EM 2016
Die Schweizer Nationalmannschaft hat eine neue Qualität entdeckt

Die Schweizer Nationalmannschaft hat ein Wandel durchgemacht. Sie kommt trotz Widerständen zum Erfolg und hat in den letzten Jahren die wichtigsten Spiele fast ausnahmslos gewonnen.

Etienne Wuillemin, Montpellier
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Fabian Schär (22) sorgt mit seinem frühen Kopftor für den wichtigen Schweizer EM-Startsieg.

Fabian Schär (22) sorgt mit seinem frühen Kopftor für den wichtigen Schweizer EM-Startsieg.

KEYSTONE

Als sich die vielen in Rot gekleideten Menschen nach diesem emotionalen Spiel auf den Heimweg machen, kommt es einige Meter neben dem Stadion, im etwas improvisiert wirkenden Mediencenter, zu einer herzlichen Begegnung. Gianni De Biasi, Albaniens Trainer, hat gerade seine Analyse zu Ende gesprochen. Sehr ehrliche Worte, De Biasi anerkennt den Schweizer Sieg ohne jeden Groll. Er verlässt seine Bühne. Da läuft ihm Vladimir Petkovic in die Arme.

Die beiden Trainer kennen sich gut, sie sind in Italien so etwas wie Freunde geworden. Sie wechseln einige Sätze, beide tragen ein ansteckendes Lachen im Gesicht. Dann verabschieden sie sich. «Alles Gute auf dem weiteren Weg durch die Euro!», ein Kuss auf jede Backe. Siegerküsse für Petkovic.

Siegerküsse für die Schweiz. Wobei: So richtig überraschend ist das ja nicht, zu Beginn eines Turniers. Zum dritten Mal in Serie gewinnt die Schweiz an einem grossen Turnier ihr Startspiel. WM 2010: 1:0 gegen Spanien. WM 2014: 2:1 gegen Ecuador. EM 2016: 1:0 gegen Albanien. Daraus gerade eine Gesetzesmässigkeit von höherer Bedeutung abzuleiten, wäre etwas vermessen. Aber es gibt eine andere, ziemlich erfreuliche Tendenz: Die Nationalmannschaft hat in den letzten Jahren die wichtigsten Spiele fast ausnahmslos gewonnen. Auch wenn sie nicht gut spielte. Oder Widerstände überwinden musste. Es ist eine vielversprechende Entwicklung. Und vielleicht erzählt sie mehr über dieses aktuelle Team, als man auf den ersten Blick meint.

Schweiz-Albanien, das Spiel
55 Bilder
Fabian Schär lässt sich von den Schweizer Fans jubeln
Lorik Canas Handspiel-Szene, die zur gelb-roten Karte geführt hat.
Gelb-rote Karte gegen Lorik Cana.
Yann Sommer hält die Führung der Schweiz nach einer Grosschance von Gashi
Granit Xhaka versucht das Schweizer Spiel zu koordinieren.
Armando Sadiku überrennt Djourou und kommt zur grössten Chance der Albaner
Fabian Schär jubelt über seinen Führungstreffer nach einem Eckball von Xherdan Shaqiri.
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Kopfball Schär - Tor für die Schweiz! Die Nati geht schon nach 5 Minuten in Führung
TOOOR in der 5.Minute: Fabian Schär trifft per Kopf zum 1:0
Schär mit dem Kopfball zum Tor nach einer Shaqiri-Ecke, Torhüter Berisha greift daneben.
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Das albanische Team
Die Schweizer Startelf gegen Albanien
Die Stimmung im Stadion? Gänsehaut!
Ein albanischer Fan hat sich herausgeputzt.
Innige Umarmung vor dem Start des Spiels zwischen Granit und Taulant Xhaka
Granit Xhaka und Taulant Xhaka umarmen sich beim Einwärmen auf dem Rasen. Für 90 Minuten wollen sie Ihre Bruderliebe vergessen.
Die albanischen Fans im Stadion sorgen für Stimmung.
Der Adler - er ist überall.
Auch die Schweizerinnen sind gut gelaunt.
Schweizer Fans im Stadion

Schweiz-Albanien, das Spiel

Keystone

Es gab Zeiten, da definierte sich die Fussball-Schweiz über ihr «gut gespielt und doch verloren». Diese Zeiten sind längst vorüber. Die Generation der «Titanen» um Alex Frei hat mit Köbi Kuhn als Nationaltrainer nach der Jahrtausendwende wichtige Spiele endlich wieder gewonnen. Meist lagen den Siegen auch gute Leistungen zugrunde. Die Teilnahmen an der EM 2004 und der WM 2006 waren der Lohn.

Auch unter Ottmar Hitzfeld qualifizierte sich die Schweiz für die WM. Doch 2010 in Südafrika endeten die entscheidenden Spiele gegen Chile und Honduras mit Enttäuschungen. In der Qualifikation für die EM 2012 war es nicht anders. Die Pleiten gegen Montenegro und Wales wogen zu stark – das Turnier fand ohne die Schweiz statt. Schon zum Ende dieser Qualifikation folgte nach den Rücktritten von Frei und Streller der Umbruch. Es kam die goldene Generation um Xhaka, Seferovic und Rodriguez.

So denkt die goldene Generation

Die Qualifikation für die WM 2014 ist ihr erster grosser Erfolg. Den grössten Test dazu besteht diese Generation im September 2013. Nach einem 4:4 zu Hause gegen Island droht plötzlich wieder Gefahr. Das souveräne 2:0 in Norwegen beseitigt jeden Zweifel. Doppeltorschütze damals: Fabian Schär.

Prompt gewinnt diese Mannschaft auch an der WM jene Spiele, die sie unter grösstmöglichem Druck bestreiten müssen. Zuerst gegen Ecuador, eine mässige Leistung reicht, um aus dem 0:1 ein 2:1 zu machen. Nach dem Debakel gegen Frankreich siegt sie auch gegen Honduras. Der Achtelfinal gegen Argentinien ist der Lohn.

In ähnlichem Stil geht es auch in der EM-Qualifikation für das Turnier in Frankreich weiter. Nach dem missratenen Start, der wegen des neuen Modus (der Gruppenerste und -zweite dürfen direkt an die EM) aber verschmerzbar ist, gewinnen die Schweizer in der zweiten Qualifikationshälfte sowohl gegen Litauen als auch gegen Slowenien trotz sehr bescheidenen Leistungen. Zweimal drehen sie ein Spiel. Gegen Slowenien reichen die letzten zehn Minuten, um aus dem 0:2 ein 3:2 zu machen.

Und nun also dieses EM-Auftaktspiel der grossen Gefühle gegen Albanien. Nein, es ist noch keine Meisterleistung. Und schlimmstenfalls ist diese Partie ja tatsächlich ein Vorbote von weiteren Enttäuschungen. Aber der Fakt, dass die Schweiz eine solch wichtige Partie am Ende erneut gewinnt, spricht für sich.

Die goldene Generation ist sich klare Worte gewohnt. Sie scheut sich nicht vor grossen Zielen. Der Titel an der U17-WM und die Final-Teilnahme an der U21-EM haben Spuren hinterlassen. Es hat sich ein Gedankengut in den Köpfen eingenistet, wonach auch das Unmögliche eine Option ist. Manchmal wirkt das überheblich. Manchmal unrealistisch. Aber wahrscheinlich führt diese Mentalität eben auch dazu, in schwierigen Momenten ein entscheidendes Spiel doch noch zu gewinnen. Die Schweiz ist bereit für weitere Siegerküsse.

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