Olympischen Spiele
Die fünf lustigsten und bewegendsten Geschichten aus Rio - wir starten mit Dan Craven

Über die Medaillengewinner wird oft geschrieben. Deshalb wollen hier den Fokus auf jene Menschen legen, die in Rio de Janeiro abseits des Erfolgs für lustige und bewegende Momente sorgten

Martin Probst
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Dan Craven setzte sich nach seiner Zieleinkunft scherzeshalber aufs provisorische Podest.

Dan Craven setzte sich nach seiner Zieleinkunft scherzeshalber aufs provisorische Podest.

1 Ohne Zeitfahrvelo auf dem Podest

Das Zeitfahren der Männer – natürlich: Gold für Fabian Cancellara! Doch die lustigste Geschichte des Tages schrieb ein anderer: Dan Craven. Ein bärtiger Mann aus Namibia. Nach Rio ist er als einziger Athlet seines Landes gereist. Im Gepäck: nur ein Velo. Keine moderne Zeitfahrmaschine, wie sie der Schweizer Sieger hat. Aber egal: Als Erster ging der 33-jährige Craven ins Rennen, als Zweiter kam er ins Ziel. Stolz twitterte er das Foto von sich auf dem Wartestuhl der Top-3 ins Internet (Bild). Und als er nach drei Fahrern auf den dritten Rang abgerutscht war, schrieb er: «Momentan Bronze!» ins Netz.

Spätestens da war der Mann ohne Zeitfahrvelo – aber auch ohne Zeitfahranzug, ohne Triathlonlenker, und ohne Scheibenräder – der erste Gewinner des Tages, obwohl er am Ende ganz knapp den letzten Platz belegte. 15 Minuten hinter Cancellara, aber nur 10 Sekunden langsamer als der Türke Ahmet Orken.

Dabei war sich Craven lange Zeit nicht einmal sicher, ob er überhaupt starten soll. So ganz ohne professionelles Equipment. Er hatte die vielen Stürze im Strassenrennen gesehen und fragte seine Freunde im Netz, ob er es wagen soll. Die Antwort war klar: «Dan from Nam», wie er sich in den sozialen Netzwerken nennt, tu es!

Und er tat es und inspirierte damit seine Fan-Gemeinde, ihn per Fotomontage an zahlreichen anderen Olympia-Wettbewerben teilnehmen zu lassen.

Tongas Fahnenträger Pita Taufatofua zeigt seinen Adons eingeölt an der Eröffnungsfeier

Tongas Fahnenträger Pita Taufatofua zeigt seinen Adons eingeölt an der Eröffnungsfeier

KEYSTONE

2 Der eingeölte Adonis

Selbst Jenna Bush Hager, Tochter des ehemaligen US-Präsidenten George W. Bush, kann die Finger nicht von ihm lassen. Pita Taufatofua, Taekwondo-Kämpfer vom südpazifischen Inselstaat Tonga, hat den Körper eines Adonis. Und damit die schönen Muskeln noch besser zur Geltung kommen, hat sich der 32-Jährige für die Eröffnungsfeier, die er als Fahnenträger bestritt (Bild), eingeölt.

Was wiederum Bush Hager dazu animierte, den schönen Mann am Strand mit Kokosnussöl zu massieren. Die Verehrerinnen stehen seither Schlange, sodass sogar Tongas oberster Sportfunktionär Stellung beziehen musste. «Pita ist heterosexuell und Single. Frauen können es also gerne versuchen.»

3 Tanzen für den Umweltschutz

Gewichtheber David Katoatau zeigt seinen Hüftschwung

Gewichtheber David Katoatau zeigt seinen Hüftschwung

KEYSTONE

Der starke Mann kann tanzen. Und wie! David Katoatau ist eigentlich Gewichtheber, doch in Rio de Janeiro ist er vor allem als Tänzer aufgefallen. Mit einer gekonnten Schrittfolge auf dem olympischen Parkett verzückte er die Zuschauer.

Doch der Hintergrund der Showeinlage ist ernst. David Katoatau kommt aus Kiribati, einem kleinen Staat im Pazifik. Die Insel droht zu versinken, weil der Meeresspiegel steigt. Der 32-Jährige wurde selbst schon Opfer. Sein traditionelles Haus wurde einige Monate nach der Fertigstellung vom Wasser zerstört und versank. Wie ihm geht es vielen Einwohnern in Kiribati.

