Für einen Europameister wird die Messlatte automatisch höher. So empfindet man die letzten zwei Saisons von Hürdenläufer Kariem Hussein im Rückblick tendenziell als enttäuschend. Dabei war längst nicht alles schlecht beim Aushängeschild der Schweizer Leichtathletik. Immerhin kehrte der Goldmedaillengewinner von 2014 in Zürich auch von der letzten EM mit einer Medaille zurück. Er gewann Bronze.

Weil den 28-jährigen Thurgauer daneben aber immer wieder Verletzungen plagten und er deswegen sowohl die WM 2015 wie auch die Olympischen Spiele 2016 in Rio verhaute, wartet man bis heute darauf, dass sich Hussein sportlich aufs nächste Level katapultiert.

Kariem Hussein beim Meeting am letzten Wochenende in Genf.

Kariem Hussein beim Meeting am letzten Wochenende in Genf.

Seine persönliche Bestzeit liegt seit Sommer 2015 bei 48,45. Nach der letztjährigen EM in Amsterdam hat er die 400 m Hürden nie mehr in unter 49 Sekunden zurückgelegt. Am Wochenende in Genf fehlten dazu nur zwei Hundertstel. Der Medizinstudent beeindruckte dabei auf den ersten 300 Metern. «Jetzt müssen nur noch die letzten zwei Hürden stimmen», sagt sein Trainer Flavio Zberg, «bis dorthin war Kariem schneller als bei seiner Bestzeit.»

Im Winter beschwerdefrei

Heute beim Diamond-League-Meeting in Oslo soll im Ziel die 48 aufleuchten, wenn es nach Trainer und Athlet geht. Unter Druck setzen will sich das Duo allerdings nicht. «Kariem befindet sich noch immer am Anfang seines Wettkampfblocks. Er benötigt Rennen, um sein Stehvermögen zu finden», sagt Zberg. «Ich bin meine besten Zeiten immer zum Saisonhöhepunkt gelaufen», ergänzt Hussein. Wohl wissend, dass es für das erklärte Ziel, den WM-Final in London, im Halbfinal höchstwahrscheinlich eine tiefe 48er-Zeit braucht.

Off to Oslo with coach @flaviozberg ✈️😌✌🏼#race #diamondleague #ubsathletics

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«Auf nach Oslo!» Karriem Hussien (r.) zusammen mit seinem Trainer Flavio Zberg.

Die Zuversicht des Thurgauers mit ägyptischem Vater und Schweizer Mutter fusst auf dem Training der letzten Monate. Er kam beschwerdefrei über den Winter und konnte sein Programm ohne Kompromisse durchziehen. Eine längere Schrittweite, ein höherer Rhythmus und zusätzliche Krafteinheiten mit Hügelläufen sollen ihn für die Welttitelkämpfe finaltauglich machen. Er selber spricht von der besten Saisonvorbereitung der Karriere.

Ebenso wichtig aber war, dass Hussein wieder «zur inneren Mitte» gefunden hat, wie er es ausdrückte. Er habe drei Jahre gebraucht, bis er 2014 seinen Weg fand, Spitzensport und Medizinstudium gewinnbringend zu kombinieren. Heute ist diese Doppelbelastung für ihn kein Thema mehr und erst recht keine Belastung. «Wäre ich Profi, mir würde etwas fehlen», sagt er. Die Aussicht, einen coolen Beruf zu lernen, sei positiver Stress. «Wie geil ist das Leben denn, das ich führen kann!»

Den Umgang mit Ruhm gelernt

Nun ist nicht nur die Lehrzeit als angehender Arzt bald vorüber – im August 2018 schliesst Hussein sein Studium ab –, sondern auch jene als öffentliche Person. Nach dem EM-Titel 2014 gehörte der Thurgauer auf einmal zur Schweizer Prominenz. Es stellte sich die Frage: Wie viele Medienanfragen, öffentliche Auftritte oder Sponsorenverpflichtungen mag es neben Training und Studium leiden?

Kariem Hussein konnte bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro nicht überzeugen. Er wurde von Verletzungen geplagt.

Kariem Hussein konnte bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro nicht überzeugen. Er wurde von Verletzungen geplagt.

Die richtige Antwort zu finden, entsprach einem Lernprozess, den er nun als abgeschlossen empfindet. Im letzten Herbst übernahm Stephanie Zberg, die Frau seines Trainers, die Management-Aufgaben von Hussein. «Es war eine Entscheidung hin zu kurzen Wegen», sagt Flavio Zberg.

Ob der sorgenfreie Winter damit zusammenhängt, dass Hussein den Umgang mit dem Ruhm gelernt hat, darüber will der Hürdenläufer nicht spekulieren. Für ihn sei es ganz einfach wichtig, dass er bei allem, was er mache «innerlich bei sich» sei. «Schwierig ist nicht, was ist, sondern wie man damit umgeht.» Diesen Umgang lernen könne man aber nur, wenn man ihn erlebt hat, sagt Zberg. Der Innerschweizer weiss bestens, dass dieses Thema die beiden seit dem EM-Titel beschäftigt hat.

Wie aber sieht der nächste Schritt in der Karriere von Kariem Hussein aus? Trainer und Athlet sind sich einig: «Schneller werden», sagt Zberg, «nicht nur schnell starten, sondern auch schnell enden», ergänzt Hussein. Wie das geht, hat der Schweizer Parade-Leichtathlet gelernt. Und so vieles anderes in seinem aufregenden Leben.