Olympia 2018

Die Schweiz und ihre Diplomkönigin Nathalie von Siebenthal: «Jetzt hole ich das vierte Diplom»

Nathalie von Siebenthal zu ihren Olympischen Diplomen.

«Für mich ist das Diplom etwas Spezielles, schliesslich ist es der Lohn für eine Leistung.»

Nathalie von Siebenthal zu ihren Olympischen Diplomen.

Kein anderes Wintersportland zelebriert den Gewinn von olympischem Papier derart wie die Schweiz. Langläuferin Nathalie von Siebenthal hat nach drei Einsätzen ebenso viele Auszeichnungen in der Tasche.

Die Schweizer Diplomatie ist Weltklasse. Auch im Sport. Bei den Olympischen Spielen in Pyeongchang listet die Schweiz unter ihren Erfolgen neben 13 gewonnenen Medaillen zusätzlich 21 Diplome aus (Stand Freitagabend). Der internationale Vergleich ist schwierig. Es gibt zwar bei Olympia einen viel beachteten Medaillenspiegel, aber keinen solchen für Diplome. Trotzdem ist der Umgang mit den Auszeichnungen letztlich ein Spiegelbild des eigenen Sportverständnisses.

Nathalie von Siebenthal und ihre bisherigen drei Olympischen Diplome.

Nathalie von Siebenthal und ihre bisherigen drei Olympischen Diplome.

Ein kleiner Vergleich, der viel verrät. In Schweizer Medien wurde der Begriff «Olympisches Diplom» seit Beginn der Spiele mehr als 400 Mal benutzt. In Deutschland ein einziges Mal. Bei einem Essay über die Tatsache, dass es für das Verpassen der Medaillen einen Trostpreis gibt. Sportjournalist Gerald Fritsche von der Deutschen Presseagentur sagt: «Dieser Begriff wird in unserem Sprachgebrauch überhaupt nie verwendet.» Die gleiche Antwort hört man aus Österreich. Und die französischen Kollegen kennen nicht einmal den Ausdruck.

Mehr Geld mit mehr Diplomen

Ralph Stöckli, der Schweizer Delegationsleiter in Pyeongchang, findet das schade. Der ehemalige Spitzencurler brachte von seinen Einsätzen an Winterspielen eine Medaille und ein Diplom nach Hause. «Ich bin auch auf das Diplom stolz», sagt er. Für einen Curler sei die damit verbundene finanzielle Unterstützung durch die Sporthilfe eine wichtige Einnahmequelle.

Mit einem gewonnenen OlympiaDiplom erhält ein Athlet von Swiss Olympics eine sogenannte Silber-Card. Die höchste Einstufung, die Gold-Card, gibt es nur für Medaillengewinner. Diese Cards entscheiden über die Höhe der Förderbeiträge. Die Anzahl Diplomränge an Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften hat auch Einfluss auf die Einstufung einer Sportart als solche bei Swiss Olympic. Es gibt fünf Töpfe, die Unterschiede in finanzieller Hinsicht sind elementar.

Diplompotenzial wird belohnt

Und zu guter Letzt wertet der Dachverband des Schweizer Sports den Begriff seit Rio 2016 zusätzlich auf. Vor zwei Jahren wurden die Sportler für die Olympia-Selektion in drei Gruppen eingeteilt. Gruppe 1 sind Athleten mit Potenzial für ein Diplom, Gruppe 2 sind Athleten, die bis zu den nächsten Spielen Top-8-Niveau aufweisen, und Gruppe 3 sind Athleten ohne realistisches Potenzial für ein Diplom.

«Der Begriff trifft bei Sportlern und Verbänden auf breite Anerkennung», sagt Stöckli. «Es ist eine Definition für erweiterte Weltspitze und sagt bei jungen Athleten auch viel über das Medaillenpotenzial in der Zukunft aus.» Die Top 8 haben übrigens auch im medaillenverwöhnten Deutschland ihren Wert. Sie definieren die höchste Förderstufe der Sporthilfe.

Die Schweizer Diplomkönigin von Pyeongchang heisst Nathalie von Siebenthal. Gleich drei solche Urkunden bekam die Berner Langläuferin für ihre zwei sechsten Plätze im Skiathlon und über 10 km Skating sowie den siebten Platz mit der Staffel. «Und am Sonntag will ich mein viertes Diplom gewinnen», verkündet sie ihre persönliche Zielsetzung für das 30-km-Rennen. Von Siebenthal wird als allerletzte Schweizer Sportlerin bei den Winterspielen im Einsatz stehen.

Mehr als ein Trostpreis

Selbst wenn die beste Schweizer Langläuferin nach dem Wettkampf über 10 km bitter enttäuscht war, die insgeheim erhoffte Medaille verpasst zu haben, ist das erhaltene Blatt Papier mehr als ein Trostpreis. «Für mich ist das Diplom etwas Spezielles, schliesslich ist es der Lohn für eine Leistung.»

Eine Leistung, die auch von Swiss Olympic honoriert wird. Für die Plätze vier bis acht bei Olympia gibt es abgestuft zwischen 8000 und 2000 Franken. Und die Nationalhymne obendrauf. Zumindest beim Schweizer Langlaufteam. Dieses zelebrierte die Übergabe der Diplome an die Athleten mit einer internen Feier und sang danach gemeinsam den Schweizerpsalm.

Diplom zu verkaufen auf eBay

Ein Diplom erhält die 24-jährige von Siebenthal übrigens auch, wenn sie wider Erwarten am Sonntag aufs Podest laufen sollte. Ursprünglich erhielt sogar nur der Olympiasieger eine solche Auszeichnung, ab 1924 gab es das wertvolle Papier für die ersten drei. Quasi zum Trostpreis für verpasstes Edelmetall verkam der Begriff 1948. Seit damals erhalten die besten sechs eine Urkunde, 1984 wurde es vom IOC auf die ersten acht ausgedehnt.

Während die Schweizer Sportler das Olympische Diplom quasi schon mit der Muttermilch eingeflösst bekommen, definiert sich dessen Wert bei anderen über das Angebot auf «ebay». Für 220 Dollar bietet der ehemalige DDR-Eiskunstläufer Tassilo Thierbach sein Diplom für den 4. Rang bei den Winterspielen 1984 in Sarajevo feil. Zugeschlagen hat noch niemand. Nicht einmal ein Schweizer.

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