French Open

Die doppelte Hassliebe: Roger Federer trifft im Halbfinal auf Rafael Nadal – und auf seine grösste Herausforderung

Roger Federer stellt sich im Halbfinal der French Open in Paris (Freitag, 12.50 Uhr) mit Rafael Nadal erneut der grössten Herausforderung seiner Karriere. Bereis fünf Mal durften sich die beiden Superstars in Roland Garros duellieren - genau so oft verlor Federer auch gegen den Spanier.

Unberührt und gleichförmig verteilt liegt der blutrote Sand auf dem Court Philippe Chatrier, die weissen Linien des Rechtecks geputzt, wenn sich die Nacht über Paris legt. Nichts erinnert daran, dass hier das Herz des Sandplatztennis schlägt.

Dass sich der Platz zur Arena verwandelt, wenn die Besten hier um die Coupe des Mousquetaires kämpfen. Dass hier Duelle ausgetragen werden, deren Ausgang bis zum letzten Schlag und letzten Punkte ungewiss ist.

Acht Jahre sind vergangen, seit Roger Federer sich letztmals auf dieser Bühne mit Rafael Nadal gemessen hat. Fünf Mal war der Stilist hier gegen den Kämpfer angetreten. Es endete meist in einer Tragödie, einmal sogar im Drama, als er 2008 im Final seine klarste Niederlage erlitt. Ein Triumph gegen Nadal fehlt Federer im Palmarès.

«Natürlich wird es schwierig»

Heute nimmt er den sechsten Anlauf, angesichts dessen, dass er im August den 38. Geburtstag feiert, vielleicht den letzten. Für Federer ist das die grösste Herausforderung der Karriere. «Natürlich wird es schwierig, aber man weiss nie. Vielleicht hat er ein Problem. Vielleicht ist er krank», sagt er, der Nadal auf Sand in 15 Versuchen nur zwei Mal bezwungen hat - das letzte Mal vor über zehn Jahren in Madrid.

Roger Federer war 310 Wochen die Nummer 1 der Welt, es gibt kaum einen bedeutenden Rekord im Tennis, den er nicht hält. Auch auf Sand zählt er zu den Besten der Geschichte. 11 seiner 101 Titel gewann er auf dieser Unterlage.

«Es ist in Nadals Schläger»

Federers Jugendfreund Yves Allegro sagt: «Ich habe immer gesagt, dass Sand seine beste Unterlage ist. Roger war in den letzten 15 Jahren der zweitbeste Spieler auf Sand.» Doch der Beste ist zweifellos ein anderer: Rafael Nadal. Auch für Federer, der sagt: «Es ist mehr in Nadals Schläger als in meinem.»

Es ist ein erstaunliches Bekenntnis für einen, der im Selbstverständnis lebt, selber der Beste zu sein. Doch selbst die Besten brauchen Widerstand, um zu wachsen. Weil jedes gute Bühnenstück, jedes Drama, jede Tragödie Aufstieg und Fall eines Helden sehen will. Auch deshalb habe er sich dazu entschlossen, wieder auf Sand zu spielen, sagt Federer, der gestern mit dem Linkshänder Corentin Moutet trainierte.

Seine 15:23-Bilanz gegen Nadal erklärter auch damit, dass Nadal als Linkshänder einen Vorteil geniesse, weil er es gewohnt sei, gegen Rechtshänder zu spielen. «Für mich hingegen fühlt es sich niemals natürlich an. Es ist ein ganz anderes Spiel.»

Sandsaison lange ausgelassen

Das grösste Problem ortet Federer beim Return, weil der Ball zur anderen Seite wegspringe. «Früher hasste ich es, heute liebe ich es, denn es ist eine Herausforderung», sagt er, der seit Oktober 2015 alle 21 Duelle gegen Linkshänder gewonnen hat.

Federers Serie begann im Oktober 2015 im Final der Swiss Indoors Basel – und zwar ausgerechnet gegen Rafael Nadal. Federer hat den Spanier seither fünf Mal in Folge bezwungen, was auch dem Umstand geschuldet ist, dass er in den letzten zwei Jahren die Sandsaison komplett ausliess. Letztmals gab es das Duell auf dieser Unterlage vor sechs Jahren in Rom, als Federer nur vier Games gewann. Doch damals kämpfte er mit Rückenproblemen.

Emotionen wie 2009

Doch heute ist Federer ein anderer. Seine verbesserte Rückhand hat ihr Duell verändert. Was das für das Spiel auf Sand bedeutet, diese Frage beschäftigt auch ihn. «Ich bin neugierig zu sehen, ob sich das auszahlen würde», sagte er im Vorjahr, als er wieder einmal mit einer Rückkehr kokettierte. Er sagte auch: «Es ist mein Traum, in Roland Garros noch einmal zu gewinnen, noch einmal diese Emotionen zu erleben.»

Bei Federer und Nadal treffen immer auch zwei Welten aufeinander. Hier der Rechtshänder, das Spiel virtuos und variabel, die Rückhand klassisch einhändig geschlagen, bewundert für Schläge von klinischer Präzision.

Dort Nadal, der Linkshänder, ein gewiefter Taktiker mit beidhändiger Rückhand, ein Kämpfer, kräftig, leidenschaftlich, gesegnet mit grossem Ballgefühl. «Es ist das Spiel der beiden Besten», sagt Nadal.

Ursprung einer Entfremdung

Roger Federer gilt heute als Spieler für Hartplätze, doch aufgewachsen ist er auf Sand. Linkshänder Nadal, diese Herausforderung, die er gehasst hatte, stand am Ursprung einer Entfremdung. Doch in den letzten Monaten schien Federers Liebe für Sand neu zu entflammen. «Ich werde alles auf dem Platz lassen», sagte er zu Beginn des Turniers.

Wenn er und Nadal am Freitag den Court Philippe Chatrier verlassen, wird der Sand aufgewühlt, der Platz vom Schweiss getränkt und die Linien verschmutzt sein. Der 7. Juni 2019 ist auch jener Tag, an dem sich Federers einziger Erfolg in Paris zum zehnten Mal jährt. Er hatte eine kathartische Wirkung. Und nur einen kleinen Schönheitsfehler: Federer musste auf dem Weg dorthin nicht Nadal bezwingen.

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