Interview

Dieser Luzerner sprang einst als Tennis-Schiri ein – jetzt greift er als Supervisor bei Grand-Slam-Turnieren durch

Supervisor Andreas Egli (rechts) im Gespräch mit Tennisspieler Kyle Edmund an den Australien Open 2018.

Supervisor Andreas Egli (rechts) im Gespräch mit Tennisspieler Kyle Edmund an den Australien Open 2018.

Andreas Egli (55) reist wie Roger Federer oder Belinda Bencic um die ganze Welt. Doch nicht als Tennisspieler, sondern als Supervisor für den Tennisweltverband ITF. Im Interview spricht der Luzerner über seinen Alltag an den French Open.

Roger Federer, Rafael Nadal oder Novak Djokovic – die Tennis-Weltelite steht stets im Rampenlicht, im Fokus der Medien. Doch was ist mit den Schiedsrichtern, den Supervisors oder den Organisatoren? Auch sie sind für einen Event wie die French Open von grosser Bedeutung. Einer der seit Jahren bei der ITF arbeitet, ist der Luzerner Andreas Egli. Der 55-Jährige aus Weggis arbeitet als Supervisor. Am US Open war er bei der Disqualifikation gegen Djokovic direkt beteiligt. Aktuell ist er in Paris im Einsatz. Von morgens früh bis abends spät ist er auf der Tennisanlage. Fragen beantwortet er per Mail spät in der Nacht oder wenn gerade eine Regenpause den Spielbetrieb stoppt.

Bonsoir à Paris. Sie sind gerade an den French Open. Wobei störe ich Sie?

Andreas Egli: Sie stören nicht, es ist kurz vor Mitternacht und ich bin soeben zurück im Hotel.

Wie sieht Ihr Alltag als ITF-Supervisor aus?

Wir gehen drei Stunden vor Spielbeginn auf die Anlage. Dann haben wir etwas Zeit den Vortag zu besprechen und uns auf den neuen Spieltag vorzubereiten. Wir besprechen Situationen, die am Vortag passiert sind. Hier in Paris bin ich beispielsweise für den Verhaltenskodex, genannt Code Violations, zuständig. Spieler erhalten zuerst eine Verwarnung, dann eine Point-Penalty bis hin zu einer Game-Penalty sofern sie diesen verletzen. Die Schiedsrichter schreiben einen Rapport und anhand dieses Rapports und nach Studium von Videomaterial, entscheiden wir, ob ein Spieler eine Geldstrafe erhält.

Das ist aber noch nicht alles …

Wir teilen uns die Plätze ein. Jeder Supervisor ist für eine gewisse Anzahl Plätze zuständig. Danach erledige ich allerlei Papierkram und hoffentlich bleibt dann noch etwas Zeit für einen Kaffee, bevor es um 11 Uhr losgeht. Sobald die Spiele beginnen, bin ich auf meinen Plätzen für Regelfälle, bei Verletzungsfragen oder aufgrund des schwierigen Wetters auch für den Spiel-Unterbruch respektive Abbruch zuständig. Nach den Spielen unterhalte ich mich oft kurz mit den Schiedsrichtern und je nachdem kann es auch sein, dass ich mit einem Schiedsrichter eine Situation am Video anschaue.

Sie sind seit 14 Jahren Supervisor. Wie sind Sie zu diesem Job gekommen?

Ich war seit 1992 Pro-Schiedsrichter. Zu der Zeit war ich gegen 40 Wochen unterwegs. Das grösste Erlebnis war sicherlich Roland Garros 1992, als ich zum ersten Mal als Schiedsrichter arbeitete. Ich war in diesen Anfangsjahren auch oft in Afrika und Australien unterwegs. 2007 wurde eine Position als Supervisor frei. Da ich auch davor schon ab und zu als Supervisor ausgeholfen habe und ich als Schiedsrichter mit etwas Motivationsproblemen kämpfte, war es der ideale Zeitpunkt aufzuhören und als Supervisor anzufangen.

Wie sind Sie mit dem Tennis in Berührung gekommen?

Weggis hatte in den 1980er Jahren ein internationales Turnier. Ich habe dort als «Junge für alles» gearbeitet und eines Tages erschien der aufgebotene Schiedsrichter nicht fürs Finale... Unter den Zuschauern waren Leute aus Gstaad und vom Verband, die mich nach dem Einsatz in Weggis ermuntert haben vermehrt als Schiedsrichter zu arbeiten. Ich wurde dann fast gezwungen, ohne grosse Vorbereitung, einen Internationalen Kurs in Paris zu besuchen. Die Prüfung habe ich bestanden. Wenn ich daran denke wie das damals ablief, heute ist sowas nicht mehr möglich.

Und wie ging es weiter?

Schiedsrichten wurde zu einem Hobby, dass immer mehr Zeit in Anspruch nahm. Ein Jahr nach Abschluss der Höheren Wirtschafts- und Verwaltungsschule in Horw, wollte ich ein Jahr herumreisen und es an Turnieren auf der ganzen Welt probieren, so eine Art bezahlte Weltreise. Irgendwie bin ich bis heute dabeigeblieben.

