NHL
Warum Luca Sbisa in der NHL in einer unangenehmen Situation steckt

Luca Sbisa gehört zu jenen Schweizer Eishockeyspielern, die sich in der NHL durchgesetzt haben. Dennoch ist der Zuger nicht glücklich mit seiner Rolle bei seinem Verein in Kalifornien.

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Luca Sbisa in der NHL
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Luca Sbisa in der NHL

Luca Sbisa (21) weiss nicht mehr, wie er in der Nacht vom Sonntag auf den Montag ins Bett gekommen ist. Aber vielleicht finden die Anaheim Ducks gerade deshalb aus der grössten Krise ihrer Geschichte. Es war wirklich «Mad Monday»: Am Samstag erlitten die Anaheim Ducks in Nashville bereits die dritte Niederlage im vierten Spiel unter dem neuen Trainer Bruce Boudreau. Und am Sonntag folgte gleich das grosse Besäufnis.

In der NHL ist es nämlich Brauch, dass die ganze Mannschaft einmal während der Saison gemeinsam zum Essen und Feiern auf Kosten der Neulinge ausrückt. «Rookie Night» heisst dieses Ritual. «In Philadelphia war ich einer von drei Rookies und die Fete hat jeden von uns 8780 Dollar gekostet. Daran erinnere ich mich noch ganz genau», erzählt Luca Sbisa.
«Ich bin im Bett aufgewacht»

Der Zuger wird am 30. Januar zwar erst 22. Aber mit 151 NHL-Spielen (2 Tore/23 Assists) ist er längst kein Rookie mehr. Also musste er das Portemonnaie in der Nacht auf den Montag nicht zücken. Die Mannschaft reiste mit dem Bus von Anaheim nach San Diego, besuchte ein Football-Spiel und anschliessend folgten Essen und Party und Übernachtung im Hotel. Am Montag gings im Bus wieder heim nach Anaheim und um 14 Uhr standen beim Training alle wieder auf dem Eis.

Es sei wild zu und her gegangen, sagt Sbisa. Er wisse nicht mehr genau, wie er eigentlich ins Bett gekommen sei. «Aber ich bin im Bett aufgewacht.» Die Ducks dürften gut und gerne 25 000 Dollar verzecht haben. Möglicherweise gut investiertes Geld. «Letzte Saison haben wir nach der Rookie Night die Krise überwunden. Vielleicht ist es ja auch diesmal so.» Heute Abend spielt Sbisa mit den Ducks zu Hause gegen Phoenix.

Sbisa ist ein Führungsspieler

Der ehemalige Zuger Junior gehört inzwischen zur Stammformation und hat alle 29 Partien der Ducks bestritten (6 Assists). Sein Platz ist inzwischen noch ein bisschen sicherer geworden: General Manager Bob Murray hat in der Krisenbewältigung Stufe zwei gezündet: Transfer von Spielern. Stufe eins war der Trainerwechsel (Boudreau für Carlyle).

Gleich neben Sbisa sitzt in der Kabine Verteidiger Kurtis Foster (30). Der Kanadier trainierte auch am Montag. Wie üblich ist die Kabine nach dem Training für die Reporter geöffnet. Foster kommt herein und beginnt nach dem Duschen seine Sachen zu packen: Er hat soeben erfahren, dass er nach New Jersey transferiert worden ist - im Tausch mit Stürmer Rod Pelley und Verteidiger Mark Fraser.

Foster trainierte am Dienstag bereits in New Jersey. «Mit solchen Transfers muss jeder rechnen», sagt Sbisa. «Ich bin auch von Philadelphia nach Anaheim transferiert worden. Zwei Stunden nachdem ich im Sommer vor dem Draft für eine medizinische Untersuchung aus der Schweiz wieder nach Philadelphia zurückgekehrt war.» Immerhin: Die Umzugskosten werden vom Klub bezahlt.

