Analyse

Eine gefährliche Komfortzone im Schweizer Männerskiteam

Die Schweizer standen in der laufenden Saison kein einziges Mal auf dem Treppchen. Auch Marc Gisin nicht.

Die Schweizer standen in der laufenden Saison kein einziges Mal auf dem Treppchen. Auch Marc Gisin nicht.

Die Männer im alpinen Skisport liefern diese Saison nur mässige Resultate. Unser Autor analysiert, warum genau der Schuh drückt und wo Swiss-Ski dringend ansetzen sollte - will man die Saison 2015/16 nicht mit einem neuen Negativrekord abschliessen.

Den Druck vom Männerteam nimmt eine Frau. Dank den Erfolgen von Lara Gut in diesem Winter gehen die mässigen Resultate der Schweizer Männer fast vergessen. Zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung. Intern ist das anders. Noch kein Podestplatz und nur Rang sieben in der Nationenwertung. Die Nervosität wird grösser. Weil zwei Negativ-Rekorde verhindert werden müssen: Einen Winter ohne Schweizer Podestplatz gab es noch nie. Und der historische Absturz auf Rang acht der Nationenwertung in der Saison 2012/13 soll sich nicht wiederholen.

Doch warum ist es so weit gekommen? Es gibt verschiedene Gründe. Einer ist gegenwärtig, andere liegen in der Vergangenheit. Der akute, weil nachweisbare Fakt ist das Verletzungspech im Männerteam. Patrick Küng hat die Saison vorzeitig beendet, Beat Feuz kämpft sich erst langsam zurück und Carlo Janka ist aufgrund von Rückenproblemen nicht in Topform. Solche Rückschläge steckt keine Nation weg. Dass Podestplätze fehlen, ist erklärbar. Weit mehr Sorgen bereitet, dass sich mit Ausnahme des Slaloms schon seit längerer Zeit keine jungen Schweizer mehr im Weltcup etablieren konnten.

Das «Nachwuchsproblem» im Weltcup ist vielseitig. Zumal die Schweizer auf Juniorenstufe überzeugen. An Juniorenweltmeisterschaften gewinnen die Athleten regelmässig Medaillen. Talente wären da. Doch der Übertritt in den Weltcup – zu den Profis – klappt nicht. Das hat verschiedene Ursachen. Aus Insiderkreisen ist zu vernehmen, dass bei einigen Nachwuchsathleten der letzte Biss fehle. Dass sich die jungen Schweizer zu fest in der Komfortzone bewegen. Erfolge im Weltcup werden als Selbstverständlichkeit gesehen. Die Realität ist aber eine andere. Wenn die Athleten das lernen, ist es oft zu spät.

Ein Weg, eine neue Leistungskultur zu installieren, wäre gemäss Experten, die besten Talente noch gezielter und gesonderter zu fördern. In der Schweiz gibt es 12 Regionalverbände und insgesamt 27 regionale Leistungszentren. Das führt zwangsweise zu regionalen Eigeninteressen, ist aber auch Sinnbild des Schweizer Grundgedankens, die Breite zu fördern. Beide Punkte stehen einem «Supertalente-Modell» im Weg. Zumindest einem, das früher startet. Also vielleicht schon im Kindesalter.

Für Athleten, die den Schritt vom Nachwuchs zu den Profis machen sollen, gibt es eine Lösung. Seit 2010 werden die grössten Talente des Landes in drei nationalen Leistungszentren vereint. Nur funktioniert der Übertritt von den regionalen in die nationalen Zentren nicht immer reibungslos. Das Stichwort lautet Gärtchendenken. Dabei sollte es eigentlich keine Rolle spielen, einen Bündner oder Walliser Skifahrer zu fördern, sondern einfach Schweizer. Doch die Realität ist oft eine andere.

Das zeigt sich auch an anderen Orten. Während zum Beispiel in Norwegen nur der Leistungsausweis eines Trainers zählt, egal ob er aus Österreich, Italien oder der Schweiz kommt, spielen in der Schweiz Neid und Eigeninteressen mit. So ist es schon schwierig, einzelne Täler zur Zusammenarbeit zu bewegen. Das zeigt, wie früh das Problem beginnt. Und dieses Denken zieht sich bei einigen weiter bis in den Profibereich. Regionaler Stolz ist in den Swiss-Ski-Strukturen noch immer tief verwurzelt.

Noch schwieriger ist die Situation mit ausländischen Trainern. Es gibt Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit, wo die Arbeit von Österreichern für Swiss Ski von Schweizer Trainern des Männerteams gezielt gestört wurde. Diese Streitkultur war den Leistungen der Athleten nicht förderlich. Junge Athleten wurden verunsichert und blieben in der Entwicklung stehen.

Wie wichtig eine funktionierende Einheit ist, zeigt sich bei den Schweizer Frauen. Cheftrainer Hans Flatscher, ironischerweise ein Österreicher, hat es geschafft, nicht nur Lara Gut besser ins Team zu integrieren, sondern auch einen einheitlichen Leistungsgedanken ins Team zu implementieren. Ähnliches will Tom Stauffer bei den Schweizer Männern erreichen. Der Cheftrainer hat bereits Unruhestifter entfernt. Damit verbessert er die Voraussetzung. Zumindest mittelfristig. Längerfristig muss das auch auf Juniorenstufe passieren.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1