EM-Kolumne
Grosse Egos, tiefe Gräben: Das zerstrittene französische Star-Ensemble zerfleischt sich selber

Das Achtelfinal-Aus der Franzosen ist kein Zufall. Die Unruhen innerhalb des Teams beginnen schon vor dem Turnier. Es fehlt an der nötigen Bescheidenheit.

Philipp Zurfluh
Philipp Zurfluh
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Trainer Deschamps und Paul Pogba haben vor Beginn der Verlängerung viel Redebedarf.

Trainer Deschamps und Paul Pogba haben vor Beginn der Verlängerung viel Redebedarf.

Bild: Vadim Ghirda / AP (Bukarest, 28. Juni 2021)

Seit meiner Kindheit leidenschaftlicher Anhänger der französischen Nationalmannschaft, bei fast jedem Auftritt – ob Testmatch- oder Ernstkampf – mitfiebernd vor dem TV oder ab und zu live im Stadion. Deshalb machen sich bei mir Ernüchterung und Ratlosigkeit breit nach dem peinlichen Aus gegen die «petite Suisse».

Obwohl ich vor der EM «les Bleus» als Favoriten festmache, beschleicht mich früh ein mulmiges Gefühl. Frankreichs tiefer Fall kommt nicht von ungefähr. Reibereien unter den Spielern sind augenscheinlich. Mbappé und Giroud zoffen sich schon vor Turnierstart. Pogba führt nach der 3:1-Führung einen albernen Tortanz auf, an Überheblichkeit kaum zu überbieten. Die Quittung folgt kurze Zeit später. Rabiot und Pavard nehmen sich nach 90 Minuten Pogba zur Brust. Trainer Deschamps und Coman liefern sich in der Verlängerung ein hitziges Wortgefecht. Der Bayern-Spieler will sich nicht auswechseln lassen.

Ein zerstrittenes Star-Ensemble. Eine toxische Mischung aus Egozentrikern und Arroganz. Sogar neben dem Platz wird gegen- statt miteinander gekämpft. Die Mutter von Rabiot holt zum Rundumschlag aus, beleidigt auf der Tribüne die Familien von Pogba und Mbappé. Filmreif.
Eine miese Stimmung ist bei der «Équipe Tricolore» courant normal. So sagte beispielsweise der frühere Spieler Bixente Lizarazu 2010, es sei «wie im Irrenhaus». Was Frankreich beim WM-Titel 2018 noch mit einer geschlossenen Teamleistung kaschieren konnte, sind heuer die tiefen Gräben nicht zuzuschütten.

«Wir haben gemerkt, dass sie überheblich waren», bringt es Goalie Yann Sommer hinterher auf den Punkt. Mbappé, Pogba und Co. sind auch gescheitert an sich selbst, an ihren Egos. Der Teamgeist bleibt auf der Strecke. Mehr Bescheidenheit und Demut würden Frankreich gut zu Gesicht stehen. Hochmut kommt vor dem Fall.