Coronavirus

Die hässliche Fratze des Fussballs: Wie Englands Vereine an ihrem Geld ersticken

Jürgen Klopps Liverpool beansprucht das Notfallprogramm der Regierung.

Jürgen Klopps Liverpool beansprucht das Notfallprogramm der Regierung.

Spieler beharren auf ihre Millionengehälter und Vereine wie Liverpool höhlen den Staat mit Anträgen auf Kurzarbeit aus. In der Coronakrise offenbaren sich Gier und fehlender Realitätssinn im englischen Fussball.

Als würden sie, inmitten von Elend und Verzweiflung, auf einer Insel der Glückseligkeit leben – so verhalten sich die englischen Fussballvereine in Zeiten der Coronakrise. Als würde sie all das, was um sie herum gerade passiert, nicht kümmern.

Nach Tottenham Hotspur, Norwich City, Bournemouth und Newcastle kündigte am Wochenende der FC Liverpool als fünfter Verein aus der Premier League an, das Notfallprogramm der Regierung zu beanspruchen. Zur Erhaltung von Arbeitsplätzen hat der britische Staat beschlossen, für Unternehmen 80 Prozent der Einkommen bis zu einer Höhe von 2500 Pfund im Monat rückwirkend ab dem 1. März für drei Monate zu übernehmen. Das bedeutet, dass nun die Allgemeinheit für die Personalkosten des Champions-League-Siegers aufkommt.

Liverpool, das im letzten Geschäftsjahr für Spieler wie Alisson Becker, Fabinho, Naby Keita und Xherdan Shaqiri knapp 200 Millionen Franken in neue Spieler investiert hat. Das einen Gewinn von 50 Millionen Franken auswies, bei einem Umsatz von sagenhaften 670 Millionen Franken. Sieben Jahre spielte Dietmar Hamann für Liverpool. Seither machte sich der Deutsche als Experte einen Namen. Er sagt: «Das widerspricht der Moral und den Werten dieses Klubs, wie ich sie kennengelernt habe.»

Jamie Carragher, auch er ein ehemaliger Spieler, bezeichnet das Vorgehen als armselig. «Jürgen Klopp hat zu Beginn der Pandemie Mitgefühl gezeigt, wo ist jetzt der Respekt und das Wohlwollen?» Und ein betroffener Mitarbeiter sagt zum englischen TV-Sender «BBC»: «Der Klub nennt seine Mitarbeiter Familie. Ich fühle mich nicht wie ein Familienmitglied!»

200 Millionen Franken liess sich Liverpool neue Spieler wie Alisson kosten.

200 Millionen Franken liess sich Liverpool neue Spieler wie Alisson kosten.

«We are Liverpool. This means more»

Ausgerechnet der FC Liverpool also, der sich als erhaben über die Gier der Konkurrenz inszeniert, allen voran über das mit arabischem Geld alimentierte Manchester City, das übrigens auf Kurzarbeit verzichtet, dafür die Jahreskarten in Rechnung stellte. Ausdruck verleiht dieser Haltung ein Leitspruch, den man im Jahr 2018 kreiert hat: «We are Liverpool. This means more». Der Slogan basiert auf einem Zitat des früheren Trainers Bill Shankly, dessen Wunsch es gewesen war, als selbstloser Mann in Erinnerung zu bleiben, der eine Familie aufbaute, deren Mitglieder mit erhobenem Haupt durch die Strassen gehen können, um zu sagen: «Wir sind Liverpool.» Der Schotte hat mit seinen Erfolgen und seiner sozialistischen Gesinnung den Mythos des Klubs mitbegründet.

Und die Spieler? Sie jonglieren sich mit WC-Papier durch die sozialen Medien. Und Liverpools Captain Jordan Henderson richtet mit seinen Kollegen einen Hilfsfonds für Notleidende ein. Alles Schall und Rauch, denn wenn es ums eigene Portemonnaie geht, ist sich auch in England jeder selbst der Nächste. Am Sonntag lehnten die Profis die Forderung nach einem 30-prozentigen Gehaltsverzicht ab.

Ihre Haltung begründete die Spielergewerkschaft PFA mit dem Verweis auf einen daraus resultierenden Verlust von Steuergeldern von etwa 200 Millionen Pfund. Leidtragender sei der nationale Gesundheitsdienst NHS, der sich um die an der Lungenkrankheit Covid-19 Erkrankten kümmert, zu denen auch der Premierminister Boris Johnson gehört, der am Sonntag hospitalisiert werden musste. Wayne Rooney, der inzwischen bei Derby County in der zweiten Liga spielt, schreibt in einer Kolumne in der «Sunday Times»: «Warum sind Fussballer plötzlich die Sündenböcke?» Wenn schon, müsse der Verzicht freiwillig sein. Nicht jeder könne auf so viel Geld verzichten.

Wayne Rooney wehrt sich in der Lohndebatte für seine Kollegen.

Wayne Rooney wehrt sich in der Lohndebatte für seine Kollegen.

Spiele in China oder ohne Publikum

Wirklich nicht? Man stellt sich die Frage, wo diese Spieler künftig ihr Geld verdienen wollen, wenn sie den Fussball mit ihrem fehlenden Verzicht in den Bankrott treiben. Ein Drittel der deutschen Profivereine ist durch die Krise von der Insolvenz bedroht. In Deutschland, Spanien und Italien haben die Spieler temporären Lohneinbussen zugestimmt. Nur in England, wo die besten Gehälter bezahlt werden, stellen sich die Spieler quer. Sie predigen Wasser und trinken Wein. Als hätte es noch weiteres Beispiel gebraucht, wie heuchlerisch und selbstsüchtig das Krisenmanagement ist, rief der Verteidiger Kyle Walker am Wochenende dazu auf, zu Hause zu bleiben – und vergnügte sich am gleichen Abend mit zwei Prostituierten. Gerade in der Krise zeigt der Fussball seine hässliche Fratze.

Es zeigt, wie weit sich der englische Fussball von der Basis entfernt hat. Über fünf Milliarden Franken erhält die Premier League alleine aus TV-Verträgen. Mehr als die Hälfte der Vereine befinden sich in ausländischer Hand und sind das Spielzeug unverschämt reicher Menschen, Scheichs aus Katar, dem Geldadel aus Saudi-Arabien, Oligarchen aus Russland, Geschäftsleuten aus China. Die englischen Vereine drohen an ihrem Geld zu ersticken. Und die Zuschauer? Sind nur noch Kulisse. Anders ist nicht zu erklären, wie man auf die Idee kommen kann, den Ligabetrieb in China wieder aufzunehmen. Oder den Meister in den verbliebenen 92 Spielen in einem Turnier in London und Birmingham zu ermitteln. Ohne Publikum, versteht sich. Willkommen auf der Insel der Glückseligen.

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