Ein ganz grosser Auftritt. Ein Hauch von Hollywood im Gotthelf-Land. Der «Hockeypapst» kommt nach Langnau. Einen solchen Aufwand nur wegen einer Person hat es in der Geschichte der Langnauer Hockeykultur noch nie gegeben. Und die hat immerhin schon 1946 begonnen.

Die Agentur Keystone-SDA weist ihren Fotoreporter Marcel Bieri an, sich schon um 17 Uhr in Langnau vor dem Hockeytempel einzufinden. Um ja die Ankunft der Zürcher nicht zu verpassen und den neuen ZSC-Trainer Arno Del Curto gleich beim Verlassen des Teambusses abzubilden.

Der tüchtige Foto-Veteran sagt, so etwas habe er noch nie erlebt. Das will etwas heissen. Schliesslich ist er schon seit bald 30 Jahren beauftragt, die Taten der Langnauer in Lichtbildern festzuhalten. Seit den Zeiten, als der Klub noch SC Langnau hiess und in der in der 1. Liga spielte.

eine zusätzliche Kamera wurde installiert 

Der Bezahlsender «MySports» hat gegenüber der Spielerbank eine zusätzliche TV-Kamera installieren lassen. Um jede Regung des ZSC-Trainers einzufangen. Auf einem separaten Kanal kann der interessierte Zuseher oder die interessierte Zuseherin während des ganzen Spiels das Wesen und Wirken des neuen «Bandengenerals» live verfolgen.

Das staatstragende Fernsehen hat einen mit den lokalen Verhältnissen seit Jahren vertrauten Reporter mit Kameramann nach Langnau entsandt. Stephan Roth, der rasende Reporter des Boulevards (Blick) ist mit einer VideoSpezialistin angereist um auch Online einen Zwischenbericht ins Land hinaus zu senden. Und das alles nur, weil ein neuer Trainer an der Bande der ZSC Lions steht. Arno Del Curto, 62-jährig.

Hohe Erwartungen geweckt 

Wahrlich, noch nie hat ein Trainerwechsel so hohe Erwartungen geweckt und einen solchen Medienrummel provoziert. Das Emmental ist protestantisch. Sonst könnten wir keck behaupten, wahrscheinlich hätte nicht einmal der Papst eine solch mediale Erregung ausgelöst. Mit ihrem Trainerwechsel bewegen die Zürcher mehr als die Grasshoppers oder der FCZ während einer ganzen Fussball-Saison.

Und was sind nun die Auswirkungen auf dem Eis? Auf das Verhalten und den Formstand der ZSC-Spieler? Die Beurteilung einer Mannschaft nach einem Kommandowechsel an der Bande ist so eine Sache. Sie ähnelt den Nöten eines unglücklich und schmachtenden Liebenden, der jede Regung seiner Angebeteten als Zeichen der Zuneigung deutet. Alles, was nun gut ist, wird dem segensreichen Wirken des neuen Trainers zugeordnet.

Aber die Zeichen lassen auf sich warten. Selbst der jeder Polemik abholde Chronist der vornehmen «NZZ» stimmt der Analyse zu, wenn noch immer Serge Aubin an der Bande stünde, dann würde man jetzt sagen, ein Trainerwechsel sei von Nöten.

Es sei offensichtlich, dass die selbstzufriedenen Zürcher einen feuerköpfigen Trainer brauchen. Einen, der dazu in der Lage ist, Leidenschaft zu entfachen und Lauf- und Tempohockey zelebrieren lassen. Einen wie Arno Del Curto.

Aber Arno Del Curto ist ja da. Und alles ist nach wie vor so, wie es schon im August, September, Oktober, November, Dezember und Anfang Januar unter Serge Aubin war. Das Tempo ist hoch, aber alles in allem nicht hoch genug. Der Wille ist gross, aber alles in allem nicht gross genug.

Auch nur ein Mensch 

Langnau verwertet das erste Powerplay zum 1:0 (18. Minute) und das sollte bereits die Entscheidung sein. Auch Arno Del Curto, der «Hockey-Papst» ist halt nur ein Mensch. Er kann nicht übers Wasser gehen und nicht Hockey-Wunder vollbringen.

Und er hat Pech: Er trifft bei seinem Debüt auf ein Langnau, dem ein perfektes Spiel gelingt. Es ist die taktisch beste Partie, die in dieser Saison einer Mannschaft gelungen ist.

Die Zürcher dominieren zwar mehrheitlich (33:22 Torschüsse) aber das hockey-himmlische offensive Sausen und Brausen, das sich alle insgeheim von Arno Del Curto erhofft haben, ist ausgeblieben. In einer dramatischen Schlussphase hat seine Mannschaft ihre besten Momente und doch gelingt der Ausgleich nicht mehr.

Nach seinem ersten grossen Auftritt mit den ZSC Lions gibt es für den Trainer keinen Applaus. Aber am Samstagabend hat er ja bereits die Gelegenheit zur Revanche. Wieder gegen die SCL Tigers. Im Hallenstadion dieses Mal.

. . . der «Hockey-Gott» in der Aula

Auch Kevin Schläpfer hatte diese Woche einen grossen Auftritt und erntete minutenlangen tosenden Applaus.

Es ist ein grosser Auftritt. Mehr als 200 Männer, Frauen und Kinder hängen Kevin Schläpfer über eine Stunde lang an den Lippen. Es ist eine Laune des Schicksals, dass Kevin Schläpfer, 49, und Arno Del Curto, 62, zwei der charismatischsten Persönlichkeiten unseres Hockeys, im Verlauf dieser Woche unter so unterschiedlichen Voraussetzungen auf der Bühne stehen.

