Kommentar
Penaltyfluch: Die Schweiz ist das neue England

Fehlt uns der Killerinstinkt? Oder kann man es sogar mit der Genetik erklären, warum die Schweizer Eishockey- und Fussball-Nationalteams im Penaltyschiessen immer wieder versagen?

François Schmid-Bechtel
François Schmid-Bechtel
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Ein Ärgernis: Marco Streller scheitert im WM-Achtelfinal von 2006 mit einem nonchalant getretenen Penalty am ukrainischen Torhüter Schowkowskyi.

Ein Ärgernis: Marco Streller scheitert im WM-Achtelfinal von 2006 mit einem nonchalant getretenen Penalty am ukrainischen Torhüter Schowkowskyi.

Keystone

Penaltyschiessen ist, wenn die Schweiz verliert. Diese Woche das letzte Beispiel: Die Eishockey-Nati scheitert im WM-Viertelfinal an den Deutschen. Aber den eigentlichen Fluch begründet die Fussball-Nati. 2006 im WM-Achtelfinal gegen die Ukraine – versagt. 2016 im EM-Achtelfinal gegen Polen – verloren. 2019 beim Final-Four-Turnier gegen England – vergeigt. Die Versager sind schnell gefunden. Schwieriger ist die Suche nach Erklärungen. Dabei landen wir bald einmal weit ausserhalb der Stadien – bei uns selbst. Wir fragen uns: Was sagt das Penalty-Versagen über unsere Gesellschaft aus?

Engländer können keine Penaltys schiessen. Und die Schweizer auch nicht. Kann doch kein Zufall sein! Da muss etwas tief in uns drin falsch gekoppelt sein. Wahrscheinlich haben wir Schweizer einen Penalty-Gendefekt. Tatsächlich? 2006 haben Marco Streller, Ricardo Cabanas und Tranquillo Barnetta versagt. Einzig Streller ist genetisch ein Schweizer durch und durch. 2016 hat Granit Xhaka verschossen und 2019 Josip Drmic. Beide nicht gebürtige Schweizer.

Die Gene sind das eine, die Sozialisierung das andere. Häufig sind schon die Secondos bünzliger als Herr Meier vom Nachbarhaus mit dem akkurat geschnittenen Rasen. Also wie kommts? Fehlt uns der Killerinstinkt? Schliesslich werfen wir uns vor, zu wenig entscheidungsfreudig und zu kompromissbereit zu sein. Eigenschaften, die schlechte Voraussetzungen sind für ein erfolgreiches Penaltyschiessen. Da ist Entschlossenheit gefragt. Keine Chance dem Zweifel. Ecke aussuchen, Ecke anvisieren, Ecke treffen – Tor. So einfach. Zumindest im Fussball.

Wäre da nicht der Druck. Penaltys im Fussball sind keine Frage des Könnens. Niemand kommt auf die Idee, Roberto Baggios technische Fähigkeiten in Zweifel zu ziehen. Aber sein Penalty im WM-Final 1994 kreist wohl noch heute irgendwo im Orbit. Einem, dem man den Killerinstinkt definitiv nicht absprechen kann, ist Uli Hoeness. Ausserdem, Deutscher. Und Fussball ist, wenn am Schluss die Deutschen gewinnen. Erst recht im Penaltyschiessen. Tatsächlich? Ausgerechnet Hoeness, dieser unerschrockene Bulldozer verschiesst 1976 im EM-Final gegen die Tschechoslowakei den entscheidenden Penalty.

Penaltyschiessen ist, wenn die Schweizer Spieler danach mit hängenden Köpfen herumstehen wie hier die Eishockeyaner nach dem WM-Viertelfinals-Aus gegen Deutschland.

Penaltyschiessen ist, wenn die Schweizer Spieler danach mit hängenden Köpfen herumstehen wie hier die Eishockeyaner nach dem WM-Viertelfinals-Aus gegen Deutschland.

Claudio Thoma /
Freshfocus

Fussball und Eishockey, das gehört schon mal getrennt. Im Fussball kann der Schütze nur verlieren, weil statistisch mehr Penaltys reingehen als nicht. Im Eishockey ist es umgekehrt. Dort liegt die Macht beim Torhüter. Nehmen wir die Versuche der Schweizer bei der WM gegen Deutschland. Einzig Timo Meier reüssiert. Aber man kann den Schweizer Fehlschützen nicht vorwerfen, sie hätten etwas falsch gemacht. Ganz anders im Fussball. Beispiel Streller. Er hätte alles besser machen können. Deshalb wird ihm auch 15 Jahre danach noch vorgeworfen, sich mehr mit seiner Zunge als mit der Ausführung des Penaltys beschäftigt zu haben.

Nicht genetisch, nicht mentalitätsbedingt: Warum treffen die einen und die anderen nicht? Die These: Penaltyschiessen gewinnt jene Mannschaft, die das Penaltyschiessen stärker will, für die das Erreichen der finalen Entscheidung schon ein Erfolg ist. Denn: Die andere Mannschaft – der Favorit oder das überlegene Team – muss innert kürzester Zeit die Enttäuschung verarbeiten, die Entscheidung nicht früher herbeigeführt zu haben. So wars 2006 und 2016 bei der Fussball-Nati, aber zuletzt auch im Hockey-Derby gegen Deutschland.

Nicht nur Streller, sondern auch Tranquillo Barnetta und Ricardo Cabanas (im Bild) versagen gegen die Ukraine vom Penaltypunkt.

Nicht nur Streller, sondern auch Tranquillo Barnetta und Ricardo Cabanas (im Bild) versagen gegen die Ukraine vom Penaltypunkt.

Keystone

Was bleibt ist der Fluch. Deshalb wäre es wünschenswert, dass die Schweizer Fussballer auch an der am Freitag beginnenden EM zu einem Penaltyschiessen antreten müssen. Denn einen Fluch besiegt man nur, wenn man sich ihm stellt. Und was den Engländern gelungen ist, können wir auch schaffen. Allein in den letzten 31 Jahren scheiterten sie jeweils 1990, 1998, 2004, 2006 und 2012 vom Elfmeterpunkt, ehe sie an der letzten WM gegen Kolumbien den Fluch besiegten. Bleibt die Hoffnung, dass wir nicht so viele Versuche benötigen, ehe der Pokal der Penaltyversager weiter wandert.

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