Sbisa: Der Fels in der Brandung

Was bei Sbisa auffällt: Er ist noch ruhiger und selbstsicherer geworden. Im Wesen und Wirken wie ein gestandener NHL-Profi. «Ich bin schon mit 17 nach Nordamerika gekommen und weiss inzwischen, worauf es ankommt. Selbstsicherheit ist wichtig. Aber Arroganz wird nicht toleriert.» Es ist ein schmaler Grat zwischen Selbstsicherheit und Arroganz. Respekt gegenüber allen - vom Mitspieler über den Materialwart bis zu den Journalistinnen und Journalisten - ist hier selbstverständlich. Am besten lässt sich Sbisas Auftreten mit freundlicher Selbstsicherheit umschreiben. Er weiss, was er will. Aber er weiss auch, was er als Jungmillionär zu leisten hat.

48 000 Dollar, alle zwei Wochen

Alle zwei Wochen stellt eine der adretten Sekretärinnen aus der Organisation der Ducks im Kabinengang ein Tischchen auf und händigt jedem den «Paycheck» aus: den Zahltagscheck. Es ist lediglich eine Bestätigung für die Banküberweisung, die jeder zu quittieren hat. Alle zwei Wochen quittiert Sbisa eine Überweisung von rund 48 000 Dollar netto. Im Jahr verdient er 1,2 Millionen brutto.

Das Paycheck-Ritual erinnert ihn stets daran, woher er gekommen ist. «Als Junior bekam ich alle zwei Wochen 90 Dollar.» Und jetzt verdient er viel, viel Geld. «Nur am Anfang hat mich das beeindruckt. Inzwischen ist mir klar, wie gut es mir geht und dass ich so viel Geld verdiene wie vielleicht ein Prozent der Menschen auf dieser Welt. Ich mache mir über Geld keine Gedanken mehr.»

Luca Sbisa hat nicht nur einen Agenten und einen persönlichen Fitness-Trainer. Er hat auch einen persönlichen Berater, der ihm alle finanziellen und administrativen Angelegenheiten regelt. Seine Mutter sei zuerst dagegen gewesen. «Sie dachte, so werde ich bloss verwöhnt und nie selbstständig.» Inzwischen habe sie nichts mehr dagegen. «Viele Angelegenheiten des Alltags sind hier einfach ganz anders und komplizierter als in der Schweiz und es geht nicht ohne Hilfe. Ich kann mich so ganz aufs Eishockey konzentrieren.» Zudem umfasse die persönliche Beratung auch ein Selbstständigkeits-Training. In Amerika kann man schliesslich für alles einen Coach haben.

Wie weiter mit Sbisa?

Seriosität prägt nicht nur Lucas Defensivspiel, sondern auch sein Privatleben. Inzwischen ist er schon bald zwei Jahre in festen Händen. Während des olympischen Turniers im Februar 2010 in Vancouver hat er Lauren kennen gelernt. Es muss Liebe auf den ersten Blick gewesen sein. Und die Frage steht im Raum: Wie kann es sein, dass ein Spieler unter einem so strengen Coach wie Ralph Krueger noch Zeit und Musse hat, um während eines so wichtigen Wettkampfes wie des olympischen Turniers eine Romanze zu beginnen? Sbisa sagt, das sei halb so wild gewesen. Hin und wieder durften die Spieler auch unter Krueger zum Essen in die Stadt. «Wir haben uns im Restaurant kennen gelernt und die Telefonnummern getauscht.

Sie wurde sehr misstrauisch, als ich ihr ein paar Tage später eröffnete, dass ich Hockeyspieler bin. Offenbar haben Hockeyprofis in Kanada einen gewissen Ruf.» Inzwischen sind die beiden längst ein Paar in einer Fernbeziehung. Jeden Monat fliegt Lauren mindestens einmal von Vancouver nach Südkalifornien. Jetzt muss Luca Sbisa nur noch dafür sorgen, dass die Ducks häufiger gewinnen, als er Besuch von seiner Freundin bekommt.