Darum nutzte der 94 Kilogramm schwere Mann seine Teilnahme in Rio – wo er im Gewichtheben Rang 6 belegte – auch dafür, um auf die Bedrohung seiner Heimat aufmerksam zu machen. «Ich rufe die Welt dazu auf, hinzuschauen, was in Kiribati passiert», sagte er. «Die Wahrheit ist doch, dass die Menschheit sich selber zerstört. Wir werden die Ersten sein, die untergehen. Wenn wir so weitermachen, dauert es nicht mehr lange, und wir gehen alle unter.»

Ein verbindender Händedruck

Südkorea (Lee Eun Ju, rechts) und Nordkorea (Hong Un Jong, links) geben sich die Hand.

Südkorea (Lee Eun Ju, rechts) und Nordkorea (Hong Un Jong, links) geben sich die Hand.

KEYSTONE

Lee Eun Ju ist Südkoreanerin (im Bild rechts), Hong Un Jong (links) startete in Rio für Nordkorea. Geografisch gesehen sind sie Nachbarn, doch politisch betrachtet, könnten die Länder nicht weiter auseinander liegen. Da der westliche Süden, dort der diktatorisch regierte Norden. Seit Jahrzehnten befinden sich die Länder im Krieg.

Dass die politischen Wirrungen wenig mit dem normalen Leben zu tun haben, bewiesen die beiden jungen Kunstturnerinnen auf eindrückliche Weise. Das Foto ihres Händedrucks steht sinnbildlich für die vereinende Kraft des Sports. «Ich habe sie gesehen und nach einem gemeinsamen Foto als Souvenir gefragt», sagte Lee Eun Ju.

Die junge Frau aus Südkorea kann sowieso nicht verstehen, warum zwischen den beiden Ländern Spannungen herrschen. «Wir kommen in Rio mit Sportlern aus sehr vielen Ländern in Kontakt. Warum also sollen wir Süd- und Nordkoreaner das nicht tun?»
Hong Un Jong hatte 2008 an den Sommerspielen in Peking am Sprung Gold gewonnen und ist seitdem in ihrer kommunistischen Heimat eine Volksheldin.

Umfallen und gemeinsam aufstehen

Nikki Hamblin (links) und Abbey D’Agostino (rechts) stürzen erst und setzen das Rennen dann gemeinsam fort.

Nikki Hamblin (links) und Abbey D’Agostino (rechts) stürzen erst und setzen das Rennen dann gemeinsam fort.

KEYSTONE

«Auf einmal war da eine Hand auf meiner Schulter. Es war wie: Los, steh auf – wir müssen das hier beenden», sagte die Neuseeländerin Nikki Hamblin (im Bild links) nach dem Rennen. Zuvor war die 5000-Meter-Läuferin im Halbfinal gestürzt und brachte damit auch Abbey D’Agostino (im Bild rechts) zu Fall. Doch statt sauer weiterzurennen, ermutigte D’Agostino ihre Konkurrentin, weiterzulaufen. «Ich bin ihr so dankbar, dass sie das gemacht hat», sagte Hamblin.

Gemeinsam setzten sie das Rennen fort, ehe Abbey D’Agostino erneut stürzte. Was Hamblin dazu brachte, ihrer Konkurrentin aufzuhelfen. Im Ziel folgte eine herzliche Umarmung, ehe die Amerikanerin mit dem Rollstuhl abtransportiert wurde. D’Agostino hatte sich beim ersten Sturz das Kreuzband gerissen.

