Wegen 1000er-Regel

Die Ohnmacht im Spitzensport nimmt zu: Berner Sportklubs kritisieren die kantonale Regierung

Beim Spiel gegen Vaduz sahen in Bern noch 11600 Zuschauer den 1:0-Sieg von YB. Nun dürfen nur noch 1000 Zuschauer ins Stadion.

Beim Spiel gegen Vaduz sahen in Bern noch 11600 Zuschauer den 1:0-Sieg von YB. Nun dürfen nur noch 1000 Zuschauer ins Stadion.

Wie weiter nach dem Berner Alleingang gegen seine Sport-Klubs? Ein Streifzug durch die Betroffenen im Schweizer Fussball und Eishockey.

Es ist der Tag nach dem grossen Schock. Der Spitzensport im Kanton Bern ist der Willkür ausgeliefert. Ab sofort sind nur noch 1000 Zuschauer bei Spielen von YB, Thun, SCB, Biel oder Langnau erlaubt. Trotz einwandfreien Schutzkonzepten, dem Lob dafür von Gesundheitsminister Alain Berset und Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga. Trotz keiner einzigen bewiesenen Corona-Ansteckung in einer Sport-Arena.

Wie weiter also nach dieser ­Horror-Nachricht?

Am Montagmittag veröffentlichen YB und der SC Bern gemeinsam einen offenen Brief an die Kantonsregierung. Die beiden Klubs wählen deutliche Worte, sie sind «bestürzt», «verärgert» und «enttäuscht». Und schreiben weiter: «Wir hätten uns gerne Argumente angehört. Für den Sport ist dieser ­Entscheid ein Frontalangriff.»

YB-CEO hofft auf Neubeurteilung der Regierung

Besonders irritierend ist die Tat­sache, dass der Berner Gesundheits­minister Pierre-Alain Schnegg bei seinem Alleingang Fakten schafft, ohne die betroffenen Klubs anzuhören. Es wirkt, als hätte er seinen Entschluss ­bereits vor den vom Bundesrat getroffenen Massnahmen gefällt. Vielleicht auch, um von sich selbst abzulenken.

Wanja Greuel.

Wanja Greuel.

YB-CEO Wanja Greuel sagte am ­frühen Abend gegenüber dieser Zeitung: «Wir hoffen sehr, dass die Berner Regierung die Situation noch einmal differenziert betrachtet. Der Entscheid ist für uns vernichtend.» YB entgehen mit jedem Heimspiel ohne Zuschauer geschätzte Einnahmen zwischen 250'000 und 400'000 Franken. ­Greuel sagt:

Fussball: Die Meisterschaft geht weiter, egal mit wie vielen Fans

Ganz egal, wie viele Zuschauer erlaubt bleiben, die Fussball-Meisterschaft geht weiter. Das stellt Liga-Chef ­Claudius Schäfer klar:

Wie die Berner Spitzenklubs wurde auch die Swiss Football League auf dem falschen Fuss erwischt. «Es geht nun darum, dass die Berner Klubs eine Perspektive erhalten, unter welchen Umständen die Massnahmen wieder aufgehoben werden», sagt Schäfer.

ZSC-CEO Zahner hat kein Verständnis für den Kanton Bern

Peter Zahner.

Peter Zahner.

Die Befürchtung in der Sport-Szene ist nun, dass das Berner Beispiel eine Kettenreaktion auslöst. «Die Sorge ist gross», sagt Peter Zahner, CEO des ­Eishockey-Klubs ZSC Lions. «Dass ein so grosser Kanton wie Bern vorprescht, war ein fatales Zeichen für alle. Dafür habe ich kein Verständnis. Mehr noch: Ich bin ratlos. Weil neue existenzielle Fragen aufkommen.» Immerhin brauchen die Zürcher Vereine keine Angst zu haben vor einem Alleingang ihrer ­Gesundheitsministerin Natalie Rickli. Im Gegensatz zum Kanton Bern entscheidet in Zürich der gesamte Regierungsrat.

Eishockey: Grössere Abhängigkeit von Zuschauern als im Fussball

ZSC-Geschäftsführer Zahner geht noch einen Schritt weiter. Er sagt:

Die Abhängigkeit von Zuschauern ist im Schweizer Eishockey noch einmal grösser als im Fussball. Dies, weil die Vereine kein Geld mit Transfers verdienen können. Im Eishockey sind die Budgets der Klubs darum so berechnet, dass zwei Drittel der Zuschauer-Kapazität ausgeschöpft werden kann.

Bald muss ein neuer TV-Vertrag ausgehandelt werden

Entsprechend gross ist die Not nun beim SC Bern, dem EHC Biel und den SCL Tigers. Und trotzdem ist ein ­Abbruch der Meisterschaft kein realistisches Szenario. Dies könnte nur die Liga beschliessen, mittels Dreiviertelmehrheit. Es wird nicht passieren, weil die Glaubwürdigkeit gegenüber den TV-Partnern auf dem Spiel steht. Bald gilt es, den nächsten Fernsehvertrag auszuhandeln.

Grosse Not rund um den SC Bern und dessen aktuellen Topscorer Vincent Praplan.

Grosse Not rund um den SC Bern und dessen aktuellen Topscorer Vincent Praplan.

Staatsgelder: Müssen sie zurückbezahlt werden?

Bleibt also ein Ausweg: Die Staatskasse. Im November wird der Bundesrat im Rahmen des Covid-19-Gesetzes die Verordnung absegnen, wonach die Klubs Darlehen beantragen dürfen. Das Geld könnte anfangs Dezember fliessen. Die Rückzahlungsfrist beträgt zehn Jahre. Ist das realistisch? Fragezeichen sind angebracht. Und darum stellt sich die Frage, ob die Darlehen in Subventionen umgewandelt werden müssen. «Weil der Sport in der Schweiz leider nicht die Bedeutung hat, die er verdienen würde, ist nicht zu erwarten, dass die Klubs Subventionen erhalten», sagt YB-CEO Wanja Greuel.

Noch immer fehlt in Politik und Bevölkerung das Bewusstsein dafür, wie die gesamte Gesellschaft vom Spitzensport profitiert und wie viele Jobs daran hängen. Trotzdem sagt ­Greuel:

Am Sonntag hat Bundespräsidentin Sommaruga gesagt, das «Gstürm» müsse aufhören. Der Weg ist noch weit.

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