Arno Del Curto als neuer Trainer der ZSC Lions im Scheinwerferlicht der nationalen Aufmerksamkeit. Kevin Schläpfer als Vortragsredner in der Aula der Kantonsschule Solothurn im kleinen Kreis.

Auch Kevin Schläpfer hatte diese Woche einen grossen Auftritt und erntete minutenlangen tosenden Applaus.

Auch Kevin Schläpfer hatte diese Woche einen grossen Auftritt und erntete minutenlangen tosenden Applaus.

Die Hockey-Nation ist gerührt

Ein kurzer Blick zurück: Im Herbst 2015 ist Kevin Schläpfer mindestens so berühmt wie Arno Del Curto. Schläpfer, der in Biel als Hockey-Gott verehrt wird, könnte Nationaltrainer werden. Als er den Verzicht auf das Amt erklärt, um in Biel zu bleiben, bricht er vor laufenden Kameras in Tränen aus. Die Hockey-Nation ist gerührt. Tränen in diesem archaischen Business der rauen Kerle. Das gibt es wahrlich selten.

Zu diesem Zeitpunkt ist Arno Del Curto Trainer beim HC Davos. Auch er auf dem Höhepunkt seines Ruhmes: Er hat soeben den Playoff-Final gegen die ZSC Lions und damit die Meisterschaft gewonnen. Sein sechster Titel.

Ein gutes Jahr nach der Entlassung in Biel gelingt Kevin Schläpfer die Rückkehr auf die grosse Bühne nicht mehr: In Kloten wird er Anfang April 2018 vor der Liga-Qualifikation gegen die Rapperswil-Jona Lakers gefeuert.

Während Arno Del Curto nur 48 Tage nach seinem Rücktritt als HCD-Trainer in Zürich schon wieder Arbeit und öffentliche Aufmerksamkeit gefunden hat, ist Kevin Schläpfer nun schon seit mehr als einem halben Jahr arbeitslos und aus den Medien verschwunden.

Auftritte nur noch im kleinen Kreis

Wenigstens ist er nicht beschäftigungslos. Er hilft bei der Trainerausbildung oben in Magglingen und führt da und dort Bewerbungsgespräche. Und er tritt ab und zu öffentlich auf.

Nicht mehr in den grossen Arenen, nicht mehr auf der grossen Bühne. «Nur» noch im kleinen Kreis. Beispielsweise am vergangenen Mittwochabend in er Aula der Kantonsschule zu Solothurn. Der Eintritt ist gratis. Das Thema: «Mit aller Härte, ohne die Menschlichkeit zu verlieren.»

Es ist auch eine Reise weit, weit zurück in die Vergangenheit. Auf dem Weg zur Aula durch die Gänge dieser «Schulhausgeruch», der Erinnerungen an längst vergessene Zeiten weckt.Während sich die Aula nach und nach füllt, bis praktisch alle der 300 Plätze besetzt sind, ist Kevin Schläpfer unauffällig am Rande der Bühne mit den Vorbereitungen beschäftigt. So wie er wohl früher in seinem Trainerbüro in Biel und im Schluefweg die Übungsstunden mit seinen Jungs präpariert hat.

Kevin Schläpfer: ist unauffällig am Rande der Bühne mit den Vorbereitungen beschäftigt. So wie er wohl früher in seinem Trainerbüro in Biel und im Schluefweg die Übungsstunden mit seinen Jungs präpariert hat.

Kevin Schläpfer: ist unauffällig am Rande der Bühne mit den Vorbereitungen beschäftigt. So wie er wohl früher in seinem Trainerbüro in Biel und im Schluefweg die Übungsstunden mit seinen Jungs präpariert hat.

Und dann, nach kurzer Begrüssung durch den Schulleiter, betritt er die Bühne, füllt den Raum und packt das Publikum. Er erklärt am Beispiel seiner wohl dramatischsten Zeit, wie er mit aller Härte und doch auf menschliche Art und Weise eine dramatische, eigentlich aussichtslose Situation gemeistert hat. Wie positive Energie geweckt werden kann. Es geht um die Liga-Qualifikation gegen Lausanne im Frühjahr 2009.

Als er als Sportchef in Biel nach einem Rückstand von 0:2 seinen Freund und Trainer Heinz Ehlers feuert, eine völlig verunsicherte Mannschaft übernimmt und schliesslich im siebten Spiel den Liga-Erhalt schafft.

Entwaffnende Offenheit 

Er erzählt mit entwaffnender Offenheit aus seinem Leben, seiner schwierigen privaten Situation (Scheidung), wie er froh ist um die Ablenkung durch die Arbeit, wie er mit sich gerungen hat, ob er diese scheinbar aussichtslose Aufgabe überhaupt annehmen soll, wie er schliesslich die positive Energie in die Mannschaft zurückbringt, wie er auf die einzelnen Spieler eingeht. Wären Kameras im Saal, er würde kaum so offen sprechen.

Kevin Schläpfer «unplugged». Er tigert auf der Bühne hin und her. Adrenalin fliesst wieder in seinen Adern, fast, aber nur fast wie in jener grossen Zeit, als er noch ein grosser Bandengeneral war.

Er gibt faszinierende Einblicke in sein Leben und in die Arbeit eines Hockeytrainers. Grossartige Unterhaltung. Und als er am Ende mit einer Mischung aus Trotz und Melancholie sagt: «Ich wäre mit Kloten nicht abgestiegen», bekommt er tosenden Applaus. Minutenlang.