Knapp zehn Stunden sind seit dem grossen Triumph vergangen. Es ist 22 Uhr im «House of Switzerland» in Rio. Bereits zum dritten Mal an diesem Tag stellen sich die Goldruderer Lucas Tramèr, Simon Schürch,Simon Niepmann und Mario Gyr im Rahmen einer Medienkonferenz den Chronistinnen und Chronisten. Alles scheint gefragt und gesagt.

Oder doch nicht? Es wird der weitaus interessanteste offizielle Auftritt des goldenen Quartettes.

Beim Medientermin in der Woche vor der grössten sportlichen Herausforderung ihrer Karriere hatte die Anspannung eine uniformierende Wirkung gehabt. Die vier schienen sehr ähnlich zu sein. Aber nun ist das grosse Ziel erreicht. Die Anspannung ist gewichen, die Erschöpfung nach dem Wettkampf überwunden, die Normalität zurückgekehrt. Diese Extremsportler, diese«Hochleistungsmaschinen Mensch», die den Ruhepuls von 30 Schlägen bei Vollgas bis auf über 190 Schläge pro Minute hochfahren, laufen wieder im Normalbetrieb. Sozusagen auf Standgas.

Und nun offenbart sich etwas, das vorher nicht zu erkennen war. Dass Mario Gyr der Leitwolf ist. Nicht nur auf dem Wasser als Schlagmann. Er ist es mit seiner Ausstrahlung auch an Land. Dieser Mann hat Charisma. Wenn er spricht, zieht er alle in seinen Bann. Mit seiner Präsenz, seiner Leidenschaft, seiner positiven Ausstrahlung und seiner Energie füllt er den kleinen Medienraum im «House of Switzerland». Ein bisschen wie Ralph Krueger, aber viel authentischer.

Ein ungewöhnlicher Athlet

Selbst wer nicht wüsste, wer hier sitzt, nichts von Sport verstünde, würde sofort spüren, dass hier ein ungewöhnlicher Athlet sitzt. Mario Gyr sagt, Leidenschaft sei alles. «Alles, was man mit Leidenschaft macht, kann Weltklasse werden.» Und darum ist es für ihn einfach, eine Antwort auf die oft gestellte Frage zu finden, ob es weitergehen wird. Mit diesem Team – oder in einer anderen Besetzung. «Wenn ich im Januar immer noch Spass daran habe, morgens um 6.30 Uhr, wenn es schneit und stürmt, zu rudern, bevor ich in die Anwaltskanzlei gehe, dann mache ich weiter.»

Bald folgt die Rückkehr in den Alltag. Die Anwaltsprüfungen stehen an. Der Luzerner hat sich auf Wirtschaftsfragen spezialisiert und interessiert sich für Sportrecht. Er könnte durchaus eine Karriere wie die ehemalige Slalomspezialistin Corinne Schmidhauser oder der Ruderer Stefan Netzle machen, die es als ehemalige Spitzensportler bis nach Lausanne ans internationale Sportgericht (CAS) geschafft haben. Aber eigentlich müsste einer mit seinem Charisma Strafverteidiger werden. Gyr ist einer für die grossen, spektakulären Fälle. Er würde auch den Gerichtssaal mit seiner Präsenz füllen. Gut möglich, dass er in Fällen wie jenen von O.J. Simpson oder Oscar Pistorius eine gute Figur gemacht hätte.

Nun bleibt noch die Frage: Wie wirken seine drei Mitstreiter auf den Chronisten? Nun, Simon Schürch könnte der unbeschwerte Junge mit den guten Sprüchen sein, dem keiner böse sein kann. Simon Niepmann mahnt an einen zurückhaltendenIntellektuellen, mehr Techniker und Taktiker als «Powerman». Und Lucas Tramèr scheint die Rolle des Vermittlers, des ausgleichende Elementes in dieser goldenen Gruppe zu spielen.