Einzige Wachsfrau im Weltcup
Allein unter Männern: Langlauf-Exotin Vale Vuerich will keine Prinzessin sein

Der Wachstruck ist die letzte grosse Männerbastion im Nordischen Skisport. Doch die Italienerin Vale Vuerich zeigt, dass auch eine Frau im Skiservice Weltklasse sein kann. Tut sie es bald für die Schweiz?

Rainer Sommerhalder
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Vale Vuerich aus dem Südtirol arbeitet als Servicefrau in der letzten grossen Männderbastion des Nordischen Skisports.

Vale Vuerich aus dem Südtirol arbeitet als Servicefrau in der letzten grossen Männderbastion des Nordischen Skisports.

Rainer Sommerhalder

«Mach das nicht, du wirst gefressen», sagte Vater Stefan Vuerich seiner Tochter Valentina vor neun Jahren. Sie hatte sich als 24-Jährige entschieden, ihre Langlauf-Karriere zu beenden und stattdessen künftig die Ski von anderen Athletinnen und Athleten zu präparieren. Und eiferte damit niemand anderem als ihrem eigenen Vater nach.

Der Mann aus dem Val di Fiemme war als Servicemann eine Legende, wachste die Ski von Stars wie Maurilio De Zolt, Marco Albarello oder Christian Zorzi und begleitete das italienische Team an acht Olympische Spiele und 15 Weltmeisterschaften. Und nun wollte ausgerechnet das eigene Kind die letzte wirkliche Männerdomäne im nordischen Skisport im Sturm erobern.

Während der Vater strikt dagegen war, erwies sich ein anderer Mann als grosser Förderer der zierlichen Frau mit dem starken Charakter und dem noch grösseren Willen. Ivan Hudac, der heutige Trainer des Schweizer Frauenteams, erkannte ihr Potenzial. «Langlauf ist ihr Leben. Sie gibt alles dafür. Und sie war als Servicefrau von Anfang an sehr gut», sagt der Slowake.

Sie präparierte die Ski von grossen Langlauf-Stars

Hudac sah die Vorteile, wenn die Ski von Athletinnen auch von einer Frau getestet werden, die einen ähnlichen Stil und ein vergleichbares Gewicht mitbrachte. Weil das Stresslevel und der physische Verschleiss in diesem Job jedoch enorm sind, ist Vuerich bis heute die einzige Frau im Weltcupzirkus geblieben.

Valentina, die alle nur Vale nennen, arbeitete in diesen 12 Jahren zwar ausschliesslich in kleinen Teams, aber mit einigen der erfolgreichsten Langläuferinnen der Welt zusammen: Der 24-fachen slowenischen Weltcupsiegerin Petra Majdic, der polnischen Doppel-Olympiasiegerin Justyna Kowalczyk, dem österreichischen Ausnahmetalente Teresa Stadlober sowie aktuell der Slowenin Anamarija Lampic, die an der WM im vergangenen Februar zwei Bronzemedaillen im Sprint gewann.

Welchen Anteil Vale Vuerich daran hatte, erzählt sie selbst: «Wegen des warmen Wetters waren die Schneeverhältnisse extrem. Ich sah im Halbfinal, dass Anmarijas Ski schlecht laufen. Deshalb stellte ich ihr für den Final ein Paar hin, welches sie noch überhaupt nie an den Füssen hatte. Aber ich wusste, dass sie passen. Lampic sah mich mit grossen Augen an und frage, ob ich mir wirklich sicher sei.» Sie war es.

20 Tatoos mit 20 Geschichten

Die ausgebildete Physiotherapeutin Vale Vuerich bezeichnet ihre Tätigkeit als Traumjob. Selbst wenn sie in einer eigenen Praxis in ihrer Heimat Predazzo «das Zehnfache verdienen könnte, was ich jetzt für meine Arbeit in Slowenien erhalte». Und obwohl sie sich in ihrem Metier fast täglich gegen die Männer beweisen muss. «Ich will keine Prinzessin sein. Ich will nicht anders behandelt werden als die Männer», sagt die Frau mit 20 Tatoos auf ihrem Körper. «Alle haben eine Geschichte und nicht jede davon ist schön.»

Vale Vuerich hat an sich den Anspruch, die Beste zu sein. Dafür investiert sie schon im Sommer unzählige Stunden. In der Skifabrik lässt sie sich die neuen Ski zeigen. Sie wolle diese besser verstehen als jeder andere.

Während der Saison steht sie täglich um 4 Uhr auf, «und mein erster Gedanke nach dem Erwachen dreht sich um die Ski». Die passionierte Strassenradfahrerin absolviert täglich in der Loipe bis zu 50 Kilometer auf verschiedenen Modellen. Ihr Testrekord vor einem Rennen liegt bei 58 Paar Ski. All ihre Erkenntnisse zu Wetter, Schnee und Ski an allen Wettkampforten schreibt sie akribisch in ihre kleinen schwarzen Notizbücher. Valentina nennt diese Bücher «meine Bibel».

Den Schweizer Nationaltrainer ruf sie «Papi»

Mit Ivan Hudac blieb die heute 33-Jährige in all den Jahren freundschaftlich verbunden. Sie ruft ihn «Papi» und bezeichnet ihn als Vorbild. Er sei zu Beginn sehr streng mit ihr gewesen, «aber er hat mein Leben verändert». Vale telefoniert noch heute mit ihm, wenn sie sich nicht sicher ist. «Er ist der beste Coach der Welt und wird mit Nadine Fähndrich grosse Erfolge feiern», ist die Frau aus dem Trentino überzeugt.

«Sie arbeitet so eisern wie kaum jemand anderer. Und sie kann sehr hart zu anderen, aber auch zu sich selber sein», urteilt Hudac. Und was meint ihr Vater Stefano heute zu ihrer Arbeit? «Er würde es mir nie sagen, aber ich weiss, dass er stolz auf mich ist», sagt Vale Vuerich.

Nach den Olympischen Spielen will Vuerich als Servicefrau weiterziehen. Sie möchte unbedingt einmal in einem der imposanten Servicetrucks arbeiten. Und sie liefert gleich eine Jobempfehlung in eigener Sache. «Im Val di Fiemme, wo bei den Olympischen Spielen 2026 die Langlauf-Bewerbe stattfinden, kenne ich quasi jedes Schneekristall.» Dannzumal dürfte Nadine Fähndrich auf dem Höhepunkt ihrer Karriere sein. Wieso also nicht in weiser Voraussicht Vale Vuerich als ihre Servicefrau verpflichten. «Das ist eine gute Überlegung», sagt Ivan Hudac. Und bei Swiss Ski heisst es, die Frau sei «interessant».

Falls es mit der Schweiz nicht klappen sollte, gibt es ja immer noch die skandinavischen Länder. «Für Norwegens Langlaufteam zu arbeiten, wäre wie für einen Fussballer der Wechsel zu Real Madrid», sagt jene Frau, die nicht nur früher im Junioren-Fussballteam von Predazzo alle Hindernisse umdribbelt hat.

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