Eishockey
Fischers heimliche Revolution: Weshalb sich verdiente Spieler nicht mehr sicher sein können

Mit dem Deutschland Cup beginnt für das Hockey-Nationalteam das olympische Abenteuer. Der Trainer verfügt dabei über ein grosses Reservoir an guten Spielern.

Klaus Zaugg
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An der diesjährigen Eishockey-WM war für die Schweiz im Viertelfinal Schluss.

An der diesjährigen Eishockey-WM war für die Schweiz im Viertelfinal Schluss.

Bild: Salvatore Di Nolfi/Keystone

Es ist nur eine beiläufig gemachte Aussage von Nationaltrainer Patrick Fischer im Rahmen einer Medienkonferenz im Zuger Sporttempel OYM am letzten Dienstag vor der Abreise zum Deutschland Cup in Krefeld. Sie bleibt fast unbemerkt. «Wir nehmen keine Spieler mit nach Peking, die nicht in Form sind.» Doch in diesem Satz versteckt sich so etwas wie eine Revolution. Seit der permanenten Präsenz der Schweiz in der höchsten WM-Klasse (1998) und im olympischen Turnier (2002) zählten Verdienste aus der Vergangenheit mehr als die Tagesform. Die Nationaltrainer  – Ralph Krueger, Sean Simpson, Glen Hanlon und anfänglich auch Fischer – hatten nicht die Qual der Wahl. Die Anzahl international konkurrenzfähiger Spieler war so gering, dass einer, der sich bei einem Titelkampf bewährte, einen Bonus fürs nächste Turnier hatte. Etwas zugespitzt formuliert: einmal im WM- oder Olympia-Team, immer dabei.

Aufgebot kommt spät – um Optionen offenzuhalten

Nun ist es zum ersten Mal anders. Fischer sagt: «Wir hatten noch nie eine so grosse Auswahl an Spielern.» Für den Deutschland Cup und das Turnier im Dezember in Visp bietet er insgesamt 48 Spieler auf. Jeder habe eine Chance auf einen der 25 Plätze im Team für Peking. Die einen eine grössere, die anderen eine kleinere. «Natürlich haben wir das Teamgerüst im Kopf. Aber wir bieten die Spieler so spät wie möglich auf, um uns alle Optionen offenzuhalten.» Erst am Dienstag, 18. Januar 2022, folgt die definitive Vergabe der Olympia-Tickets.

In der Praxis sieht das so aus: Fischer sitzt zusammen mit Sportdirektor Lars Weibel, den Assistenten Marco Bayer und Christian Wohlwend im Verbandshauptsitz in Glattburg im grossen Sitzungszimmer. Per Video ist der in New Jersey lebende Assistent Peter Albelin zugeschaltet. Er hat die «Nordamerikaner» im Auge. Auf einem Board stehen alle in Frage kommenden Namen. Es werden mehr als 50 sein: die Namen der 48, die bei den zwei Vorbereitungsturnieren getestet worden sind, plus die der in der NHL und in den Farmteams engagierten Profis und – wer weiss – vielleicht noch ein paar Namen, die sich mit herausragenden Leistungen in der Meisterschaft in die Schlagzeilen gespielt haben.

2018 waren Spieler dabei, die nicht in Form waren

Nur wer an diesem Stichtag in Form ist, wird für Peking aufgeboten, wo am 9. Februar die erste Partie gegen Russland gespielt wird. Fischer hat aus der Geschichte gelernt: «Beim letzten olympischen Turnier 2018 haben wir den Fehler gemacht, auch Spieler mitzunehmen, die nicht in Form waren.» Im Viertelfinal war gegen Deutschland Lichterlöschen. Nun ist die Auswahl so gross wie nie.

Das bedeutet zumindest theoretisch, dass Fischer mit der besten Mannschaft der Neuzeit zum olympischen Turnier reisen wird. Eine Mannschaft, die fähig ist, die Viertelfinal-Hürde zu überspringen und die beste Klassierung seit 1952 (5. Platz) zu erreichen. Als Spieler hat Fischer bei WM- und Olympiaturnieren keinen Viertelfinal gewonnen. Als Trainer hat er an der nationalen Bande hingegen bereits zweimal den WM-Final erreicht: 2013 als Assistent von Simpson, 2018 als Cheftrainer. Fischer:

«Wir können mit dem Erreichen des Viertelfinals nicht mehr zufrieden sein.»

Fischer personifiziert mit dieser Aussage das neue Selbstvertrauen unserer Hockey-Kultur. Grosse Taten beginnen erst einmal mit grossem Denken. Dieses grosse Denken erkennen wir in der simplen Aussage, dass nur noch Spieler ein Olympia-Ticket bekommen, die in Form sind. So einfach ist manchmal der Anfang eines grossen Abenteuers.

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