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Der Wachswahnsinn im Skizirkus – das Fluorverbot gefährdet die Erfolge von Olympiasieger Dario Cologna

Dario Cologna muss seine Langlaufski künftig ohne Fluor wachsen. Das Verbot beschäftigt den Bündner Olympiasieger.

Dario Cologna muss seine Langlaufski künftig ohne Fluor wachsen. Das Verbot beschäftigt den Bündner Olympiasieger.

Kurz vor Saisonstart herrscht rund um das Fluorverbot auf Skibelägen Aufregung und Unklarheit. Den Bündner Dario Cologna beschäftigt diese Thematik mehr als ihm recht ist.

Dario Cologna müsste längst beim Fotoshooting sein. Doch der Schweizer Langlaufstar lauscht lieber den Ausführungen seines Chefs Hippolyt Kempf. Wie am 23./24. September jede Skination der Welt, egal ob Nordisch, Alpin oder Freestyle, am Fraunhofer-Institut für Silicatforschung in Würzburg genau eine Stunde Zeit hat, um Skibeläge auf ihre Zulässigkeit testen zu lassen. Man spürt, wie das Thema Cologna beschäftigt. Schliesslich geht es auch darum, ob er bei seinen letzten grossen Auftritten überhaupt noch eine Chance auf eine Medaille hat. Der Bündner quittiert die Erklärungen von Nordischdirektor Kempf mit der Bemerkung:

Die Führung des Internationalen Skiverbandes FIS hat inzwischen bei drei Gelegenheiten entschieden, dass Fluor bereits ab diesem Winter auf Skibelägen verboten ist. Der Stoff sorgt sowohl bei Langläufern wie bei Alpinen dafür, dass das Wachs bei feuchten Schneebedingungen bessere Gleitfähigkeiten hat. Auf der Loipe schützt es den Belag zusätzlich vor Verschmutzungen, etwa in Waldpartien.

Es droht die Streichung aus dem Klassement

Das Problem dabei ist, dass Fluor umweltschädigend ist. Die USA und seit Juli 2020 auch die EU haben deshalb gewisse Arten des Stoffes verboten. Die FIS will in keinen Gesetzeskonflikt kommen. Da die neuentwickelten Messgeräte aber nicht zwischen erlaubtem und unerlaubtem Fluor unterscheiden können, wird die Substanz grundsätzlich verboten. Wer bei einer Kontrolle, die unmittelbar vor oder nach einem Rennen möglich ist, erwischt wird, wird aus dem Klassement gestrichen. Zum Beispiel Beat Feuz nach dem vermeintlichen Sieg am Lauberhorn.

Da aber jegliche Erfahrungswerte fehlen, ob zum Beispiel bei einem Massenstartrennen im Langlauf der Ski eines Athleten allenfalls auch durch das Fluor auf dem Belag des längere Zeit vor ihm laufenden Konkurrenten verunreinigt werden kann, will man zumindest vorerst einen Toleranzwert festlegen. Doch das ist bislang nicht passiert. Und auch über Messmethoden und das Prozedere wissen die Nationen noch nichts.

Reusser äussert sich kritsich

Alpindirektor Walter Reusser

Alpindirektor Walter Reusser

Der Zeitplan ist unglaublich eng. Walter Reusser, der Alpindirektor bei Swiss-Ski stellt fest:

Entsprechend gross ist die Aufregung. Beim Skirennsport, wo die Skimarken noch den viel grösseren Stellenwert haben als bei den Nordischen, laufen die Hersteller Sturm. Was genau ist noch erlaubt, was ist verboten? Ein Kritiker wirft der Skiindustrie allerdings vor, in dieser Sache während Monaten geschlafen zu haben und nie richtig geeint aufgetreten zu sein.

Dass derzeit vieles unklar bleibt, ist indes nicht die Schuld der Skifirmen. Das Fraunhofer-Institut hat zwar ein hoch entwickeltes Gerät, dass Fluorpartikel in kleinsten Mengen messen kann. Dieses würde den Skiteams bei den zwei Testtagen vor Augen führen, welche Wachsmethode künftig noch möglich ist. Rot oder Grün für jeden vorgelegen Ski!

