Vor Ukraine-Spiel

Der neue Nati-Captain Xhaka sagt: «Für mich spielt es keine Rolle, ob ich die Binde trage»

Granit Xhaka zieht die Schutzmaske an.

Granit Xhaka zieht die Schutzmaske an.

Nach langer Pause trifft die Schweiz heute (20.45 Uhr) in Lwiw zum Auftakt der Nations League auf die Ukraine. Granit Xhaka führt sie an.

Granit Xhaka sitzt da. Flankiert seinen Trainer Vladimir Petkovic, wie er das manchmal schon getan hat an Pressekonferenzen vor Spielen der Schweizer Nationalmannschaft. Hier in der Ukraine, in Lwiw, im Bauch dieses für die EM 2012 erbauten Stadions, ist es aber anders. Und wird auf lange Sicht auch anders bleiben. Weil Granit Xhaka nun ganz offiziell und nicht nur interimistisch der Captain ist.

«Granit wird mein erster Captain sein», hat Petkovic letzte Woche gesagt. Für den Coach war die Ernennung sonnenklar, die Hierarchie hat sich natürlich herausgebildet. Für den Spieler selbst ist es das i-Tüpfelchen in einer Karriere, die schon viele Höhen und Tiefen gesehen hat. Mehr noch: Mit Xhakas Wesen ist es gar seine Bestimmung, nachdem sich der Traum, im Nationalteam dereinst eine tragende Rolle einzunehmen, längst erfüllt hat. Nun sagt Xhaka: «Für mich spielt es keine Rolle, ob ich die Binde trage. Das Wichtigste ist, dass ich die Vorgaben des Trainers erfülle. Und die Mitspieler mitziehe.»

Granit Xhaka mit Trainer Vladimir Petkovic in der Arena von Lwiw.

Granit Xhaka mit Trainer Vladimir Petkovic in der Arena von Lwiw.

Xhaka will für das Land und für sich nur das Beste

Granit Xhaka hat oft polarisiert, Polemiken ausgelöst, mit seinem forschen und fordernden Auftreten, mit seinem Migrationshintergrund. Dabei wollte er stets nur das Beste für das Land, weil nur das Beste für ihn gut genug ist. Auch deshalb hat er sich immer wieder viel aufgeladen, manchmal zu viel. So konnte es passieren, dass er im Spiel fast verloren ging. Kritik konterte er bisweilen mit einem «scheissegal», und wenn sie an seiner Person wieder grösser wurden, stützte ihn Petkovic durch alle Böden hindurch. Das tat der Nationaltrainer immer, seit er 2014 der Trainer ist. Er sieht Xhaka als seinen verlängerten Arm, auf und neben dem Platz. Als sein ganz persönliches Bindeglied zu den Schweizer Spielern mit und ohne fremdländische Wurzeln. Als einen, auf den er sich verlassen kann. Umgekehrt war es Xhaka, der seinen Trainer adelte, als heuer die Diskussion entbrannte, ob dessen Vertrag zu verlängern sei.

«Granit ist ein Positiver, verfügt über viel Erfahrung, ist eine grosse Persönlichkeit. Die Spieler hören auf ihn. Er ist ein guter Captain», sagt der frühere Fussballprofi Antonio Esposito, der seit 14 Jahren als Experte des Tessiner Fernsehen das Nationalteam begleitet. Nur schon dank der Position im zentralen Mittelfeld sei Xhaka prädestiniert für die Captainrolle. Stephan Lichtsteiner, der zurückgetretene Vorgänger, war ein anderer Typ, eher ein Einzelgänger, der die Nähe zu Goalietrainer Patrick Foletti suchte. «Xhaka ist umgänglicher, integrativer», sagt Esposito. Davor gab es Gökhan Inler, doch sein Einfluss blieb beschränkt, manchmal fehlte auch die Akzeptanz. Und vor Inler gab es Alex Frei, der auf seine Art als Individualist galt. Aufopferungsvoll für das Land spielten sie gleichwohl alle.

Der Bruder, sein Chauffeur: Taulant Xhaka bringt Granit (rechts) am Montag mit dem Lamborghini zur Nationalmannschaft.

Der Bruder, sein Chauffeur: Taulant Xhaka bringt Granit (rechts) am Montag mit dem Lamborghini zur Nationalmannschaft.

Heute wirkt Granit Xhaka abseits des Rasens ruhig, und im Spiel ist er einer, der sich nicht verstecken will. Das wollte er nie, in Basel nicht, bei Gladbach nicht, schon gar nicht mit Arsenal, wo er nach schwierigen Zeiten und einem heftigen Disput mit den Fans unter dem neuen Trainer Mikel Arteta wieder im Aufwind ist. Erst kürzlich hat der 27-Jährige FA-Cup und Communitiy Shield gewonnen. Xhaka sei ein Mensch geworden, sagt Esposito, er müsse heute nicht mehr so frech sein und zu allem etwas sagen. Esposito meint: Granit Xhaka ist gereift.

Die Frage wird sein, wie das Team hinter seinem Captain nach dem abgeschlossenen Umbruch gedeiht. Yann Sommer ist da, gewiss. Mit seiner Routine müsste Fabian Schär noch mehr Verantwortung übernehmen. Und Denis Zakaria, der allerorts eine grossartige Entwicklung zeitigt. Beide fehlen heute. Im Prinzip müsste Manuel Akanji in der Hierarchie nachrücken, oder Haris Seferovic, den man keinesfalls unterschätzen sollte.

Doch in Zeiten von Corona weiss niemand wirklich, was kommen wird – nach dieser langen Nationalmannschaftspause, die mehr als zehn Monate dauerte. Man weiss nur, dass die Partie gegen die Ukraine, Nummer 24 der Fifawelt, gemäss Xhaka ein «Fifty-Fitfy-Spiel» ist. Und dass die Schweiz bei ihm in den richtigen Händen ist.

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