Tennis

Erst Nadal, jetzt Djokovic: Roger Federer steht vor einer Herkulesaufgabe

Roger Federer steht zum zwölften Mal im Wimbledon Final.

Roger Federer steht zum zwölften Mal im Wimbledon Final.

Nach seinem Viersatzsieg gegen Rafael Nadal steht Roger Federer zum zwölften Mal im Wimbledon-Final. Doch um dort seinen neunten Titel feiern zu können, muss er ein Kunststück vollbringen, das selbst ihm noch nie gelungen ist.

Gibt es im Tennis so etwas wie einen mythischen Platz, dann ist es zweifellos der Centre Court von Wimbledon. Es ist der Ort, an dem Legenden des Sports geboren werden – ein Olymp. Als Roger Federer, 37, und Rafael Nadal, 33, um 16.30 Uhr Ortszeit den Rasen betreten, erinnert die Szenerie eher an ein Konzert als an eine Sportstätte. Erstmals seit dem historischen Final vom 6. Juli 2008 – oder seit 4023 Tagen – treffen mit Federer und Nadal die beiden erfolgreichsten Spieler der Geschichte aufeinander. Es sind zwei Halbgötter in Weiss. Ein Spiel, auf das die Tennis-Welt seit über einem Jahrzehnt gewartet hat. Und von dem sie in Anbetracht des Alters der beiden befürchten musste, dass es nie mehr geschehen wird.

Federer hatte zuvor nur drei von 13 Duellen bei einem Grand-Slam-Turnier gegen Nadal gewonnen – und nur eines in den letzten zwölf Jahren. Erst vor vier Wochen hatte er gegen Nadal in den Halbfinals von Roland Garros in drei Sätzen verloren. Doch Wimbledon ist sein Revier, seine Bühne, sein Olymp. Im Startsatz vergibt er zwar die einzige Breakchance beim Stand von 4:3, setzt sich aber im Tiebreak mit 7:3 durch. Er serviert sieben Asse und gibt bei eigenem Aufschlag nur sieben Punkte ab. Im zweiten Satz kommt es, wie es so oft kommt gegen Nadal. Beim Stand von 1:1 vergibt Federer zwei Breakchancen, gewinnt danach nur noch drei von 23 Punkten und verliert den Satz mit 1:6.

Der Lobgesang von Boris Becker

Aber Wimbledon ist nicht Paris, und Roger Federer auf Rasen nicht so verwundbar wie er es auf Sand ist. Im dritten Satz reicht ihm ein Break zum 3:1. Im vierten nimmt er Nadal zum 2:1 den Aufschlag ab. Nach 3:02 Stunden verwertet Federer seinen fünften Matchball und steht nach dem 7:6 (7:3), 1:6, 6:3, 6:3 zum zwölften Mal in seiner Karriere im Wimbledon-Final, wo er nach seinem neunten Titel greift – dem 21. bei einem Grand-Slam-Turnier. TV-Experte Boris Becker schwärmt bei «BBC»: «Das ist mit Abstand das beste Tennis, das ich seit langem von Roger gesehen habe. Dieser fast 38-Jährige macht mich einfach nur sprachlos.» Nadal könne sich keine Vorwürfe machen. «Denn Rafa hat den Match nicht verloren, sondern Roger hat ihn gewonnen.»

Boris Becker stimmt ein Loblied auf Roger Federer an.

Boris Becker stimmt ein Loblied auf Roger Federer an.

Alleine ein Sieg gegen Rafael Nadal ist eine herkulische Leistung. Doch nun muss Federer im Final vom Sonntag eine Hürde überspringen, an der er immer gescheitert ist: Nadal und Novak Djokovic, der sich in seinem Halbfinal in vier Sätzen gegen Roberto Bautista Agut durchsetzte, hat er bisher nur bei den ATP Finals 2010 im gleichen Turnier besiegt. Bei einem Grand-Slam-Turnier ist ihm das noch gar nie gelungen. Und auch gegen Djokovic sprechen alle Zahlen gegen ihn: 22:25 Siege, 6:9 bei Grand-Slam-Turnieren, 1:4 in Finals und der einzige Erfolg datiert von den US Open 2007 Letztmals bezwang er Djokovic 2012 in Wimbledon bei einem Major-Turnier. Das war 2012 in den Halbfinals von Wimbledon, als Federer danach auch das Turnier gewann. Doch seither hat Djokovic an der Church Road drei Mal gewonnen – 2014 und 2015 jeweils nach einem Finalsieg gegen Federer. Der Serbe ist auch der einzige Spieler, der gegen Federer auf Rasen mit 2:1 eine positive Bilanz aufweist.

Titelverteidiger Djokovic steht zum sechsten Mal im Wimbledon-Final.

Titelverteidiger Djokovic steht zum sechsten Mal im Wimbledon-Final.

Als Roger Federer zwischen 2003 und 2008 den Tennis-Zirkus dominierte wie keiner zuvor, wurde er von einem Literaten als Geschöpf beschrieben, dessen Körper gleichzeitig aus Fleisch und Licht bestehe. Und ihn in Wimbledon spielen zu sehen, sei eine religiöse Erfahrung. Das ist natürlich völlig überzeichnet, Federer kein Gott, sondern durch und durch Mensch. Noch immer wird Roger Federer mit übermenschlichen Attributen beschrieben. Ein Künstler: leichtfüssig, filigran, der Mann der Zauberschläge. Doch am Sonntag braucht es mehr als nur Kunst, um den neunten Sieg in Wimbledon feiern zu können. Denn seine Rivalen Nadal und Djokovic im gleichen Grand-Slam-Turnier zu bezwingen, entspricht einer Herkulesaufgabe. Herkules, dieser griechische Held, musste zwölf scheinbar unlösbare Aufgaben bewältigen, ehe er zum Halbgott wurde und in den Olymp aufstieg. Federer steht zum zwölften Mal im Wimbledon-Final. Löst er auch diese Aufgabe, wird er zwar nicht zum Halbgott, steigt aber erneut in den Tennis-Olymp auf.

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