NHL
Sven Bärtschi - der einstige Hoffnungsträger in der Hundehütte des Trainers

Eishockey Sven Bärtschi lernt bei den Calgary Flames derzeit die Schattenseiten des NHL-Daseins kennen. Der Langenthaler sitzt auf der Ersatzbank und kurvt Aufwärmrunden, während sich das Team auf den Einsatz vorbereitet.

Marcel Kuchta, St. Paul
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Trainieren statt spielen: Sven Bärtschi ist in Ungnade gefallen.Keystone

Trainieren statt spielen: Sven Bärtschi ist in Ungnade gefallen.Keystone

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Der Besuch aus der Schweiz kommt ungelegen. Sven Bärtschi, Schweizer NHL-Profi in den Reihen der Calgary Flames, muss nach dem Warm-up vor dem Spiel gegen Minnesota noch eine halbe Stunde länger auf dem Eis bleiben. Es ist das Schicksal, welches die Ersatzspieler erdulden müssen. Während Headcoach Bob Hartley in den Gängen des Xcel Energy Centers den Journalisten erklärt, warum einer der grössten Hoffnungsträger des kanadischen NHL-Teams nicht spielen darf, kurvt der Langenthaler zusammen mit den anderen überzähligen Akteuren auf der fast leeren Eisfläche herum. Der Medienchef der Flames vertröstet derweilen auf den Abend: «Sven wird sich das Spiel auf der Pressetribüne anschauen. Dann könnt Ihr besser mit ihm reden.»

Acht Stunden später ist in der Pressebox hoch oben unter dem Stadiondach nichts von ihm zu sehen. «Er kommt nicht rauf. Er wird während des Spiels im Kraftraum trainieren. Vielleicht seht Ihr ihn später in der Garderobe.» Nach der Partie, welche für die Flames mit einer ernüchternden 1:5-Niederlage endet, hat sich Sven Bärtschi dann schon längst in den Teambus verzogen, der die Mannschaft zum Flughafen bringen wird. «Kommt nach St. Louis, dort könnt Ihr mit ihm reden, wenn er spielt», sagt der Flames-Pressesprecher, ohne mit der Wimper zu zucken.

Spätestens jetzt ist klar: Bärtschi hat einen Maulkorb erhalten. Dieses Versteckspiel ist bezeichnend für die ungemütliche Situation, in der sich der 20-Jährige derzeit befindet. Denn die Karriere des Langenthalers verläuft in diesem Herbst nicht mehr so, wie er sich das vorgestellt hat. Nach 13 Saisonspielen hat er gerade mal fünf Skorerpunkte (1 Tor, 4 Assists) auf seinem Konto. Für einen der designierten offensiven Leistungsträger klar zu wenig. In der Öffentlichkeit darüber zu reden, ist schwierig. Vielleicht ist es aber auch Selbstschutz.

Denn Bärtschis Frust ist nachvollziehbar. Man wird das Gefühl nicht los, dass die Flames-Organisation eines seiner grössten Talente nicht gerade mit Sorgfalt behandelt. Im nordamerikanischen Sport-Fachjargon existiert der Spruch: «The player is in the coaches’ doghouse.» Wortwörtlich übersetzt heisst das «Dieser Spieler steckt in des Trainers Hundehütte». Oder anders ausgedrückt: Der Spieler ist beim Trainer in Ungnade gefallen. Bob Hartley, der ehemalige Meistertrainer der ZSC Lions, ist ob der Fragen der Medien betreffend Bärtschis Streichung aus dem Kader sichtlich irritiert: «Warum hat man in Calgary immer das Gefühl, dass die Welt untergeht, wenn Sven nicht spielt?», fragt er in die Runde.

«Das hier ist ein Männer-Business»

Um dann zu folgender Erklärung auszuholen: «Die mentale Herausforderung gehört zum Entwicklungsprozess. Das hier ist ein Männer-Business. Das hier ist die beste Eishockey-Liga der Welt. Niemand hält dir eine Pistole an den Kopf, damit du in der NHL spielst. Es ist ein Privileg. Und ich kann nur immer wieder betonen: Der Tag, an dem du ein NHL-Trikot trägst oder einen Trainerjob übernimmst, ist ein guter Tag. Aber schon eine Sekunde später hast du jemanden im Rücken, der deinen Job haben will. Es ist jeden Tag ein harter Kampf. »

Man ist bei den Flames zweifellos darum bemüht, den Schweizer an sein Leistungspotenzial heranzuführen. Hartley lud Bärtschi nach dem Warm-up in Minneapolis zu einer gemeinsamen Video-Session ein, wo er ihm seine Defizite vor Augen hielt und Verbesserungsvorschläge machte. Trotzdem ist es verwunderlich, wie Bärtschi schon in aller Öffentlichkeit verbal abgeschlachtet wurde. Brian Burke, die graue Eminenz im Hintergrund der Flames, liess kurz vor Beginn der Meisterschaft kaum ein gutes Haar an Bärtschi und warf ihm vor, dass er das Spiel gegen hinten vernachlässige und sich nur um die Offensive kümmere – und das erst noch sporadisch. Um dann zum finalen Hammerschlag auszuholen: «Ich sehe grosse Defizite in seinem Spiel und ich sehe mangelnden Einsatz, der ihn in eine Sackgasse führen wird.»

Der Stürmer, der 2011 in der
1. Runde von den Flames gedraftet worden war, nahm die Tirade zumindest gegen aussen mit Fassung zur Kenntnis und gelobte Besserung «Ich akzeptiere seine Kritik. Brian Burke ist schon lange dabei und kennt die NHL wie kaum ein Zweiter.» Man muss aber kein Prophet sein, um festzustellen, dass eine derartige, öffentliche Desavouierung an keinem jungen Spieler spurlos vorbeigeht. Es gehört ein Stück weit zur nordamerikanischen Kultur, dass man die Profis verbal hart anpackt. Ob dies im Falle eines verunsicherten, 20-jährigen Talents Sinn macht, sei dahingestellt.

Bleibt die grosse Frage, ob Bärtschi bald den Weg aus Hartleys Hundehütte herausfindet, ob sein Weg eher früher als später ins Farmteam der Flames, zu den Abbotsford Heat, führt, oder ob er seine Karriere mittelfristig – analog zu Nino Niederreiter – an einem anderen Ort neu beleben muss. Affaire à suivre.

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