Eishockey

Auch ohne Josi liegt an der WM für die Schweiz etwas drin

Roman Josi ist mit Nashville in die nächste Runde der NHL-Playoffs marschiert – und fehlt der Schweiz sicher zum WM-Start.

Roman Josi ist mit Nashville in die nächste Runde der NHL-Playoffs marschiert – und fehlt der Schweiz sicher zum WM-Start.

Nun wissen wir vor den letzten drei WM-Vorbereitungspartien bereits, wie unser WM-Team aussehen wird. Alle Spieler, die zur Verfügung stehen, sind bekannt. Jene, die noch aus dem Kader fallen haben keinen Einfluss auf das Leistungsvermögen. Roman Josi ist mit Nashville in den NHL-Playoffs eine Runde weiter und fehlt der Schweiz so zum WM-Start.

Jetzt hat sich der Nebel gelichtet und wir erkennen: Auch Patrick Fischer ist von der gleichen tiefen Nordamerika-Gläubigkeit geprägt wie die Verbandsgeneräle. Mit Christian Marti, Christoph Bertschy und Yannick Weber stehen noch drei Spieler im Kader, die nur in Farmteams spielten (Marti, Bertschy) oder nach eine schwachen NHL-Saison um einen neuen Vertrag bangen (Weber).

Da kann ein ahnungsloser Laie schon fragen: Sind Marti und Weber denn tatsächlich besser als SCB-Meisterverteidiger Timo Helbling, der sich auch bei der vergangenen WM im Jahr 2015 bestens bewährt hatte?

Die «Swissness» ist nur Schall und Rauch

Es sieht also nicht nach einem neuen Hockey-Zeitalter aus. Die Ausrufung von «Swissness» hat noch keine Wirkung auf das Spielervolk. Wie alle Jahre gibt es Spieler, die nicht zur WM fahren wollen oder können. Diesmal sind es unter anderem Mark Streit, Sven Bärtschi, Tobias Stephan, Jonas Hiller, Marc Furrer, Kevin Romy, Severin Blindenbacher und Martin Plüss, der nicht von seinem bereits vor der Saison verkündeten Nati-Rücktritt zurückgetreten ist.

So war es unter Sean Simpson, unter Glen Hanlon und so bleibt es unter Patrick Fischer. Es gibt auch keine Entdeckungen aus den Nationalmannschaftsterminen während der Saison und eine neue taktische Ausrichtung (wie damals unter Ralph Krueger) oder der Mut zur offensiven Öffnung (wie unter Sean Simpson) oder gar zur Abschaffung der Taktik (wie unter Glen Hanlon), kurzum eine klare taktische Handschrift, waren bisher nicht zu erkennen.



Die von Patrick Fischer in recht aufmüpfigen Reden (er klang manchmal wie ein Revoluzzer) angekündigten harten oder gar überraschenden Entscheide hat es nicht gegeben. Wenn die Fans das Team per Internet hätten zusammenstellen können, dann wäre ungefähr das Kader (siehe Box) herausgekommen, das jetzt zu den drei letzten Vorbereitungspartien antritt.

Der Verzicht auf Kultverteidiger Mathias Seger ist dem Alter und dem Leistungsabbau geschuldet und hat nicht einmal für Rauschen im Medienwalt gesorgt. Der Verzicht auf Timo Helbling und den WM-Silberhelden Simon Bodenmann ist im Trubel der SCB-Meisterfeier untergegangen. Es hat im Laufe der Kaderfindung keinerlei Polemik gegeben. Patrick Fischer und seine Verbandsgeneräle haben die Konfrontation nicht gesucht, alles ist bisher hockeypolitisch korrekt gelaufen.

Die Revolution findet nicht statt. Es ist höchstens eine sanfte Evolution. Sportlich ist «Swissness» nur Schall und Rauch. Oder positiv formuliert: Patrick Fischer hat den Kompromiss gefunden. Er beherrscht die Kunst des Machbaren.

Auch ohne Josi liegt etwas drin

Was bedeutet das für die WM? Die Lichtgestalt Roman Josi fehlt zum WM-Auftakt, der beste Schweizer Spieler spielt weiterhin in den NHL-Playoffs. Deshalb müssen die Lichter nicht ausgehen – diese Mannschaft ist auch ohne Roman Josi bei weitem gut genug für die Viertelfinals. Sie hat viel silbrigen Glanz.

Elf Silberhelden von 2013 sind nach wie vor dabei und ebenso mehr als die Hälfte der WM-Viertelfinalmannschaft vom letzten Frühling. Die Normalität auf allen Ebenen, die Banalität des «Swissness-Programms» kann auch ein Vorteil sein: diese verhältnismässige Ruhe rund um die Nationalmannschaft erleichtert die Konzentration auf das Wesentliche.

Diese Normalität bedeutet aber auch: die sportliche Gestaltungskraft des Nationaltrainers ist gross. Eine Besonderheit des Spielplans will es, dass wir in den fünf ersten WM-Tagen nacheinander gegen die vier Gegner antreten, die wir für eine Viertelfinalqualifikation hinter uns lassen müssen: Kasachstan (Sa), Norwegen (So), Dänemark (Di) und Lettland (Mi).

Es sind Mannschaften, die nominell schwächer oder knapp auf Augenhöhe mit uns stehen. Da werden die Taktik und schlaues Coaching wichtig sein. Von Patrick Fischer darf erwartet werden, dass er in diesen vier ersten Partien an der Bande für die Differenz sorgt.

Oder anders gesagt: Das Verpassen der Viertelfinals wird sein Scheitern sein. Das Erreichen der Viertelfinals aber auch sein Triumph. Das sind halt Glanz und Elend von «Swissness» für den neuen Nationaltrainer.

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