Eishockey-WM

WM-Lotto spielen statt Taktik einüben: Eine neue Ausgangslage kommt Nati-Trainer Patrick Fischer entgegen

Patrick Fischer sind die Hände gebunden: Er muss auf den Goodwill der Klubs hoffen, die ihre Spieler freigeben.

Patrick Fischer sind die Hände gebunden: Er muss auf den Goodwill der Klubs hoffen, die ihre Spieler freigeben.

Heute bestimmen die Klubs und nicht mehr der Nationaltrainer, welche Spieler für die Schweizer WM-Spiele aufgeboten werden. Und trotzdem kann Nationaltrainer Patrick Fischer auf sieben gestandene NHL-Spieler zählen.

Einst ähnelte die Zusammenstellung eines Schweizer Eishockey-WM-Teams einer langfristigen Altersvorsorge. Nun ist es so, als werde für die Altersvorsorge einfach ein Lottoschein ausgefüllt. Kommts gut, hurra! Kommts nicht gut, ist es auch nicht so schlimm. Es gibt ja noch die AHV.

Diese neue Ausgangslage ist den enormen Fortschritten unseres Hockeys geschuldet. Wir haben das gleiche Problem wie die Finnen, Amerikaner, Kanadier, Schweden, Russen oder Tschechen.

Sven Andrighetto ist einer der grossen Schweizer NHL-Spieler.

Sven Andrighetto ist einer der grossen Schweizer NHL-Spieler.

Die Besten stehen Patrick Fischer während der Saison und der WM-Vorbereitung nicht mehr zur Verfügung. Für die anderen Grossen spielt es seit 30 Jahren keine Rolle, dass viele ihrer Besten für Länderspiele und die WM nicht infrage kommen.

Sie stellen ihre WM-Teams so oder so erst unmittelbar vor der WM aus den nicht in der NHL beschäftigten Spielern zusammen. Oft reicht es nicht einmal mehr zu einer Testpartie vor dem Turnier.

Unser Nationaltrainer hatte hingegen jahrelang den Vorteil, dass ihm praktisch alle Spieler während der ganzen Saison zur Verfügung standen. So hat Ralph Krueger ab 1997 die taktisch beste Nationalmannschaft der Welt aufgebaut. Jedes einzelne Aufgebot war das Resultat sorgfältiger Überlegungen und die Komposition des Teams ein taktisches Kunstwerk.

2006 gelang der wohl erstaunlichste Erfolg: Mit nur einem Feldspieler aus der NHL (Mark Streit) und NHL-Goalie Martin Gerber besiegten die Schweizer beim Olympischen Turnier die kanadischen NHL-Profis 2:0.

Selbst bei der Silber-WM von 2013 begannen die Schweizer die WM mit nur zwei Nordamerikanern: mit Nino Niederreiter und Roman Josi – und nur Josi war NHL-Stammspieler. Im Laufe des Turniers kam noch Raphael Diaz dazu.

Nino Niederreiter gehört der diesjährigen Schweizer WM-Truppe an.

Nino Niederreiter gehört der diesjährigen Schweizer WM-Truppe an.

Mit zwei bestandenen NHL-Stürmern

Nun hat Patrick Fischer vor dem WM-Auftakt am Samstag gegen Österreich (12.15 Uhr) gleich sieben «Nordamerikaner» im letzten Trainingslager in Zürich dabei. Darunter mit Nino Niederreiter und Sven Andrighetto zwei bestandene NHL-Stürmer.

Die Nationalmannschaft ist allerdings heute politisch viel schwächer als noch unter Ralph Krueger und Sean Simpson. Heute bestimmen die Klubs und nicht mehr der Nationaltrainer, welche Spieler für die Länderspiele aufgeboten werden.

Freie Hand hat Patrick Fischer nur noch bei der Zusammenstellung des WM-Teams. Eine systematische, langfristige taktische Schulung während der ganzen Saison ist unmöglich. Es gilt nun, einfach vor der WM auf dem Nationalmannschafts-Lottoschein die richtigen Namen anzukreuzen.

Nicht dabei, weil er noch in der NHL engagiert ist: Verteidiger Roman Josi.

Nicht dabei, weil er noch in der NHL engagiert ist: Verteidiger Roman Josi.

Also reisen die Schweizer ohne ein einziges Testspiel in der WM-Formation zum Turnier. Nationalmannschafts-Direktor Raeto Raffainer hat zum zweiten Mal nach 2015 auf das traditionelle letzte Testspiel in der Woche vor der WM verzichtet.

«Wir waren für die letzten zwei Testspiele in Riga und die Belastung wäre für die Spieler zu gross gewesen. Mehrere Spieler des WM-Teams hatten zudem am Freitag noch den Final bestritten.»

Diese neue Ausgangslage behagt dem Nationaltrainer ohnehin viel besser. Das Einfuchsen von Spielsystemen, der Alltag des Trainerberufes, liegt ihm nicht und er ist ja als Klubtrainer in Lugano gescheitert.

Patrick Fischers Stärke liegt im «weichen» Bereich: in der Fähigkeit, in kurzer Zeit eine gute Stimmung zu kreieren und die Nationalmannschaft zu «verkaufen».

Da die Resultate in letzter Zeit zu wünschen übrig liessen (nur Platz 9 bei den Olympischen Spielen) wird sowieso sehr viel Wert auf gute Aussendarstellung gelegt.

Janos Kick, der tüchtige Kommunikationschef des Verbandes, hat am vergangenen Freitag Rolf Bichsel, den Hockeychef der Schweizerischen Depeschenagentur (SDA) bereits am Vormittag aus dem Bett telefoniert.

Um sich zu beschweren: die Berichterstattung über den Sieg in Lettland (2:1 n.V) vom Vorabend sei viel zu kritisch gewesen. Hoffen wir, dass Bichsel wenigstens während der WM ausschlafen kann.

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