Die grosse Datenanalyse

Der Niedergang des Heimvorteils im Fussball: Braucht es die Fans überhaupt?

In Zeiten von Corona: Spielen vor leeren Rängen.

In Zeiten von Corona: Spielen vor leeren Rängen.

Am Wochenende geht die Saison im Schweizer Profifussball weiter – ohne Zuschauer. Schwindet damit der Heimvorteil? Die derzeitigen Bundesliga-Resultate deuten darauf hin. Studien besagen hingegen: Der Einfluss von Fans wird überschätzt.

St. Gallen, die Young Boys oder Basel? Wer Meisterprognosen abgeben will, kommt um eine Frage nicht herum: Welchen Einfluss haben die Zuschauer auf die Resultate? Oder besser gesagt: die in den Corona-Geisterspielen fehlenden Zuschauer? Wer nach Antworten sucht, merkt vor allem eines: Der Heimvorteil ist eine komplexe Variable.

FC Aarau ist das stärkste Heimteam der vergangenen 40 Jahre

Um eines gleich klarzustellen: Ja, es gibt ihn, den Heimvorteil. Die Zahlen sprechen hier eine sehr deutliche Sprache. Alle Teams, die in den vergangenen Jahren regelmässig in den beiden obersten Schweizer Ligen spielten, haben in Heimspielen deutlich mehr Punkte geholt als auswärts. Unsere Rangliste zeigt, wie die derzeitigen Super- und Challenge-League-Teams in den vergangenen 40 Jahren vom Heimvorteil profitiert haben.

Auch Thun, das heimschwächste Team in dieser Zeitspanne, holte zu Hause mehr Punkte als auswärts. Der Heimvorteil spielt für alle. Der Blick über die Landesgrenzen hinaus verstärkt diesen Eindruck noch weiter. Besonders heimstark sind dabei französische und spanische Teams.

In der Bundesliga ist der Heimvorteil bei Geisterspielen zurückgegangen

Wenn in den kommenden Wochen coronabedingt auch in der Schweiz ohne Zuschauer gespielt wird, müsste dieser Heimvorteil damit eigentlich kleiner werden. Oder? Der Blick in die Bundesliga, die bereits sieben Geisterrunden hinter sich hat, deutet darauf hin. In bisher 63 Spielen ohne Zuschauer gab es nur 25 Prozent Heimsiege, zuvor waren es in 225 Partien mehr als 40 Prozent gewesen.

Die Zuschauer im Stadion scheinen also tatsächlich direkten Einfluss zu haben. Nur: Es ist ein statistisch heikler und unwissenschaftlicher Blick – denn die Zahlenbasis der Versuchsanordnung ist klein. Und in der
2. Bundesliga, die ebenfalls 63 Geisterspiele hinter sich hat, ist kaum ein Effekt zu erkennen, wenn ohne Zuschauer gespielt wird.

Die Sportwissenschaft relativiert den Einfluss der Fans

Das Thema Heimvorteil wissenschaftlich untersucht hat Sportwissenschaftler Daniel Memmert von der Sporthochschule Köln. Er kommt zum überraschenden Schluss:

Untersuchungen hätten gezeigt, dass die Zuschauerzahl im Stadion kaum oder fast gar nicht mit dem Spielausgang in Zusammenhang stehe. Memmert beruft sich dabei auf zwei Studien. Zum einen habe die These in der Saison 2006/2007 in Italien überprüft werden können. Damals mussten aus Sicherheitsgründen 20 Spiele vor leeren Rängen ausgetragen werden – eine noch kleinere, weniger belastbare Datenmenge zwar als derzeit in der Bundesliga. Aber: Es zeigte sich kein statistisch relevanter Unterschied zu Spielen mit Zuschauern.

«Zum anderen hat ein Kollege rund 10'000 Spiele auf Kreisklasse-Niveau betrachtet.» Auch da, bei den Amateuren, gebe es einen Heimvorteil, obwohl kaum Zuschauer anwesend sind. Dies führt Memmert zum Schluss, dass es andere Faktoren sein müssen, die zum statistisch erwiesenen Heimvorteil führen.

Wie kommt der Heimvorteil zustande?

Wie der Heimvorteil wirklich zustande kommt, ist laut Memmert schwierig zu erklären. «Es gibt unzählige Faktoren, die einen Einfluss haben, sich aber nicht oder nur sehr schlecht empirisch messen lassen.» Als Beispiele nennt er die Vertrautheit mit dem eigenen Stadion, dem Rasen, der Kabine. «Die Spieler scheinen sich zu Hause irgendwie wohler zu fühlen, alles ist vertraut, man kennt sich aus», sagt Memmert.

