Skirennen

Dreimal hat Franz Klammer die Lauberhornabfahrt gewonnen: Er ist schockiert über den erbitterten Streit, der jetzt entbrannt ist

Legendär: Der Österreicher Franz Klammer im Jahr 1980 auf der Abfahrtsstrecke am Lauberhorn.

Legendär: Der Österreicher Franz Klammer im Jahr 1980 auf der Abfahrtsstrecke am Lauberhorn.

Über die Lauberhornrennen wird derzeit heftig gestritten. Der Schweizer Verbandspräsident Urs Lehmann drohte sogar, das Rennen aus dem Kalender zu streichen. Jetzt schaltet sich eine prominente Stimme aus Österreich in die Diskussion ein.

In Kärnten verfolgt Abfahrtslegende Franz Klammer die Debatte um das Schweizer Abfahrtsrennen mit Staunen. Der 66-jährige Österreicher gewann die Lauberhornabfahrt in den 70er-Jahren dreimal – einmal siegte er in der Kombination. Mit 25 Weltcup-Abfahrtstriumphen ist er der erfolgreichste Speedfahrer der Geschichte. Zwei WM-Titel und der Olympiasieg 1976 in Innsbruck, nach einem epischen Duell mit Bernhard Russi, krönten seine Laufbahn. Wengen bezeichnet Klammer als Herzensangelegenheit. Doch über den Schweizer Starrsinn schüttelt er den Kopf. Ein grenzüberschreitendes Gespräch über Tradition, Machtgehabe und einen Mythos.

Franz Klammer, die Schweizer Sportwelt ist in Aufruhr, weil Swiss-Ski die Lauberhornrennen aus dem Kalender streichen wollte. Was bekommen Sie ennet dem Arlberg davon mit?

Auch Österreich ist in Aufruhr. Ehrlich gesagt schockiert mich diese Debatte. Das Lauberhorn ist neben dem Hahnenkamm in Kitzbühel das Skirennen schlechthin. Die Abfahrt verkörpert unseren Sport wie kaum ein anderer Anlass. Erhält man die Gelegenheit, diese Strecke zu befahren, erlebt man zweieinhalb Minuten puren Spass. Und auch der Slalom gehört zu den grossen Klassikern.

Es geht vor allem um Geld, um Macht, Eitelkeit. Wie werten Sie den Zwist?

Das darf nicht sein. Würden die Lauberhornrennen nicht mehr stattfinden, wäre das tragisch für den Skisport. Allein, dass darüber diskutiert wird, ist unverständlich und beschädigt die Glaubwürdigkeit des Sports. Dieser Termin gehört in den Kalender – ohne Wenn und Aber. Und egal, wie gross die Differenzen sind: Man muss einen Kompromiss finden, um die Zukunft dieser Rennen zu sichern.

Aber Swiss-Ski-Präsident Urs Lehmann liess das Rennen kurzerhand aus dem FIS-Kalender streichen. Was halten Sie davon?

Es erstaunt mich, dass die Verhandlungen so aggressiv geführt wurden und der Streit sogar vor den Sportgerichtshof getragen wurde. Ich hielt Lehmann immer für einen Mann des Sports  – und nicht für einen Politiker. Er war selber ein erfolgreicher Rennfahrer und kennt die Bedeutung der Lauberhornrennen ganz genau. Dass er und der Verband nun einen Schritt zurückgemacht und die Türen für eine Einigung geöffnet haben, lässt erahnen, wie gross der öffentliche Druck geworden ist.

Bei den Lauberhornrennen geht es um ein quasi urhelvetisches Kulturgut. So ist es kein Zufall, dass sich die Politik – um alt Bundesrat Dölf Ogi – eingeschaltet hat…

Dass Ogi die Initiative ergriffen hat, beruhigt mich. Er stammt aus der Region und kennt die Tragweite einer Streichung ganz genau. Er weiss aus Erfahrung, was die Lauberhornrennen für Wengen, für die Schweiz – ja für den globalen Skisport bedeuten. Hier geht es nicht nur um ein einzelnes Rennen. Es geht um den Skisport als Ganzes.

