Eishockey

Marionette Fischer - Assistent Albelin nimmt den Chef nicht ernst

Nationaltrainer Patrick Fischer (rechts) erklärt und sein neuer Assistent Tommy Albelin kontrolliert aus dem Hintergrund, dass der Chef taktisch das Richtige sagt.

Nationaltrainer Patrick Fischer (rechts) erklärt und sein neuer Assistent Tommy Albelin kontrolliert aus dem Hintergrund, dass der Chef taktisch das Richtige sagt.

Patrick Fischer coacht beim Deutschland-Cup erstmals mit Tommy Albelin. Ein riskantes Experiment, denn die Cheffrage ist nicht geklärt.

Kann es funktionieren, wenn der Assistent fähiger ist als der Chef? Wir haben berühmte Beispiele, die zeigen, dass es tatsächlich möglich ist. Paul von Hindenburg (1847 bis 1937) ist bis heute eine der bekanntesten Persönlichkeiten der deutschen Geschichte. Weil er 1914 mit weit unterlegenen Kräften die Russen bei Tannenberg besiegte. Aber die Operationspläne hatte nicht der alte General erarbeitet. Sondern der weithin unbekannte Major Max Hoffmann (1869–1927). Der Assistent war wichtiger als der Chef.

Nun wollen wir nicht gleich übertreiben und Patrick Fischer für unser Hockey die gleiche Bedeutung beimessen wie Hindenburg für die germanische Historie. Aber die Hoffnung ist die gleiche: Bandengeneral Patrick Fischer möge mit der nominell unterlegenen Nationalmannschaft bei der WM in Paris im Mai 2017 überraschende Siege erringen. Die Hoffnungen ruhen auf seinem weithin unbekannten Assistenten Tommy Albelin (52).

In den letzten 50 Jahren spielten die Assistenten des Nationaltrainers nie eine wichtige Rolle. Nicht einmal Bengt-Ake Gustafsson, der später mit Schweden Weltmeister und Olympiasieger werden sollte, vermochte aus dem Schatten von Ralph Krueger herauszutreten. Die letzten Assistenten – Colin Muller, John Fust, Felix Hollenstein und Reto von Arx – spielten unter ihren Chefs Sean Simpson, Glen Hanlon und zuletzt Patrick Fischer im «Zirkus Nati» eher die Rolle von Clowns.

Patrick Fischer war am 3. November auf Teleclub Prime bei „persönlich by Claudia“ Lässer zu Gast

Patrick Fischer war am 3. November auf Teleclub Prime bei „persönlich by Claudia“ Lässer zu Gast

Nach der missglückten WM 2016 wäre die Absetzung des Cheftrainers die logische Konsequenz gewesen. Aber Patrick Fischer kommt beim Publikum zu gut an. Deshalb bleibt er im Amt. Seine Schwächen soll nun sein Assistent Tommy Albelin kompensieren. Der Schwede ist mit über 1000 NHL-Spielen und zwei Stanley- Cups mehrere Nummern grösser als sein Chef.

Max und Moritz des Hockey

Beim Deutschland-Cup in Augsburg spielt die Schweiz gegen Kanada (Freitag 15.00), Deutschland (Samstag 19.30) und die Slowakei (Sonntag, 13.00). Vor der Abreise am letzten Dienstag traten der Nationaltrainer und sein Assistent in Opfikon erstmals gemeinsam auf. Dem neutralen Chronisten wäre es nicht möglich gewesen, zu erraten, wer Chef und wer Untergebener ist. Nun gleich von Max & Moritz des Hockeys zu reden, wäre respektlos. Eher ist es ein Duo wie Paul Simon und Art Garfunkel. Und wenn «Bridge Over Troubled Water» einer der Hits der beiden Amerikaner war, dann passt das gut: Patrick Fischer (41) und Tommy Albelin (52) sollen bei der WM 2017 eine Brücke über wilde Wasser zu den Viertelfinals bauen.

«Pausenplatz-Hockey» hatten die Schweizer bei der letzten WM in Moskau zelebriert: wildes Offensivhockey ohne Struktur. Tommy Albelin ist wahrlich der ideale Mann, um auf dem Pausenplatz Ordnung zu schaffen. Der ehemalige NHL-Verteidiger hat zuletzt zehn Jahre lang das Trainerhandwerk als Assistent in der Organisation der New Jersey Devils erlernt. Dort ist bis vor zwei Jahren das defensivste defensive Defensivhockey der Welt gelehrt worden.

Tommy Albelin wird weiterhin in New Jersey wohnen. Er kümmert sich in Nordamerika um die dort tätigen Schweizer und fliegt für die Nationalmannschaftseinsätze in die Schweiz. Die nächsten drei
U20-WM-Turniere werden in Nordamerika ausgetragen. Auch bei der U20-WM obliegt es dem Schweden, für defensive Ordnung zu sorgen. U20-Nationaltrainer Christian Wohlwend ist noch ärger überfordert als Patrick Fischer.

Humor und Ironie

Der erste Auftritt unseres famosen Duos war grandios. Der charismatische Tommy Albelin hat Sinn für Ironie und Humor. Auf die Frage, wer das letzte Wort habe, sagte er: «Patrick Fischer. Er ist der Boss. Er hat immer das letzte Wort.» Das sei auch in allen Fragen der Defensive so. Aber er sagte es so schalkhaft, dass jeder spürte, dass er seinen Chef nicht ernst nimmt. Patrick Fischer beeilte sich, sogleich zu erklären, man werde natürlich alles miteinander diskutieren.

Kurz und gut: Tommy Albelin kümmert sich um die Arbeit, die taktisches Geschick erfordert (die Organisation der Defensive), und Patrick Fischer um die Offensive, wo es vor allem darum geht, Mut zu machen und Freiheiten zu gewähren. Der Assistent ist erstmals in der Geschichte unseres Nationalteams wichtiger als der Cheftrainer.

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