Heidi Diethelm zielt – schiesst – und trifft. Die 47-jährige Kauffrau begann erst 2003 mit dem Schiessen. Fünf Jahre später stieg sie bereits ins Nationalkader ein.
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Mit ihrer Bronzemedaille im Sportpistole 25 Meter brach sie schon am vierten Tag den Edelmetall-Fluch für die Schweiz. Sie gewann 2014 sowohl die Schweizer- als auch den Weltcup mit der Sportpistole. Ausserdem 2013 die Europameisterschaften.
Nur ein Tag später tritt Fabian Canellara zu seinem letzten Rennen an. Der 35-Jährige gewann bereits 2008 die Olympische Goldmedaille im Zeitfahren – und war von 2006 bis 2010 vier Mal Weltmeister im Zeitfahren.
Er überzeugt vollkommen und beschert der Schweiz Olympia-Gold. Zwischen Ihm und dem Zweitplatzierten, Tom Dumoulin, lagen stolze 47 Sekunden.
Der Schweizer Leichtgewichts-Vierer rudert sich tags darauf zu einer weiteren Gold-Medaille. Noch vor vier Jahren, an den Olympischen Spielen in London, lag das Ruderteam lediglich auf Platz fünf.
Lucas Tramèr, Mario Gyr, Simon Schürch und Simon Niepmann holen damit die dritte Medaille für die Schweiz. Für den Schweizerischen Ruderverband ist es jedoch bereits die siebte Goldene die sie von den Olympischen Spielen mit nach Hause nehmen kann.
Trotz des frühen Out von Timea Bacsinsky im Einzel, zeigte sie im Doppel, zusammen mit Martina Hingis, eine solide Leistung. Nachdem Hingis ursprünglich mit Bencic im Doppel und mit Roger Federer im Mixed antreten hätte sollen – beide aber verletzungsbedingt Forfait gaben – Bacsinsky rückte als Doppel-Partnerin nach.
Auch wenn sie sich im Finale gegen Russland geschlagen geben müssen, so bleibt ihnen trotzdem eine Silbermedaille für die Schweiz. Hingis gewann in ihrer langen Karriere, abgesehen vom French Open im Einzel, jedes der vier Grand Slam-Turniere – sowohl im Einzel, im Doppel als auch im Mixed. Für Bacsinsky ist der zweite Platz an den Olympischen Spielen der bisherige Karriere-Höhepunkt.
Turn-Sternchen Giulia Steingruber qualifiziert sich gleich für drei Finals. Bei ihrer Paradedisziplin, dem Sprung, springt sie auf den Schweizer Turnolymp. Nachdem sie bereits zwei Europameister-Titel an der heimischen Meisterschaft in Bern holte – am Sprung und am Boden – waren die Erwartungen an Steingruber hoch.
Sie holt das erste Olympia-Edelmetall im Turnen seit 1996 – und ist die erste Turnerin, welche an den Olympischen Spielen eine Medaille gewinnt. Die Turnerin durfte bereits bei den Eröffnungsspielen die Schweizer Fahne tragen und zeigte, abgesehen von zwei Stürzen am Sprung, eine sehr solide Leistung an den Olympischen Spielen in Rio.
In Rio musste sich Nicola Spirig nur gegen die US-Amerikanerin Gwen Jorgensen geschlagen geben. Ihren ersten Titel gewann die Zürcherin bereits 1999: Sie gewann die ETU Europameisterschaft in Portugal. Ausserdem gewann Spirig 2001 den Junioren-Weltmeistertitel sowie 2003 den U23-Weltmeistertitel. Von 2009 bis 2015 wurde sie nochmals fünf Mal Europameisterin.
Sie konnte zwar nicht an die Leistungen aus London 2012 anknüpfen, dort gewann sie Gold, zeigte trotz allem eine herausragende Leistung. Mitstreiterin Jolanda Annen erreichte einen starken 14. Rang.
Schon vor dem Rennen wurde bekannt gegeben, dass Mountainbiker Nino Schurter die Schweizer Fahne an der Schlussfeier tragen wird. Doch nicht nur deswegen hatte er Grund zu Jubeln.
Nach Bronze 2008 in Peking, Silber 2012 in London, was fehlte da? Richtig. Gold in Rio! Die Schweiz hat somit an den Olympischen Spielen in Rio drei Mal Gold, zwei Mal Silber und zwei Mal Bronzemedaillen gewonnen.

Heidi Diethelm zielt – schiesst – und trifft. Die 47-jährige Kauffrau begann erst 2003 mit dem Schiessen. Fünf Jahre später stieg sie bereits ins Nationalkader ein.

KEYSTONE/AP/EUGENE HOSHIKO

In den sozialen Netzwerken wurden die Athletinnen für ihr faires Verhalten gefeiert. Es seien die «bislang bewegendsten Bilder dieser Wettkämpfe», schrieb in der Folge die Zeitung «USA Today».

Die Fairplay-Geste der Läuferinnen wurde später aber auch von der Jury honoriert. Trotz der deutlich verpassten Qualifikation durften beide Athletinnen im Final starten. Hamblin lief schliesslich auf Rang 17. Abbey D’Agostino konnte aufgrund der Verletzung nicht mehr teilnehmen. Im Internet wurden in der Folge Stimmen laut, die D’Agostino als Fahnenträgerin der USA an der Schlussfeier forderten.