Eiskunstlauf
Die Baslerin Kimmy Repond klopft mit 14 an das Tor zur Weltspitze, doch der Wettlauf mit der Zeit hat bereits begonnen

Kimmy Repond begeistert mit ihren Eiskunstlauf-Küren im In- sowie Ausland. Mit ihren Leistungen gehört sie europaweit zu den besten Juniorinnen. Für die absolute Weltspitze fehlt nur noch ein Sprung.

Simon Leser
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Kimmy Repond macht sich mit starken Auftritten international einen Namen.

Kimmy Repond macht sich mit starken Auftritten international einen Namen.

Juri Junkov

Es gibt wohl kaum eine europäische Stadt, die stärker unter der Coronapandemie litt als Bergamo. Die Bilder von überfüllten Spitälern gingen um die Welt. Doch Bergamo stand wieder auf, und gedachte vor einer Woche mit einer Eiskunstlaufgala an den Schmerz jener Wochen. Geimpftes Pflegepersonal war eingeladen, Olympiasieger und ehemalige Weltmeister kamen.

Alle feierten sie die Ausgabe des San Valentino on Ice – dem Valentinstag auf Eis. Mittendrin eine Baslerin, gerade einmal 14-Jährig, ein «aufgehender Stern», wie sie L’Eco di Bergamo – die Tageszeitung der Stadt – ankündigte: Kimmy Repond. Ein Talent, das sich der Weltelite im Eiskunstlauf annähert.

Den Grund, warum die Baslerin in die Lombardei eingeladen wurde, zeigte sie sogleich: Geschmeidig kurvt sie über das Eis, steht Dreifachsprünge problemlos, zeigt ihre Beweglichkeit bei Pirouetten. Anfang Februar erreichte Repond in Lugano mit einer Punktzahl von 183.61 ihren persönlichen Rekord. «Ich spürte, dass es eine gute Performance war. Doch die Punktzahl habe ich erst geglaubt, als ich sie auf dem Ergebnisblatt sah.» Das Resultat hätte im vergangenen Jahr an den Elite-Europameisterschaften für den fünften Rang gereicht.

Der Weg zum aufgehenden Stern im Eiskunstlauf war für Repond vorgezeichnet. Von ihren drei Schwestern waren und sind alle begabt auf dem Eis. Kimmys ältere Schwester Jérômie musste ihre Karriere nach einem Unfall mit ihrer Vespa beenden. «Eiskunstlauf ermöglichte es mir bei meiner Familie zu sein», sagt Kimmy Repond. Heute steht sie drei Stunden täglich auf dem Eis. «Mir gefallen die Sprünge am besten. Wenn du einen neuen Sprung stehst, kannst du darauf am meisten stolz sein», sagt Repond.

Folgenschwerer Sturz auf den Kopf

Waghalsige Sprünge sind das Eintrittstor zur Weltspitze. Repond arbeitet am Vierfach-Salchow, einem Sprung, den weltweit nur wenige Frauen beherrschen. Die 14-Jährige gehört noch nicht dazu, trägt im Training ein Polster, um den Aufprall auf den harten Eisboden abzufedern. Doch vor drei Wochen, als sie sich beim Versuch des Vierfachsprungs nur dreieinhalb Mal drehte und auf den Kopf fiel, brachte auch das Polster nichts. Das Streben nach dem perfekten Sprung musste pausieren. Claudia Repond, die Mutter von Kimmy, erklärt:

«Die Überwindung nach so einem Sturz wieder zu springen, ist massiv.»

Doch die Tochter überwand sich, sprang wieder, schaffte eine Vierteldrehung mehr, und fiel nur harmlos. «Wenn sie ihn stehen kann, kriegt sie international automatisch eine noch höhere Anerkennung, da ihn in Europa ausser den Russinnen keine springt», erklärt die Mutter. Vor allem an der Höhe und der Überzeugung arbeitet sie noch, doch ihr Weg stimmt. «Sie bringt viel innerliche Motivation mit, braucht nicht andere, um motiviert zu sein», sagt Jérômie Repond, die ihre Trainerin ist.

Die 14-jährige Baslerin arbeitet akribisch am entscheidenden Vierfachsprung.

Die 14-jährige Baslerin arbeitet akribisch am entscheidenden Vierfachsprung.

Juri Junkov

Die innerliche Motivation ist für Kimmy Repond ein doppelter Segen, denn im Training hat sie keine, bei der sie sportlich abschauen könnte. «Als Schweizerin habe ich es schwerer als Russinnen», sagt Repond. In Russland ist das Niveau im Training höher, es fängt zeitlich später an, denn die Athletinnen müssen nicht zur Schule. Repond hingegen steht um halb 6 Uhr auf, damit sie eine halbe Stunde später mit ihrem sportlichen Tagesprogramm beginnen kann. Um 8 Uhr geht sie zur Schule.«Mit so einem Programm habe ich logischerweise viel mehr zu tun als in anderen Ländern», sagt sie.

Unbehagen gegen die russische Talentförderung

Russland spült fortlaufend Athletinnen an die Weltspitze, die wahnwitzig jung sind. Alina Sagitowa war 2018 bei ihrem Olympiasieg gerade mal 15. Julia Lipnizkaja wurde 2014 gleichaltrig Olympiasiegerin, und trat ein Jahr später schon wieder zurück – die Magersucht zwang sie dazu. Immer wieder wird darüber diskutiert, ob das Mindestalter erhöht werden soll. Repond wäre dafür:

«Viele sagen, Eiskunstlauf ist zu einem Sport für Kinder geworden. Das ist extrem schade.»

Die Jugendlichen haben den Erwachsenen ihre geschmeidige Körperform voraus. Sobald Athletinnen mehr Kurven an ihrem Körper besitzen, werden die Sprünge schwieriger. «Russland hat so viele Athletinnen, dass es egal ist, wenn eine mit 16 aufhört. Es kommt dann halt einfach die nächste», stört sich Repond und ergänzt: «Eine richtige Sportlerin ist für mich eine, die auch kämpfen muss und nicht gleich aufhört.»

Die 14-Jährige Gymnasiastin denkt nicht ans Aufhören. Damit sie dem Eiskunstlaufen langfristig erhalten bleibt, hat sie sich eine entsprechende Einstellung zurecht gelegt. Es müsse an einem internationalen Wettkampf nicht unbedingt der erste Platz sein, das Ziel sei das Podest. Und das, sagt Repond, ist auch 18-jährig noch erreichbar, sofern man die innere Leidenschaft und Freude behalten kann. Dass es auch mit grösserer Brustweite und mehr Hüften geht, bewies beispielsweise Kaetlyn Osmond. Sie gewann 22-jährig in Pyeongchang die Bronzemedaille. Zudem achtet sich Repond auf eine technisch einwandfreie Ausführung der Sprünge, denn das reduziert den Altersnachteil. Für einen vorteilhaften Faktor kann die Baslerin hingegen nichts: ihre Gene. «Sie hat aufgrund der Familie gute körperliche Voraussetzungen», sagt Jérômie Repond. Will heissen: Auch wenn die Kurven zunehmen, allzu rund wird es nicht werden.

Trotz des Erfolgs bleibt Kimmy Repond wohl auch in der nächsten Saison noch bei den Juniorinnen, obwohl sie dann 15-jährig in der Elite starten dürfte. Zuerst will sie die Finalteilnahme am Junior Grand Prix erreichen – die Weltelite der Juniorinnen. Damit würde ihr Stern international nochmals deutlich höher stehen.