out zwischendurch nicht gut aus, könnte die NFL jeden Fehler gegen ihn verwenden. 

Welchen Einfluss hat Jay-Z? 

So irre wie die Angelegenheit auch klingen mag, die NFL hätte einen guten Grund für eine solche Aktion. Seit diesem Sommer ist nämlich bekannt, dass der New-Yorker-Rapper Jay-Z mit seinem Label «Roc Nation» eine Partnerschaft mit der Liga abgeschlossen hat. Die aktuellen Super-Bowl-Künstlerinnen Shakira und Jennifer Lopez sind unter anderem der Zusammenarbeit zu verdanken. 

Jay-Z berät die NFL mit seiner Firma Roc Nation.

Dumm nur, dass sich Jay-Z mit dieser Partnerschaft nicht viele Freunde macht. Schliesslich boykottieren seit dem Vorfall mit Kaepernick einige bekannte Künstler wie beispielsweise Rihanna,  Cardi B oder Pink die NFL, um Solidarität gegenüber dem Quarterback auszudrücken. Und auch Jay-Z selbst galt einst als grosser Unterstützer von «Kaep». Aber wer möchte schon ein langjähriges Angebot zur Zusammenarbeit mit der NFL ablehnen? Es geht schliesslich um Geld, sehr viel Geld. 

Kaepernick spielt nicht mit

Es liegt auf der Hand, dass Jay-Z dem NFL-Commissoner Rodger Goodell nahe gelegt hat, das Work-out zu organisieren. Welche Absichten der Rapper dahinter hatte, wird wohl sein Geheimnis bleiben. Was allerdings kein Geheimnis ist: Das Vorhaben der NFL ging nicht wie geplant über die Bühne.

ESPN-Bericht über das Work-out von Kaepernick.

Am Samstag gab er nur wenige Stunden vor dem Training bekannt, dass die Einheit nicht wie von der NFL geplant auf dem Gelände der Atlanta Falcons stattfinden werde, sondern auf einem kleinen Platz der Charles R. Drew High School in der Nähe des Flughafens von Atlanta. 

Schlussendlich erschienen noch acht von 25 angereisten Scouts beim Training, das Kaepernick nun zu seinen Bedingungen durchführen konnte. Will heissen: Medien hatten freien Zugang, das Training wurde per Youtube live übertragen und Kaepernick durfte mit seinen Receivern trainieren. Rund 250 Fans besuchten zudem das Training in Riverdale. 

Kaepernick bedankt sich bei den Scouts nach dem Training.

Nach der Einheit betonte der Quarterback vor den Medien, dass er sich seit drei Jahren für einen Einsatz bereit halte und nun darauf wartet, dass alle 32 Teams sowie Roger Goodell damit aufhören, vor der Wahrheit davonzulaufen. Die NFL dagegen reagierte mit folgendem Statement auf die Absage: «Wir sind enttäuscht, dass Colin nicht zu unserer Trainingseinheit erschienen ist». 

«Er will ein Märtyrer sein»

Seit vergangenem Samstag wird nun heiss diskutiert, ob sich Colin Kaepernick mit der Absage wirklich einen Gefallen getan hat. «Er will nicht spielen, er will ein Märtyrer sein», betonte beispielsweise Stephen Smith. Der ESPN-Kommentator glaubt zu wissen, dass es bei dem Work-out nicht darum ging, ob Kaepernick wirklich fit genug sei, sondern um zu sehen, ob sich beide Seiten doch noch aufeinander einlassen können. Dies sei nun vor allem an Kaepernick gescheitert.

Natürlich kann man die Geschichte so drehen, dass die NFL hinter der Aktion nur gute Absichten hatte. Und trotzdem stellen sich dann folgende Fragen: Warum wurde das Training auf einen Samstag angesetzt? Warum wurde der Quarterback und die Teams so spät informiert? Und warum hätten die Medien keinen Zutrifft zum Work-out gehabt? 

Für Kaepernick und sein Umfeld gab es nicht wirklich viele Gründe, um der Sache zu vertrauen. Viel eher hatten sie gar keine Wahl als das Training einfach selber zu organisieren, um für den Quarterback die bestmögliche Ausgangslage zu schaffen. 

«Zwei Teams sind im Rennen»

Ob das kuriose Wochenende nun doch noch zum Happy End für «Kaep» führt, steht in den Sternen. Geht es nach seinem Anwalt Mark Geragos, so stehen diese allerdings gut. «Ich denke, dass zwei Teams im Rennen sind. Eins, das zu recht einen Quarterback braucht, da ihrer am Sonntag eine sehr schlechte Leistung gezeigt hat. Das Team hat einen Besitzer, von dem ich glaube, dass er keine Angst davor hat», erzählte Geragos diese Woche im Podcast «Adam Carolla Show».

Dieser Twitter-User wünscht sich Kaepernick bei den Chicago Bears.

Ob mit oder ohne neuen Vertrag: Spätestens nach diesem Wochenende dürfte allen klar sein, dass der Machtkampf zwischen Kaepernick und NFL noch lange nicht vorbei ist. Viel eher wurde ein neues Kapitel aufgeschlagen. 

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