EM 2016
EM-Held Angelos Charisteas: «Diese EM-Endrunde ist skurril»

Den Griechen gelang mit Angelos Charisteas vor 12 Jahren die grosse Überraschung: Sie gewannen als Aussenseiter das Final gegen Portugal. Die EM in Frankreich schaut er mit Argwohn an.

François Schmid-Bechtel
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Auf dem sportlichen Höhepunkt: Angelos Charisteas mit dem EM-Pokal nach dem Final 2004, wo er gegen Portugal den Siegtreffer erzielte. Keystone

Auf dem sportlichen Höhepunkt: Angelos Charisteas mit dem EM-Pokal nach dem Final 2004, wo er gegen Portugal den Siegtreffer erzielte. Keystone

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«Entschuldigung. Ich bin auf Kreta im Urlaub, habe mein Handy nicht ständig bei mir und deshalb Ihre Anrufe verpasst», sagt Angelos Charisteas. Doch von der Fussball-EM in Frankreich hat der 36-jährige Grieche nichts verpasst. Schliesslich war er selbst mal Hauptdarsteller auf der grossen Bühne. Mehr noch. Charisteas hat mit seinem Siegtreffer im EM-Final 2004 gegen Portugal Heldenstatus in seiner Heimat erlangt. Vor zwei Jahren hat der Stürmer nach einem Engagement in Australien seine Karriere beendet.

Hat die EM Ihre Erwartungen erfüllt?

Angelos Charisteas: Nicht wirklich. Diese Endrunde ist skurril. Das hängt damit zusammen, dass die EM von 16 auf 24 Teams aufgestockt worden ist. Nehmen wir das Beispiel Portugal.

Erklären Sie.

Portugal ist mit drei Unentschieden in die K.-o.-Runde eingezogen, steht jetzt aber im Final. Mit dem früheren Modus wären sie in der Gruppenphase ausgeschieden. Das meine ich mit skurril.

Und sonst?

Nach der Gruppenphase haben wir besseren Fussball gesehen. Ich habe eine sehr gute italienische und eine sehr gute kroatische Mannschaft gesehen, die aber beide zu früh ausgeschieden sind.

Was erwarten Sie vom Final?

Nun, Frankreich spielt zu Hause. Da ist einzig der Sieg gut genug. Und Portugal will das nachholen, was sie 2004 im Final gegen uns verpasst haben. Ronaldo war ja damals schon dabei.

Wer ist Favorit?

Es gibt für mich keinen Favoriten. Denn beide Teams werden von aussen getragen. Frankreich hat mit den Terroranschlägen ein äusserst unruhiges Jahr hinter sich. Die Leute sehnen sich nach einem positiven Ereignis. Das ist den Spielern sehr wohl bewusst. Sie wissen, dass sie mit dem Titelgewinn sehr viel im Land bewegen können. Und Portugal? Für Ronaldo ist der EM-Final die letzte Chance, mit dem Nationalteam einen Titel zu gewinnen. Er könnte sich unsterblich machen. Das wird nicht nur ihn, sondern die Mannschaft und das ganze Land beflügeln.

Waren 2004, im EM-Final zwischen Gastgeber Portugal und den Griechen, die Rollen klarer verteilt?

Damals gingen wir nicht mit dem Bewusstsein ins Spiel, Aussenseiter zu sein. Schliesslich haben wir im Viertelfinal Titelverteidiger Frankreich ausgeschaltet. Aber heute, mit dem Abstand von zwölf Jahren, denke ich, dass wir damals etwas Unmögliches geschafft haben.

Was ist mit Ihnen nach Ihrem Siegtreffer im EM-Final passiert?

Ich bin zwar als Deutscher Meister (mit Werder Bremen; die Red.) an die EM gekommen. Aber was in Portugal passiertist, übertrifft alles. Wir sind ohne Druck,mit viel Disziplin und einem klaren Plan in Portugal angetreten. Viele Menschen monierten, wir hätten defensiven Steinzeitfussball gespielt. Dabei haben wir einfach auf unsere Stärken gebaut. Das ist doch legitim, oder? Und wenn ich diese EM anschaue, haben die meisten Teams nicht offensiver gespielt als wir damals. Ich danke Gott noch heute, dass ich Teil dieser fantastischen Mannschaft war.

Dabei war es eher Zufall, dass Sie Fussballer geworden sind. Ihre Eltern hätten es gerne gesehen, wenn aus Ihnen ein Musiker geworden wäre.

Zufall nicht. Ich habe mein erstes Geld als Musiker verdient. Schon mit fünf beherrschte ich das Spiel mit der Bouzouki (eine Art Mandoline; die Red.). Später spielte ich auch ganz ordentlich Klavier. Nur: Die Musik war nicht meine einzige Leidenschaft. Mit 16 erhielt ich eine Einladung zu einem Probetraining bei Aris Saloniki. Ich stieg in den Bus, fuhr von meinem Wohnort eineinhalb Stunden hin, überzeugte die Verantwortlichen und hätte sofort einen Vertrag unterschreiben können. Doch meinen Eltern habe ich nichts von meinem Ausflug erzählt. Also begleiteten mich der Präsident und der Trainer nach Hause. Meine Eltern waren zwar sauer, aber der Trainer und der Präsident von Aris konnten sie überzeugen, den Vertrag zu unterschreiben.

Nochmals zurück ins Jahr 2004: Was hat der EM-Triumph ausgelöst?

