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Der Mann des Spiels: Aus «Kiki» wurde der «King», nach vielen Verletzungen und Jahren des Wartens

Kingsley Coman jubelt nach dem Führungstreffer gegen PSG.

Kingsley Coman jubelt nach dem Führungstreffer gegen PSG.

Kingsley Coman war der einzige Torschütze beim Endspiel in der Champions League. Er fällt nun endlich auf und nicht mehr verletzt aus.

Wer auf dem Flügel spielt, steht immer auch ein wenig mit dem Rücken zur Wand, mit dem Rücken zur Outlinie. Auf den wenigen Quadratmetern zwischen Spielfeldbegrenzung und Gegenspieler ist Improvisationstalent gefragt. Improvisation ist befreit von Planung und häufig auch unvorhersehbar, weshalb Kreativspieler, die dribbeln, klug passen und präzise flanken, für die Seiten prädestiniert sind. Überlebensfähig ist in den Couloirs überdies, wer schnell ist. Ein Stellungsfehler lässt sich genauso aufholen wie eine unsaubere Ballannahme.

Kingsley Coman, der französische Flügelspieler vom FC Bayern, hat beides: Improvisationstalent und Geschwindigkeit.

Ronaldinho als Vorbild

«Kiki» nannten sie den kleinen Kingsley, als dieser im Alter von sechs Jahren mit dem Fussballspielen begann, in Moissy-Cramayel, gut 30 Kilometer vor dem pulsierenden Paris. Sein Vater, ein Elektriker, plante seine Tage so, dass er seinen Sohn ins Training fahren konnte. Weggefährten erzählen von Tränen nach Gegentoren. Und vom Ball, den Kingsley immer und überall dabei gehabt habe. Als seine Freunde abends nach Hause gingen oder mussten, spielte er mit seinem Vater weiter. Dieses Unbedingte, das der Obsession näher scheint als der Passion, zieht sich durch viele Biografien von Weltklasseathleten.

In München ist Coman einer von vielen Weltklasseathleten. Er fiel zwar kaum einmal ab, doch auch selten auf. Vor allem aber fiel er häufig aus.

Kingsley Coman (Nr. 38) hat das Fussball-ABC bei Paris Saint-Germain erlernt.

Kingsley Coman (Nr. 38) hat das Fussball-ABC bei Paris Saint-Germain erlernt.

2018 riss sich der 24-Jährige zweimal das Syndesmoseband. Und ein bisschen ging auch etwa in ihm drin kaputt. Er deutete an, dass er eine dritte Operation wohl nicht mehr durchführen lassen würde. Die Verletzung machte etwas mit ihm, diesem Spieler mit der ungewöhnlichen Frisur.

Schon damals, in Moissy-Cramayel, trug Coman diese Frisur. Und drei Jahre später das Trikot des Paris Saint-Germain Football Club. Er eiferte Ronaldinho nach, diesem genialischen Fussballer, der zwischen 2001 und 2003 ebenfalls für PSG spielte, oder vielmehr: zauberte. Auch Coman lief irgendwann für die erste Mannschaft der Pariser auf, im Alter von 16 Jahren debütierte er. 2014 wechselte er nach Turin zur grossen Juve. Er war ein uneingelöstes Versprechen und blieb es, als er ein Jahr später nach München ging.

Das Erbe von Ribéry und Robben

Dort herrschten auf den Seiten Franck Ribéry und Arjen Robben, die das Flügelspiel der Münchner über zehn Jahre lang prägten. Doch die beiden wurden irgendwann älter und verletzungsanfälliger. Vor einem Jahr verliessen sie den Verein und machten damit Platz für Serge Gnabry und Coman, und inzwischen auch Leroy Sané.

Arjen Robben (links) und Franck Ribéry bildeten jahrelang die gefürchtete Flügelzange beim FC Bayern München.

Arjen Robben (links) und Franck Ribéry bildeten jahrelang die gefürchtete Flügelzange beim FC Bayern München.

Auch Robben und Ribéry improvisierten und sprinteten. Und sie schufen Bleibendes. Robben nennen sie «Mr. Wembley», weil er im Londoner Champions-League-Final 2013 kurz vor Schluss den Siegtreffer erzielte. Und Ribéry, dieser geniale wie exzentrische Fussballer, war schon bei den Bayern, als Oliver Kahn noch im Tor stand.

Mit seinem Kopfballtreffer in der 59. Spielminute machte sich Coman womöglich zum «Senhor da Luz». Oder aber aus «Kiki» wurde der «King».

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