Hat hier Aarau, das aufgrund der von uns erhobenen Zahlen das heimstärkste Team der höchsten zwei Schweizer Ligen ist, einen entscheidenden Vorteil? Weil das marode Brügglifeld neben den durchgestylten Stadionneubauten aus dem Rahmen fällt? Und so den Spielern noch stärker das Gefühl von Vertrautheit vermittelt?

Burki: «Es herrscht eine besondere Atmosphäre im Brügglifeld»

Aaraus Sportchef Sandro Burki, der von 2006 bis 2017 für den Club spielte, sagt dazu: «Es herrscht eine besondere Atmosphäre im Brügglifeld.» Gespräche mit früheren Gegenspielern zeigten, dass sich die meisten auf die Spiele in Aarau freuten, gleichzeitig aber grossen Respekt davor hatten. «Es beginnt mit dem Eintritt ins Stadion, bei dem sich die Spieler durch die Zuschauer zwängen müssen. Dann die Nähe der Fans zum Spielfeld, der Duft von Bier und Bratwurst in der Luft und eine Heimmannschaft, die sich vor eigenem Publikum die Seele aus dem Leib rennt – all das kann einschüchternd wirken.»

Der Faktor Schiedsrichter

Was der Sportwissenschafter Memmert herausgefunden hat: In den höheren Ligen kassieren die Gastmannschaften bei jeweils zwei Karten für beide Teams im Mittel 0,5 gelbe Karten mehr als die Heimmannschaft. Der Schiedsrichter scheint also beeinflusst zu werden. Hier sei der Faktor Lautstärke entscheidend. Memmert sagt:

Dieser Einfluss sei aber nicht so gross, dass er das Resultat statistisch relevant auf die Seite des Heimteams kippen lasse.

100'000 Spiele analysiert: Der Heimvorteil ist im Sinkflug

Der Heimvorteil ist also schwer zu greifen. Eine griffige, deutliche Tendenz aber gibt es: Unsere Analyse von 100'000 Spielen hat gezeigt, dass der Heimvorteil in den vergangenen Jahren sehr stark abgenommen hat, dies über alle untersuchten Ligen hinweg.

Die Übersicht zu Schweizer Clubs zeigt Ähnliches. Auch Aarau hat an Heimstärke nachgelassen in den vergangenen Jahren, wenn auch nicht ganz so deutlich wie andere Clubs:

Die grundsätzliche Abnahme der Heimstärke bestätigt auch Memmert. Als mögliche Faktoren nennt er die sich angleichenden, besser werdenden Rasen- und Stadionverhältnisse sowie die mediale konstante Durchleuchtung.

Karl Odermatt erinnert sich: Das Herz gehörte dem Club – und Reisestrapazen waren viel grösser

Einer, der im Hoch des Heimvorteils in den 1960ern und 1970ern Fussball spielte, ist die FC-Basel-Legende Karl Odermatt. Er sieht den grössten Faktor des Heimvorteils weiterhin bei den Anhängern, trotz anders lautenden Studien.

Odermatt hat für die damalige Heimstärke eine weitere Erklärung: «Heute wird sehr viel über Geld gesprochen, Fussball ist immer mehr zu einem normalen Job geworden.» Früher sei es viel mehr um Kampf und Leidenschaft gegangen. Das Herz habe noch mehr dem Club gehört. Odermatt sagt weiter:

Als weiteren möglichen Grund für den Niedergang des Heimvorteils nennt er die immer kleiner werdenden Reisestrapazen. «Zu meiner Zeit mussten wir am Tag des Spiels frühmorgens in den Zug sitzen und fünf Stunden nach Sion fahren. Wenn wir Glück hatten, konnten wir uns vor dem Match noch kurz in einem Hotel ausruhen.» Das sei heute natürlich etwas völlig anderes.

Auffallend in unserer Analyse ist die Heimstärke in der französischen und spanischen, teils auch in der deutschen Liga bis in die 1990er-Jahre. England hingegen liegt, trotz für seine gerade in jener Zeit als Tollhäuser bekannten Stadien, auf dem Niveau der Schweizer Ligen. Liegt's tatsächlich an den in Spanien und Frankreich etwas grösseren Distanzen und Hinreisewegen als in England?

Veränderte die 3-Punkteregel den Heimvorteil?

Odermatt spricht noch einen weiteren Grund für den Niedergang des Heimvorteils an: die Einführung der 3-Punkte-Regel. Heutzutage seien Unentschieden eher zwei verlorene als ein gewonnener Punkt. Das sei früher anders gewesen.