Wir waren Helden. Wenn heissblütige Menschen wie die Griechen etwas feiern, dann bebt die Erde. Noch heute spüre ich höchste Anerkennung für das, was wir geleistet haben. Es gibt Restaurants und Hotels, wo ich wohl lebenslang nichts bezahlen muss. Die Griechen sind sich bewusst, dass wir die grösste Sensation der Fussball-Geschichte geschafft haben. Deshalb wird dieser Titel nie seinen Glanz verlieren. Mit dem EM-Titel haben wir das Selbstbewusstsein der ganzen Nation gehoben. Griechenland war wieder wer in Europa.

Sehen Sie Parallelen zwischen Griechenland und Portugal?

Ein Vergleich ist schwierig. Portugal hat, was wir nie hatten: Weltstars. Ich spreche von einem Ronaldo, einem Nani, einem Pepe. Wir hatten nicht die besten Einzelspieler, aber wir hatten die beste Mannschaft.

Ist ein Märchen wie das griechische von 2004 heute noch möglich?

Natürlich. Portugal ist auch kein grosses Land, hat am Sonntag aber die Chance, den Titel zu gewinnen. Eine kleine Nation kann an einem Turnier für Furore sorgen. Aber über einen längeren Zeitraum sind es die üblichen Verdächtigen, die den Titel unter sich ausmachen. Wir wussten damals, dass es unsere einzige Chance ist, Geschichte zu schreiben. Was uns zusätzlich angespornt hat.

Griechenlands Fussball ist gegroundet. Vor zwölf Jahren noch Europameister. Jüngst, in der EM-Qualifikation, Tabellenletzter hinter den Färöer-Inseln.

Diese Katastrophe kam nicht wirklich überraschend. In Griechenland läuft nicht nur ökonomisch und gesellschaftlich vieles aus dem Ruder, sondern auch im Fussball.

Woran liegt das?

Einerseits bringen wir keine Talente raus, weil die grossen Klubs fast nur auf ausländische Spieler setzen. Die Klub-Bosse denken nicht an die Zukunft, sondern überlegen nur, wie sie durch den Tag kommen. Trotz den vielen Ausländern gelingt es den grossen Klubs nicht, für Aufsehen in der Champions League oder der Europa League zu sorgen. Andererseits fehlt es im griechischen Fussball-Verband an allen Ecken und Enden.

Konkret?

Der Verband hat keine Ideen, kein Konzept und keine klugen Köpfe. Die Organisation ist katastrophal. Andere Verbände setzen auf ehemalige, verdiente Spieler. Von der griechischen Mannschaft, die 2004 Europameister geworden ist, hat kein einziger einen Job beim Verband gekriegt. Da muss man sich nicht wundern, wenn man von den Färöern gedemütigt wird.

Wie für viele qualifizierte Fachkräfte gibt es auch für die Europameister von 2004 keine Zukunft in Griechenland?

Genau. Deshalb gehe ich jetzt nach Holland und versuche dort, meine Chance zu nutzen. Seit zwei Jahren, als ich meine Spielerkarriere beendet habe, bin ich zurück in Griechenland. Aber vom Verband hat sich nie jemand bei mir gemeldet – nicht mal hallo gesagt. Das ist ein Skandal.

Kann man sagen: Griechenland hat nach dem EM-Titel eine riesige Chance verpasst?

Absolut. Nachhaltigkeit war noch nie eine griechische Stärke. Es ist irgendwie typisch, dass wir dieses Geschenk aus dem Fenster geworfen haben. Dabei wäre ein Titelgewinn ideal gewesen, um den Fussball in Griechenland in die Moderne zu transferieren und ein zeitgemässes Förder-Konzept zu erstellen.

Zurück zur EM. Wer ist die herausragende Figur dieser EM?

Für mich gibt es zwei: Antoine Griezmann und Ronaldo. Griezmann bestätigt an der EM seine formidable Saison bei Atlético Madrid. Und bei Ronaldo imponiert mir, wie er seine Mannschaft an die Hand nimmt. Einer der beiden wird wohl den Final entscheiden.

Wer hat Sie enttäuscht?

Thomas Müller. Er ist für mich einer der drei besten Offensivspieler der Welt.Ein absoluter Torgarant. Aber auch einer, der viel für die Mannschaft arbeitet. Ein toller Spieler und ein sensationeller Typ. Ich habe viel von ihm erwartet. Doch er ist ohne persönlichen Torerfolg mit Deutschland im Halbfinal ausgeschieden.

Ist Müller der Beleg dafür, dass die Topspieler mit Meisterschaft, Cup, Europacup, Länderspielen und anderen Verpflichtungen zu hohen Belastungen ausgesetzt sind?

Die Belastungen sind tatsächlich sehr hoch. Vielleicht sogar zu hoch. Doch Ronaldo und Griezmann haben auch ein Mammutprogramm absolviert, spielen nun im Final gegeneinander und sind die prägenden Spieler dieser EM.

Ein Spieler, von dem man auch viel erwartet hat, ist Paul Pogba. Doch bislang war er nicht der dominante Spieler im französischen Team.

Pogba ist zweifellos hochbegabt. Ein aussergewöhnlicher Spieler. Aber er ist erst 23 Jahre alt. Ausserdem wird er ständig mit Spekulationen um seine Zukunft konfrontiert. An einem Tag wechselt er zu Real Madrid, am nächsten zu Manchester United. Das lässt keinen Spieler kalt. Trotzdem: Pogba steht im Final. So schlecht kann er also nicht gewesen sein, auch wenn er im Schatten von Griezmann steht.

Wer gewinnt den Final?

Eine Prognose ist sehr schwierig. Ich sage 51:49 Prozent für Frankreich.

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