40 Jahre «Canadian Corner»
Die «Crazy Canucks» sind zum Jubiläum am Lauberhorn zu Gast: Die wilden Crash-Piloten fliegen wieder

Seit mittlerweile 40 Jahren trägt die Stelle am Lauberhorn-Rennen den Spitznamen der wilden Kanadier. Die Rede ist vom «Canadian Corner», dem vier als «Crazy Canucks» bekannt gewordene Crash-Piloten aus Kanada den Namen gaben.

Richard Hegglin, Wengen
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Ken Read bei der Abfahrt am Lauberhorn 1980 - der «Crazy Canuck» gewann das Rennen damals

Ken Read bei der Abfahrt am Lauberhorn 1980 - der «Crazy Canuck» gewann das Rennen damals

Keystone

Man sieht ihnen kaum mehr an, dass sie mal Weltklassesportler waren. Dave Irwin wirkt mit seinem breitkrempigen Hut wie eine Figur aus der Zeit der Anfänge des Films. Steve Podborski hat ein stattliches Bäuchlein angesetzt.

Jim Hunter, eigentlich kein echter «Crazy Canuck», da er nicht nur Abfahrten bestritt und schon in Sapporo 1972 hinter Walter Tresch Kombi-Bronze gewann, ist gar ins Superschwergewicht aufgestiegen. Nur an Ken Read, dem Leader der Crazy Canucks, scheint die Zeit spurlos vorbeigegangen zu sein. Der 61-Jährige sieht aus wie 40. Graue Haare hatte er schon mit 30.

Einer des legendären Quintetts lebt nicht mehr. Dave Murray starb 1990 im Alter von erst 37 Jahren an Krebs. Und einer fehlt in Wengen ebenfalls: Der Trainer der «Crazy Canucks» – der Schweizer Heinz Kappeler. Ihn hatte man vergessen einzuladen, ein Schönheitsfehler bei der grossartigen Idee. Kappeler hatte die verrückten Kanadier zwischen 1976 und 1982 trainiert, als diese die Österreicher und Schweizer Athleten in deren Domäne das Fürchten lehrten.

14 Siege für die wilden Crash-Piloten

14 Siege feierten die «Crazy Canucks» in ihrer glorreichen Zeit, den ersten durch Ken Read 1975 in Val d’Isère. Das war zugleich der erste Triumph eines Nordamerikaners im Abfahrts-Weltcup der Männer. Read gewann 1980, eine Woche nach seinem Kitz-Sieg, auch die Lauberhorn-Abfahrt.

Einen Tag später in der zweiten Lauberhorn-Abfahrt bremste Peter Müller die Kanadier aus und verwies Read und Podborski auf die Ehrenplätze. Podborski, der jüngste «Crazy Canuck», gewann zwischen 1979 und 1983 sieben Mal, aber nie in Wengen.

«Ich weiss gar nicht, wie oft ich gestürzt bin»

Der Verrückteste von allen war Dave Irwin, der mehr durch seine spektakulären Stürze auffiel als durch Siege. Er gewann nur ein einziges Rennen. Aber am Boden lag er fast permanent. «Ich weiss gar nicht, wie oft ich gestürzt bin», sagt Irwin.

Schon während seiner Aktivzeit rankten Legenden um ihn. Er hatte immer die Nummer des Zimmerschlüssels aufschreiben müssen, weil er stets vergas, in welchem Hotelzimmer er logiert. «Ja, das stimmt schon», sagte Irwin gestern, «ich bin heute noch vergesslicher.»

«Einige Male hat er den Kopf angeschlagen», erinnert sich Kappeler: «Im persönlichen Umgang waren alle ganz normal. Aber auf der Piste kannten sie keine Grenzen. Sie gingen immer ans Limit, auch in den Trainings.»

Allein am Lauberhorn stürzte Irwin viermal, 1976 binnen 24 Stunden zweimal: Zuerst flog er auf dem Weg zu einer Bestzeit im Zielschuss in die Strohballen, dann segelte er nach der Minschkante in die Netze – wie Teamkollege Read. Der Name «Canadian Corner» war geboren.

Ein Techtelmechtel mit Maria Walliser

Für das Organisationskomitee der Rennen in Wengen willkommener Anlass, 40 Jahre später die noch lebenden Legenden einzuladen. Heute wollen sie mit einer «Bombardier» Hundschopf und «Canadian Corner» von oben anschauen – fliegen ist schliesslich die unbestrittene Kernkompetenz der «Crazy Canucks».

«Die Einladung war eine glänzende Idee. Seit 25 Jahren bin ich erstmals wieder in Wengen», freut sich Ken Read, der nach seinem Rücktritt hinter den Kulissen im Skisport aktiv blieb. «Er ist so etwas wie der Russi Kanadas», beschreibt ihn Kappeler. Während sechs Jahren leitete Read den kanadischen Skiverband. Anfang der 1980er-Jahre hatte der Sonnyboy mal ein kurzes Techtelmechtel mit Maria Walliser.

Ein Sohn Reads tanzt aus der Reihe

Heute ist Ken Read in der FIS Vorsitzender der Kommission «Jugend und Kinder» – mit nachhaltigem Effekt. Sein Sohn Erik ist im Begriff, in den technischen Disziplinen Anschluss an die Weltspitze zu finden. Aber Erik fährt keine Abfahrten.

Muss da einem alten «Crazy Canuck» nicht das Herz schmerzen. Read lächelt: «Sein Bruder ist Abfahrer». Jeffrey Read ist 19-jährig und fährt an den NorAm-Rennen bereits in die Top Ten.

Hier finden Sie einen SRF-Beitrag zu den «Crazy Canucks» mit weiteren spektakulären Bildern von den Auftritten der Kanadier am Lauberhorn.

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