Nationalmannschaft
Es gibt nur Verlierer in der Debatte über Herkunft und Identifikation

Die Machtverhältnisse im Nationalteam haben sich verschoben. Auch darum betont der kosovarische Botschafter: «Ohne die Deutschschweizer können Shaqiri und Co. nichts gewinnen.»

Etienne Wuillemin
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"Ich habe in dieser Sache eine andere Auffassung. Aber er ist der Chef. Und ich habe mich da nicht einzumischen." - Stephan Lichtsteiner äussert seine Meinung über Trainer Vladimir Petkovic.

"Ich habe in dieser Sache eine andere Auffassung. Aber er ist der Chef. Und ich habe mich da nicht einzumischen." - Stephan Lichtsteiner äussert seine Meinung über Trainer Vladimir Petkovic.

KEYSTONE

Es ist der Tag nach dem 3:0 gegen Estland. Die Sonne scheint. In Freienbach trainieren jene Schweizer, die nicht über 90 Minuten im Einsatz standen am Freitagabend. Trainer Petkovic lacht viel. Die Spieler lachen viel. Die Stimmung könnte perfekt sein.

Aber so ist das nicht. Nicht nach dieser Woche. Einer Woche, die ruhig begann und turbulent wurde. Mit einem frustrierten Spieler (Barnetta), einem Rücktritt (Schwegler) und dem derzeit erfolgreichsten Schweizer Fussballer – Stephan Lichtsteiner.

Richtige und andere Schweizer

Lichtsteiner macht sich Gedanken über den Fussball hinaus und steht dazu. Auch dann, wenn es sich um heikle Themen handelt. Wie diese Woche. Wörtlich sagte er: «Für die Schweiz ist es extrem wichtig, auf die sogenannten Identifikationsfiguren aufzupassen – denn wirklich viele haben wir nicht mehr. Mir geht es nicht um ‹richtige› Schweizer und die ‹anderen› Schweizer, sondern darum, dass sich das Volk weiter mit dem Nationalteam identifizieren kann.»

Dann fügte er an: «Es ist ein heikles Thema, das weiss ich.» Und schliesslich stellte er klar: Er habe gehofft, dass Schwegler und Barnetta ein Aufgebot erhielten, «aber das ist keine Kritik am Trainer. Er ist der Chef. Und ich habe mich da nicht einzumischen.» Punkt.

Die Aussagen sind heikel. Auch, weil sie sehr genau gelesen werden müssen, damit keine Missverständnisse aufkommen. Doch genau das ist passiert. Aus dem sportlichen «Fall Schwegler/Barnetta» ist ein soziologischer «Fall Lichtsteiner» geworden. Weil einige seine Aussagen so interpretierten, dass Lichtsteiner unterscheide zwischen «echten» Schweizern und «anderen» Schweizern – also solchen mit Migrationshintergrund.

Und dass solche Schweizer Spieler mit Migrationshintergrund nicht zur Identifikationsfigur taugen. Wobei es zu bedenken gilt: «Identifikation» bedeutet wohl für niemanden exakt dasselbe. Und gerade die Vielfalt in der Schweizer Nationalmannschaft beinhaltet auch die Chance, sich mehr mit dem ganzen Team zu identifizieren als mit einem einzelnen Helden.

Lichtsteiner hat diesen Satz nicht gesagt

Vielleicht hätte es nur diesen einen Satz von Lichtsteiner gebraucht nach dem Spiel gegen Estland, um der Diskussion den Atem zu entziehen: «Selbstverständlich können auch Schweizer Spieler mit Migrationshintergrund Identifikationsfiguren sein! Das sehen wir doch nur schon am Beispiel Shaqiri.» Aber Lichtsteiner hat den Satz nicht gesagt. Er sagte: «Ich mache alles für die Jungs. Und die Jungs machen alles für mich.»

Der «Fall Lichtsteiner» ist zu einer Debatte geworden, die niemandem nützt und allen schadet. Aber warum konnte es überhaupt so weit kommen?