Könnte man sich in Österreich vorstellen, die Hahnenkammabfahrt in Frage zu stellen?

Nein, auf keinen Fall. Die Ausstrahlung dieses Anlasses geht weit über den Sport hinaus: touristisch, gesellschaftlich, wirtschaftlich. Das Gleiche gilt für das Lauberhorn. Die Fernsehbilder dieser Ereignisse gehen um die Welt und besitzen einen immensen Werbeeffekt. Es käme auch niemandem in den Sinn, das Formel-1-Rennen von Monte Carlo, das Skifest vom Holmenkollen oder das Tennisturnier von Wimbledon aus dem Kalender zu nehmen. Der Sport lebt von solchen legendären Anlässen und Orten – und dazu gehören Kitzbühel und Wengen definitiv.

Sie gewannen die Abfahrt in Wengen dreimal (1975 bis 1977). Welche persönlichen Gefühle verbinden Sie mit diesem Ort?

Wengen ist ein Mythos – und für mich persönlich eine Herzensangelegenheit. Allein die Anreise aus Lauterbrunnen mit der Bahn ist ein Erlebnis – sozusagen wie die Fahrt in eine andere Welt. In Wengen ist vieles noch wie früher; und das ist gut so. Leider kann ich aufgrund meiner persönlichen Agenda nicht jedes Jahr dabei sein. Vor zwei Jahren war ich das letzte Mal dort, als Bernhard Russi seinen Dokumentarfilm vorstellte. Jeder Skisportfan und die Fahrer sowieso sind von diesem Anlass fasziniert. Steht man auf der Lauberhornschulter am Start, erlebt man als Sportler wahre Glücksgefühle. Eiger, Mönch und Jungfrau machen einen demütig und respektvoll. Ein Skirennen in einer solch grandiosen Umgebung spiegelt die Magie unseres Sports.

Aber es gibt gerade für Ihre Landsleute auch weniger schöne Erinnerungen. Welche Beziehung haben Sie zum Österreicherloch – jener Stelle, wo 1954 die österreichischen Hoffnungen reihenweise versenkt wurden?

Mich störte das Österreicherloch nie wirklich. Von einem Loch kann man eigentlich gar nicht sprechen. Vergessen Sie nicht, dass ich meinen ersten Sieg mit dreieinhalb Sekunden Vorsprung herausgefahren habe. Aber die Streckenpassagen in Wengen wie der Hundschopf, die Minschkante, der Canadian-Corner oder der Haneggschuss sind ikonische Passagen des Skisports.

Grundsätzlich haben die Schweizer Grund zur Freude  – zum ersten Mal seit 30 Jahren ging die Nationenwertung nicht an Österreich. Wie gross sind die Schmerzen?

Gross, sehr gross. Denn die Schweizer waren und sind immer unsere Lieblingsgegner. Im vergangenen Winter waren sie besser. Das müssen wir neidlos anerkennen. Aber wir arbeiten daran, um die alte Rangordnung wiederherzustellen.

Zurück ans Lauberhorn. Mit 4480 Metern ist Wengen die längste Strecke im Weltcup  – ist dies noch zeitgemäss?

Unbedingt. Gerade die Länge macht Wengen so speziell. Es ist kein Zufall, dass die Entscheidung in der Regel erst in den letzten Passagen fällt. Wer in physischer Topverfassung ist, kann den Gegnern im letzten Rennviertel nochmals viel Zeit abnehmen. Dass in Zermatt eine noch längere Abfahrt geplant ist, kann für den Skisport durchaus ein Impuls sein. Die Lauberhornrennen aber sind durch nichts zu ersetzen.

Können Sie den Schweizern einen Tipp geben, dass man sich am Donnerstag einigt – und die Lauberhornrennen auch 2022 nicht in China stattfinden…

Die Lauberhornrennen müssen weiterbestehen. Sonst würde der Skisport eine seiner grössten Attraktionen verlieren. In diesem Bewusstsein müssen die Verantwortlichen ihre Positionen nochmals überdenken und alles daran setzen, einen Konsens zu finden. Gefordert ist die viel beschworene schweizerische Kompromissbereitschaft.

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