Nach der blamablen 1:4-Heimniederlage im kapitalen Strichduell gegen ein dezimiertes Servette Genf wurde die Mannschaft von Schimpf und Schande begleitet auf dem Weg in die Kabine. Zu jenem Zeitpunkt war Arno Del Curto schon längstens in den Katakomben der Arena verschwunden.

Fast unbemerkt von den Zuschauern. Vorher hatte der Stadion-DJ während der letzten Spielminute den Hit «Wake me up when it’s all over» – wecke mich auf, wenn alles vorbei ist – durch die Halle schallen lassen. Wohl in der Hoffnung, dass alle Anwesenden endlich aus diesem bösen Traum erwachen.

Die Euphorie ist gewichen 

Die Euphorie ist in Zürich Oerlikon spätestens nach der miserablen Vorstellung gegen die bescheidenen und ersatzgeschwächten Genfer lähmender Ratlosigkeit gewichen. Wer nach dem Spiel in die Gesichter der Lions-Spieler schaute, der sah leere Blicke.

Erfolglos: Arno del Curto redet auf seine Schützlinge ein.

Erfolglos: Arno del Curto redet auf seine Schützlinge ein.

ZSC-Stürmer Chris Baltisberger, der wie viele seiner prominenten Mitstreiter im versagenden Kollektiv verschwand, fand kaum Worte für das, was die Mannschaft zuvor während 60 Minuten aufs Eis gezaubert hatte. «Ich kann es mir nicht erklären.»

Vor allem das erste Drittel war ein Graus. Nach 60 Sekunden stand es 0:1. Nach 90 Sekunden 0:2. Und nach einem kapitalen Fehler von Verteidiger Christian Marti kurz vor Drittelsende 0:3. «Wir kassieren zwei frühe Treffer und fallen zusammen wie ein Kartenhaus», befand ein sichtlich irritierter Arno Del Curto.

Vier Niederlagen in Serie

Spätestens nach diesem Spiel ist dem Engadiner bewusst, dass er mit dieser auf dem Papier so talentierten Mannschaft in den kommenden Wochen alle Hände voll zu tun haben wird. Die Playoff-Qualifikation ist in ernsthafter Gefahr. Die Mission Titelverteidigung droht frühzeitig zu scheitern.

Der Strich ist nach den schmerzhaften Niederlagen gegen Lausanne (3:4 nach Verlängerung), in Rapperswil (1:4), in Zug (0:3) und nun gegen Genf wieder bedrohlich nahe gerückt. Statt sich in der Tabelle Luft zu verschaffen, gingen die Zürcher gegen klar schwächer eingestufte Gegner wie die Lakers oder Servette leer aus. Und befinden sich jetzt, acht Runden vor dem Ende der Qualifikation, in einer äusserst unkomfortablen Lage. Zumal die Mannschaft durch und durch verunsichert wirkt.

Wie ein Kleinkind 

Wer den Zürchern derzeit beim Eishockeyspielen zuschaut, der hat bald einmal das Gefühl, dass er ein Kleinkind dabei beobachtet, wie es probiert, eine runde Form in ein eckiges Loch zu pressen. Es wird auf alle Arten und mit aller Kraft versucht, aber es klappt logischerweise nicht.

Nur, dass bei den ZSC Lions derzeit die Erkenntnis fehlt, es vielleicht mal an einem anderen Loch zu versuchen. Die Mannschaft wirkt gelähmt, ohne Selbstvertrauen. Und man kommt nicht darum herum, den Verdacht zu äussern, dass der Trainerwechsel vom systemtreuen, vorsichtigen Serge Aubin hin zum feurigen, vor Ideen sprudelnden Arno Del Curto die Spieler aus der Bahn geworfen hat.

Vor allem die Verteidiger machen einen unglaublich verunsicherten Eindruck. Captain Patrick Geering («Ich bin hässig») zog an seinem 29. Geburtstag einen ganz schwachen Abend ein. Spielerisch limitierte Abwehrtürme wie Christian Marti oder Phil Baltisberger sind sichtlich überfordert mit den von Arno del Curto geforderten, schnellen Auslösungen.

Die Pässe auf die Stürmer kommen oft nicht an oder landen in deren Schlittschuhen, was den ganzen Schwung bremst. Kommt dazu, dass generell das Mannschaftsgefüge derzeit nicht passt. «Die Stürmer helfen den Verteidigern nicht und umgekehrt. Alle rennen irgendwie auf dem Feld herum, niemand hält sich ans System», versuchte Chris Baltisberger das Chaos in Worte zu fassen.

«Reine Kopfsache»

Hat also Arno Del Curto das Fuder überladen, indem er – entgegen seiner ursprünglichen Absicht, nicht gleich alles auf den Kopf zu stellen – doch schon jetzt versucht, der Mannschaft seine Spielweise aufzuzwingen?

Arno Del Curto:  «Die individuellen Fehler, die wir produzieren, sind reine Kopfsache.»

Arno Del Curto: «Die individuellen Fehler, die wir produzieren, sind reine Kopfsache.»

Chris Baltisberger stellt das klar in Abrede. «Wir wüssten, was wir zu tun haben, aber wir halten uns einfach nicht daran.»

Und auch Del Curto selber glaubt nicht, dass er seine Spieler überfordert: «Die individuellen Fehler, die wir produzieren, sind reine Kopfsache.» Die richtigen Knöpfe müsse er nun drücken, befindet der langjährige HCD-Trainer, als er nach einem Rezept gefragt wird, welches den Ausweg aus dieser Misere vermitteln soll.

Die Suche nach den Knöpfen

Die richtigen Knöpfe zu finden, wird für den mit vielen Vorschusslorbeeren nach Zürich gekommenen Kult-Trainer nicht einfach sein. Es gibt zahlreiche Problemfelder, von ganz hinten bei den Goalies bis in den Sturm.

Die hoch dotierte Offensivabteilung der ZSC Lions hat Ladehemmung. Wenn die Mannschaft dringend ein Erfolgserlebnis in Form eines Tors bräuchte, um ins Spiel zurückzufinden, versagen die Nerven. Hier, wo es so sein sollte, geht das Runde nicht ins Eckige.