Wie funktioniert unter diesen Umständen das Familienleben?

Seit ich meine Frau kenne bin ich im Tenniszirkus unterwegs, man gewöhnt sich daran. Das Gleiche gilt für meinen Sohn, der nichts anderes kennt. Aufgrund der derzeitigen Lage waren wir von Mitte Februar bis Mitte August sechs Monate zusammen, etwas was es vorher in fast 30 Jahren nie gab. Gerade in der Zeit, in der wir derzeit leben, ist die Abwesenheit natürlich nicht einfach. Man macht sich mehr Sorgen als sonst, dass etwas zu Hause nicht in Ordnung ist, dass man vielleicht nicht sofort nach Hause fliegen kann. Anderseits ist es in den letzten Jahren durch Skype etc. auch einfacher geworden mit der Familie in Kontakt zu bleiben.

An wie vielen Turnieren pro Jahr sind Sie im Einsatz?

In einem normalen Jahr arbeite ich an allen vier Grand Slams, inkl. Qualifikation sind das ungefähr 12 Wochen. Dann kommen rund 6 Wochen Davis Cup und Fed Cup dazu, das eine oder andere Turnier wie Hopman Cup oder die Olympischen Spiele. Weiter leite ich Ausbildungen für internationale Schiedsrichter für die ITF und bin ab und zu auch zum Testen von neuen Technologien wie Hawk Eye unterwegs.

Supervisor Egli im Gespräch mit Alexander Zverev beim US Open 2020.

Supervisor Egli im Gespräch mit Alexander Zverev beim US Open 2020.

Wie beurteilen Sie die Akzeptanz des Schiedsrichterwesens im Tennis?

Heutzutage werden die Schiedsrichter von den allermeisten Spielern sehr gut akzeptiert. Das ist sicherlich auch so, weil alles viel professioneller geworden ist. Man sieht sich wenn nicht jede Woche, so doch sehr oft im Jahr. Ich werde oft darauf angesprochen, dass es keine Konflikte mehr gibt wie zu Zeiten von McEnroe, Nastase, Connors. Meine Antwort ist jeweils, dass es einfach sei, jemanden zu beleidigen, den man nicht kennt und von dem man weiss, dass man ihn nie mehr wiedersieht. Aber es ist etwas anderes, wenn man weiss, dass dieser Schiedsrichter auch an den nächsten Turnieren wieder da ist.

Wie ist der Kontakt zu den Spielern?

Generell gut, ich bin ja schon so lange dabei und kenne viele Spieler seit Jahren, einige sogar noch aus der Zeit als sie Teenager waren. Als ich aufgehört habe zu schiedsrichten, gab es einige Spieler, die mir gesagt haben, dass sie es Schade finden, was mich natürlich gefreut hat. Vor allem zu ehemaligen Spielern, die heute als Coaches arbeiten, habe ich sehr gute Beziehungen.

An den US Open haben Sie Novak Djokovic disqualifiziert. Wie schwer ist Ihnen diese Entscheidung gefallen?

Dazu möchte ich lieber nichts mehr sagen, es wurde ja schon genug darüber geschrieben.

Novak Djokovic (rechts) bei der Disqualifikation an den US Open. Andreas Egli (links) ist als Supervisor in die Entscheidung gegen den serbischen Tennisspieler direkt involviert.

Novak Djokovic (rechts) bei der Disqualifikation an den US Open. Andreas Egli (links) ist als Supervisor in die Entscheidung gegen den serbischen Tennisspieler direkt involviert.

Was ist Ihnen bei der Entscheidung durch den Kopf gegangen?

Grundsätzlich ist es bei jeder möglichen Disqualifikation gleich. In den allermeisten Fällen sind wir Supervisors ja nicht am Platz wenn so etwas passiert. Es ist dann sehr wichtig die Fakten zu sammeln und da kommt es sehr darauf an, wie gut man dem Schiedsrichter und allenfalls den Linienrichtern vertrauen kann. Wenn man etwas selbst nicht sieht, ist es natürlich so, dass ein Entscheid schwieriger wird und man sich nicht 100% sicher ist. Da denkt man dann schon an die Konsequenzen, vor allem, weil im Tennis bei so einem Entscheid das Resultat viel gravierender ist als zum Beispiel eine rote Karte im Fussball. Das Spiel ist zu Ende, der Spieler verliert die Punkte und das Preisgeld.

Was fasziniert Sie am Job als ITF-Supervisor?

Sport allgemein und Tennis im Speziellen hat mich immer fasziniert. Man könnte eigentlich sagen, dass ich sehr privilegiert bin, da ich in meiner Arbeit ein «bezahlter Zuschauer» bin. Die Herausforderungen sind jeden Tag neu, da wir mit Menschen arbeiten die zum Teil grossem Stress ausgesetzt sind. Da sind viel Emotionen im Spiel und solche Momente zu meistern sind sicher nicht immer leicht.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Kurzfristig, dass wir Roland Garros trotz den Umständen gut über die Runden bringen. Längerfristig, dass wir alle bald wieder so normal wie möglich leben dürfen.

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