Diese Messmethode ist aber für Tests am Pisten- und Loipenrand gänzlich ungeeignet. Und die angekündigten Handmessgeräte werden nicht wie geplant in Bälde industriell hergestellt, sind also vorläufig für die Teams, die Wachs- und die Skifirmen gar nicht erhältlich. Auch die FIS wird in dieser Saison nur rund 20 solcher Geräte zur Verfügung haben. Weil damit auch noch im Biathlon getestet werden muss, ist man von einer flächendeckenden Kontrolle meilenweit entfernt.

Es geht um bis zu zwei Minuten Differenz

Dies seinerseits öffnet Tür und Tor für Betrügereien. Schliesslich ist der Effekt von Fluor je nach Schneebeschaffenheit beeindruckend. Gut zwei Minuten schneller kann Dario Cologna einen 15-km-Lauf damit absolvieren. Kein Dopingmittel verschafft einen solch grossen Vorteil. Doch wer ist bei diesem Technikdoping künftig der Schuldige: Der Athlet oder der Servicemann? Und was ist, wenn der Servicemann des Konkurrenten die Schleifbürste am Vorabend heimlich im Fluor tüncht? Bei der Skipräparation ist dies nicht herauszufinden. Und das fertige Produkt messen kann man auch nicht. Und wieso gibt es analog zum Doping für Betrüger keine Sperren?

Hippolyt Kempf, Nordischchef von Swiss-Ski.

Hippolyt Kempf, Nordischchef von Swiss-Ski.

Offene Fragen scheint es weiterhin auch bei der FIS zu geben. Denn wenige Tage vor den grossen Tests am Fraunhofer-Institut wurden diese abgesagt. Mit der Begründung, dass der Vorgang noch zu wenig validiert sei. Die beiden Testtage sollen neu an einem noch nicht bekannten Termin im Oktober stattfinden. Am 17./18. Oktober indes ist der Start zum alpinen Weltcup in Sölden. «Ich glaube nicht, dass wir derzeit auf dem richtigen Weg sind», sagt Hippolyt Kempf stellvertretend für Swiss-Ski.

Zusätzlich nervös machen den Nordischchef Berichte aus Skandinavien, wonach die Norweger zwei Millionen Franken in ein Projekt für die optimalen Gleiteigenschaften von Skibelägen investieren. Sie hätten diesbezüglich ohnehin einen Standortvorteil, weil sich die ganze Wachsindustrie dort befinde. Kempf sagt, Fluor habe zu einer grösseren Ausgeglichenheit im Langlauf geführt, da man beim Wachsen weniger Fehler machen konnte. Er prophezeit, dass die Norweger mit dem Verbot in den kommenden Jahren noch dominanter auftreten werden.

Derzeit herrschen in den verschiedenen Serviceteams bei Swiss-Ski grosse Betriebsamkeit und viel Stress. Ohne Fluor rücken andere Puzzleteile für optimale Gleitfähigkeiten in den Mittelpunkt: Schneeaufbau, Reibung, Skispannung oder Schleifmuster. Und in der Übergangszeit mit Grenzwerten auch das Ausreizen genau dieser Toleranz. Besonders schwierig, wenn man sie nicht kennt und auch nicht selber messen kann. Und die Erwartungen der Athletinnen und Athleten, den besten Ski an den Füssen zu haben, erzeugen zusätzlichen Druck. «Für die Serviceleute ist die Situation besonders belastend», sagt deshalb Alpinchef Walter Reusser.

Skifirmen betreiben jeden erdenklichen Aufwand

Er bezweifelt, dass ein weiteres Argument des Fluorverbots greifen wird. Dass die Skipräparation billiger wird. «Ein Sieg im Weltcup hat kein Preisschild», sagt Reusser. Will heissen, dass die Skifirmen für den Erfolg auch weiterhin jeden erdenklichen Aufwand betreiben werden. Vorerst einmal beim Ausreizen des Erlaubten. Reusser glaubt auch, dass sich der anfängliche Vorteil etwa der Norweger im Langlauf nach einigen Jahren wieder ausgleichen wird. Denn auch die anderen Nationen werden ihre Möglichkeiten wahrnehmen. In der Schweiz zum Beispiel traditionellerweise in Form von Zusammenarbeit mit wissenschaftlichen Institutionen.

Nur Dario Cologna wird das wohl nichts mehr helfen. Er strebt den Erfolg nicht in einigen Jahren, sondern in den kommenden 18 Monaten an. Kein Wunder, beschäftigt ihn das Fluor derzeit ungleich mehr als das Coronavirus.

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