Valentin Stocker gehört ebenfalls zu jenen Spielern, die nicht daran zerbrechen, sich über gesellschaftliche Fragen Gedanken zu machen. Er sagt: «Jemand hat einmal den schönen Satz gesagt: ‹Missverständnisse sind die Grundlage für Misserfolg.› Also geht es in unserer Konstellation doch auch darum, Missverständnisse möglichst zu vermeiden.»

Verschiedene Gruppen in der Nati

Die Konstellation, die aus dem Team nicht wegzudiskutieren ist, sind die verschiedenen Gruppen. Es gibt die Deutschschweizer, die Romands und jene mit Wurzeln aus dem Balkan. In der jüngeren Vergangenheit haben sich die Machtverhältnisse in Richtung der letztgenannten entwickelt. Die Konstellation verschiedener Grüppchen hat es schon immer gegeben und wird es immer geben.

Die Migrations-Frage und ihre Folgen im Schweizer Fussball ist nicht neu. Im Gegenteil. Und immer schwingt irgendwo im Hintergrund – wenngleich manchmal völlig unbewusst und ungewollt – diese «Wer-ist-wie-viel-wert»-Frage mit. Mit der Folge, dass viele Exponenten reflexartig die Wichtigkeit der Spieler mit kosovarischen Wurzeln für die Schweiz betonen.

Und umgekehrt? Ist es nicht verständlich, dass auch Deutschschweizer Spieler gerne ab und zu hören würden, wie wichtig sie für die Schweiz sind? Vor allem dann, wenn sich die Machtverhältnisse im Team zu ihren Ungunsten verschieben?

Genau diesen Punkt betont Naim Malaj. Malaj ist kosovarischer Botschafter der Schweiz. «Wir sollten einfach eines nicht vergessen: Shaqiri, Xhaka, Behrami und Co. sind ohne die Hilfe von Lichtsteiner und Co. völlig verloren. Sie können ohne die ‹Deutschschweizer› auch nicht gewinnen. Das dürfte man durchaus ein bisschen mehr betonen.»

Nati als Beispiel für Integration

Überhaupt verfolgt Malaj die Debatte um Identifikationsfiguren oder «echte» und «falsche» Schweizer mit viel Gelassenheit. «Ich bin überzeugt, dass die Mehrheit der Schweizer sich nicht um Namen kümmert. Sondern stolz ist auf eine multi-ethnische Schweizer Nationalmannschaft, die für vollständig gelungene Integration steht.» Für Valentin Stocker ist klar: «Viele Schweizer ohne Migrationshintergrund finden Shaqiri einen grossartigen Spieler.» Bleibt die Frage, ob das umgekehrt auch gilt.

Als Granit Xhaka am Freitagabend die Diskussionen rund um Lichtsteiner und die Migrations-Frage aufarbeiten sollte, schien es, als wäre seine Stimme ein wenig getrübt. «Wir haben nun einmal mehr als eine Heimat. Und damit kommen wir gut klar.» Und Xhaka sagte auch: «Ich hätte nicht gedacht, dass eine einzige Aussage – und Lichtsteiner hat ja nichts Falsches gesagt – so ein Thema wird.»

Es geht manchmal allzu schnell vergessen, in welchem Spannungsfeld sich einer wie Xhaka befindet. Egal, was er tut oder sagt, er muss es immer allen recht machen. Den Schweizern. Und den Albanern. Weil Xhaka seine Blutsherkunft nicht vergessen will, feierte er ein Tor auch schon einmal mit dem Doppeladler. Dass damals der Verband offiziell ein Statement verbreitete und auf die Gefahren hinwies, nun aber in diesem Fall schweigt – das hat Xhaka ein wenig getroffen.

Vielleicht hilft in der ganzen Diskussion die Zeit. Vielleicht betont eines Tages niemand mehr, ob ein Spieler Wurzeln im Balkan hat oder nicht. Genau wie das auch niemand tut, wenn es um Tranquillo Barnetta oder Diego Benaglio geht – beide Spieler mit italienischen Wurzeln. Was ganz sicher hilft, damit die Sonne nicht von einigen Wolken verdrängt wird, sind Siege. Auch darum ist dieses 3:0 gegen Estland mehr als nur drei Punkte wert.