Martin Plüss
Martin Plüss beendet seine Karriere – der Kopfmensch hört auf seinen Bauch

Mit Martin Plüss tritt wenige Wochen nach Mark Streit die nächste Schweizer Eishockey-Legende zurück. Er tut es auf typische Art und Weise: nach gründlicher Testphase.

Marcel Kuchta
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Martin Plüss: «Aus dem anfänglichen Bauchgefühl wuchs der Entschluss, meine Karriere als Eishockeyprofi zu beenden.»

Martin Plüss: «Aus dem anfänglichen Bauchgefühl wuchs der Entschluss, meine Karriere als Eishockeyprofi zu beenden.»

KEYSTONE/MARCEL BIERI

Martin Plüss ist das, was man gemeinhin als «Kopfmenschen» bezeichnet. Nichts passiert bei ihm unüberlegt. Jede Handlung macht Sinn. So funktionierte er auch als Eishockeyspieler. Es gab in der Geschichte des Schweizer Eishockeys nur wenige Spieler, die im Rink ähnlich intelligent agierten wie der 40-Jährige.

Zuverlässig in der Defensivarbeit, durchaus kreativ in der offensiven Zone. Dazu immer mit vorbildlicher Einstellung am Werk, angereichert mit einer grossen Portion Leadership. Das Einzige, was Martin Plüss von einer NHL-Karriere abhielt, war letztlich seine zu geringe Körpergrösse.

Martin Plüss im letzten Frühjahr mit dem zweiten Meistertitel in Folge als damaliger Captain des SC Bern.

Martin Plüss im letzten Frühjahr mit dem zweiten Meistertitel in Folge als damaliger Captain des SC Bern.

KEYSTONE/ANTHONY ANEX

Als der 1,74m grosse Mittelstürmer Ende der 1990er-Jahre den Durchbruch schaffte, da herrschten in der NHL im Vergleich zu heute noch andere Sitten. Damals waren die körperlichen Schwergewichte im Vorteil. Und auf Schweizer Spieler wartete zu jener Zeit in Nordamerika noch niemand wirklich. Klar ist: Heutzutage ist die Chance sehr gross, dass ein Spieler wie Martin Plüss in der besten Liga der Welt eine schöne Karriere machen kann.

Sieben Meistertitel und WM-Silber

Eine schöne Karriere machte Martin Plüss aber zweifellos auch ohne NHL-Erfahrung. Insgesamt sieben Meistertitel durfte der gebürtige Bülacher feiern, zwei mit dem EHC Kloten, vier mit dem SC Bern und einen mit Frölunda Göteborg. Dazu war er massgeblich am sensationellen Gewinn der WM-Silbermedaille der Schweiz im Jahr 2013 beteiligt. Schon allein dieses Palmarès zeigt, welch ein Winnertyp Martin Plüss auf und neben dem Eis war.

Nun hat er sich nach langer Bedenkzeit also dafür entschieden, die Schlittschuhe an den Nagel zu hängen. Er erklärt: «Nach der letzten Saison und der Titelverteidigung mit dem SC Bern sagte mir mein Bauchgefühl, dass dies der richtige Moment sein könnte, aufzuhören und meine Prioritäten im Leben anders zu setzen.

MARTIN PLÜSS

Geburtsdatum: 5. April 1977. - Geburtsort: Bülach. - Position: Center. -Grösse/Gewicht: 174 cm/81 kg.

Klub: 7 Meistertitel (2010, 2013, 2016 und 2017 mit Bern, 1995 und 1996 mit Kloten, 2005 mit Frölunda/SWE; dort von 2004 bis 2008). Total 956 NLA-Spiele für Kloten (1994 bis 2004) und Bern (2008 bis 2017).

Auszeichnungen (u.a.): Dreimal wertvollster NLA-Spieler (2001, 2013, 2015). - Bester Schweizer im Ausland (2015).

Nationalteam: 236 Länderspiele (ab Saison 1997/1998 bis 2014). - Zwölf WM-Teilnahmen zwischen 1998 und 2013. - Vier Olympia-Teilnahmen (2002, 2006, 2010, 2014).

Grösster Erfolg: WM-Silber 2013 in Stockholm (Plüss damals mit 6 Assists in 10 Spielen/+6 Bilanz/171:52 Minuten Einsatzzeit total). - Persönliche Skorerwerte Wettbewerbsspiele (WM und Olympia): 56 Skorerpunkte (26 Tore und 30 Assists) in 102 Spielen. (sda)

Das Ziel, bis 40 auf meinem persönlichen Top-Level zu spielen, hatte ich erreicht.» Da er aber auch mit 40 Jahren dank seiner vorbildlichen Einstellung körperlich immer noch auf höchstem Niveau hätte agieren können, war die Fortsetzung der Karriere für Martin Plüss trotz allem eine valable Option – zumal er «einige verlockende Angebote und reizvolle Optionen» auf dem Tisch liegen hatte.

«Gleichzeitig», so schreibt er in seiner Rücktritterklärung, «wusste ich, dass irgendwann Schluss sein muss und ich den Schritt dahin selbstbestimmt tun will, weshalb ich mich für eine sechsmonatige Auszeit entschied. Diese nutzte ich, um für mich zu klären, wie sich ein Leben ohne Spitzensport anfühlt und wie es weitergehen soll.

Martin Plüss im Dress des SC Bern.

Martin Plüss im Dress des SC Bern.

Keystone

Zeit mit der Familie verbringen

Ich trainierte weiterhin, verbrachte aber auch viel Zeit mit meiner Familie. Und so wuchs aus dem anfänglichen Bauchgefühl der Entschluss, meine Karriere als Eishockeyprofi zu beenden.» Ausgerechnet der Kopfmensch hörte am Ende also auf seinen Bauch.

Klar ist, dass ein Mann mit dieser Erfahrung und diesem Know-how prädestiniert ist, im Schweizer Eishockey eher früher als später eine Führungsfunktion zu übernehmen. Sein Stammklub Kloten sucht beispielsweise einen Sportchef. Doch Martin Plüss wäre nicht Martin Plüss, wenn er sich diesbezüglich in die Karten blicken liesse.

Zu seinen beruflichen Perspektiven lässt er lediglich verlauten: «Die nächsten Monate werde ich sicher weiterhin nutzen, um viel Zeit mit meiner Familie zu verbringen und gemeinsam mit ihr meine Zukunft zu planen.»

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