Man habe sich beispielsweise in Zürich oder St.Gallen eher mit einem Punkt zufrieden gegeben und habe in der 80. Minute beim Stand von 1:1 nicht immer auf Sieg gespielt. Aussenseiter hätten so zu Hause eher einmal einen Punkt retten können als nach der Einführung der Regel Mitte der 1990er-Jahre.

Alain Wiss: «Die Spieler sind heute mental besser geschult»

Einen weiteren Punkt erwähnt FC-Aarau-Sportchef Burki: «Während die meisten Klubs ihre Stadien renoviert oder neue Arenen bezogen haben, hat sich in Aarau in den vergangenen 30 Jahren nichts verändert.» Wirtschaftlich sei das zwar ein Nachteil, sportlich aber das Gegenteil:

In Aarau sei man sich seit jeher die rudimentären Bedingungen gewöhnt.

Es ist eine These, der wiederum Fussballer Alain Wiss widerspricht. Der 29-Jährige, heute in der österreichischen Bundesliga bei Altach tätig, hat seine Profikarriere mit dem FC Luzern im alten Allmend-Stadion begonnen, später in der neu gebauten Swisspor-Arena gespielt, dann für den FC St.Gallen im Kybunpark. Also bei zwei Schweizer Clubs, die ebenfalls in der Liste der heimstarken Teams zuoberst stehen. Die Macht des Heimpublikums habe er in allen Stadien ähnlich stark wahrgenommen, sagt Wiss. Und auch beim Bezug des neuen Stadions in Luzern habe er diesbezüglich keine Einbussen bemerkt. Er bringt einen anderen Punkt an: «Die Spieler sind heute mental geschult – und lassen sich vom Publikum weniger beeinflussen, als dies vielleicht noch vor 20 Jahren der Fall war. »

St.Gallen statistisch gesehen mit Vorteilen

Die zentrale Frage für die kommenden Tage aber ist: Sprechen Geisterspiele nun für den FC Basel? Den FC St.Gallen? Oder für Meister YB?

Auf Anhieb wird das fehlende Publikum vor allem für die St.Galler als Nachteil genannt. Gerade wenn man sich die aufgeheizte Stimmung im St.Galler Kybunpark beim Spiel gegen Meister Young Boys vor Augen hält – der letzten Partie vor der Coronapause. Ein Blick auf die Tabelle aber zeigt, dass nicht etwa St.Gallen, sondern der Meister YB das beste Heimteam der Saison stellt. Oder anders gesagt: St.Gallen ist das beste Auswärtsteam.

Dass nun also die Young Boys mit Geisterspielen schlecht bedient sein könnten, sieht YB-Sportchef Christoph Spycher nicht so. «Für alle Beteiligten werden die Geisterspiele eine riesige Umstellung sein. Wer sich mit den neuen Voraussetzungen am besten zurechtfindet, wird am Ende die Nase vorn haben.»

Alain Sutter: «Wer sich besser an die Situation anpasst, gewinnt»

Auch St.Gallens Sportchef Alain Sutter, dessen Team sich diese Saison auswärts oft unbekümmert und gleich offensiv wie zu Hause präsentierte, will über die neue Situation ohne Zuschauer nicht spekulieren. Natürlich seien die Fans ein unverzichtbarer Teil, ja sogar «die Daseinsberechtigung für den Fussball». Ob sie wirklich Spiele und Meisterschaften entscheiden? Diese Frage stelle er sich nicht, weil sie zu viele Unwägbarkeiten beinhalte. Schon als Spieler habe er den Heimvorteil nicht stark wahr genommen. Weder in der Schweiz noch in der Bundesliga, wo er in den 1990er-Jahren in Nürnberg, Bayern München und Freiburg unter Vertrag war – und wo der Heimvorteil zu jener Zeit statistisch gesehen noch weit stärker als heute ausgeprägt war.

Sutter hat dennoch eine Erklärung dafür, weshalb der Heimvorteil im Grundsatz abgenommen hat. Für ihn ist es weniger die Abnahme der Heimstärke, sondern die Zunahme der Auswärtsstärke. Er stützt Wiss' Überlegung: «Spieler sind heute wohl mental geschulter, reifer, um auch in einem fremden Stadion konzentriert ihr Spiel durchziehen zu können.»

Auch Sutter ist sich letztlich sicher: Wer sich in den kommenden Wochen besser an die Situation anpasst, gewinnt. Heimvorteil hin oder her.

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