Hitzespiele in Tokio
Der Schweizer Olympia-Arzt Patrik Noack: «Man sagt immer, die Gesundheit der Athleten stehe über allem – aber es scheint, als sei anderes noch wichtiger»

Der St.Galler Patrik Noack begleitet das Schweizer Olympiateam in Tokio als «Chief Medical Officer», also als leitender Arzt. Der 47-Jährige steht einem Team mit vier Ärzten, zwölf Physiotherapeuten und einem Osteopathen vor. Noack über Hitze, Covid-19 und Wettkämpfe zu Unzeiten.

Interview: Patricia Loher
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Patrik Noack, Chief Medical Officer von Swiss Olympic.

Patrik Noack, Chief Medical Officer von Swiss Olympic.

Anthony Anex/Keystone

Die Schweizer Delegation ist an Olympischen Sommerspielen so erfolgreich wie seit 69 Jahren nicht mehr. Was hat die medizinische Abteilung dazu beigetragen?

Patrik Noack: Jede Athletin und jeder Athlet konnte seine Wettkämpfe bestreiten, wir haben kleinere und grössere Blessuren immer in den Griff bekommen. Zudem hatten wir keine Ausfälle wegen der Hitze zu beklagen. Auch blieben wir vor Coronafällen verschont, obwohl wir hier auf viele Athletinnen und Athleten treffen, in deren Ländern die Deltavariante stark verbreitet ist. Allerdings war die Lage im olympischen Dort stets unter Kontrolle: Insgesamt wurden nur 14 Athleten und 19 Betreuer positiv auf das Coronavirus getestet – bei 17'000 Teilnehmern und Betreuern.

Wie oft werden die Athleten getestet?

Sie geben täglich einen Spucktest ab, auch geimpfte Sportler. In unserem Team gehört es zu unseren Aufgaben, dies zu kontrollieren und zu schauen, dass alle ihre Gesundheitsangaben täglich via App eintragen. Zudem war es für jede Nation obligatorisch, einen Corona-Liason-Officer zu stellen. Dieser überwacht sämtliche Schutzmassnahmen und ist in Bezug auf Covid-19 für alle erste Ansprechperson. Sportler, die zwei Wochen vor Olympiabeginn in Tokio eintrafen, um sich zu akklimatisieren, wurden durchgehend von einer Person begleitet, um eine Durchmischung mit der Bevölkerung zu vermeiden.

Trotzdem schien es, als sei für die Sportlerinnen und Sportler in Tokio nicht das Coronavirus, sondern die Hitze die grösste Herausforderung.

Am Donnerstag um 7 Uhr zeigte das Thermometer 31,5 Grad an. Viele Athletinnen und Athleten nutzten vor den Wettkämpfen klimatisierte Hallen, um die letzten Vorbereitungen zu treffen. Unsere Sportler haben sich in der Schweiz in Hitzekammern oder während eines zweiwöchigen Camps in Tokio vor Beginn der Spiele auf die klimatischen Bedingungen vorbereitet. Wichtig sind zudem reichlich Wasser, Salztabletten und eine gute Kühlung mit Eis.

Am Samstag und Sonntag stehen die Marathons auf dem Programm. Sie wurden ins nördlichere Sapporo verlegt, wo es kühler sein soll.

Nun ist es so, dass in Sapporo derzeit die höchsten Sommertemperaturen seit 27 Jahren herrschen. Zuerst sollte um 6 Uhr gestartet werden, nun ist es 7 Uhr Ortszeit. Aktuell hat es um diese Zeit 28 Grad und 81 Prozent Luftfeuchtigkeit (die Startzeit des Frauenmarathons vom Samstag wurde unterdessen auf 6 Uhr vorverschoben, die Red.). Gefährlich ist vor allem die Sonneneinstrahlung. Chefmediziner vieler Nationen können diese Startzeiten nicht nachvollziehen. Wir auch nicht. Es hätte die Möglichkeit gegeben, die Rennen anders anzusetzen. An der WM in Katar beispielsweise ist Tadesse Abraham den Marathon um Mitternacht gelaufen. Es sollte nun an der gesamten Strecke kalten Sprühnebel, viel Eis und viel Wasser geben. Und zum Glück wird für Samstag und Sonntag Regen vorausgesagt.

Sind Sie beim Internationalen Olympischen Komitee vorstellig geworden?

Ja, wir Ärzte haben unser Anliegen vorgebracht. Aber es hiess, es sei nicht anders möglich. Schon ein Beachvolleyballspiel der Frauen fand zu einer Unzeit statt, weil es für die TV-Anstalten in den USA die beste Sendezeit war. Beim Triathlon waren die Medien den Athleten näher als wir Ärzte. Ich musste die Kühlwesten via Journalisten an unsere Sportler weiterreichen. Unsere Rückmeldung war: So etwas darf nicht mehr passieren. Man sagt immer, die Gesundheit der Athleten stehe über allem – aber es scheint, als sei anderes noch wichtiger.

Sie haben vier Wochen in Tokio verbracht. Waren diese Spiele der speziellste Anlass Ihrer Karriere?

Ja. Wir lebten in einer Blase, der sogenannten Bubble. Einen Kontakt zur Bevölkerung gab es nicht. Ich fand es schade, dass keine Zuschauer dabei sein durften. Zu einem Drittel hätte man die Stadien sicher besetzen können, das hätten die Japanerinnen und Japaner verdient. Sie haben diese Spiele ja auch mitfinanziert. Aber die Regierung war sehr vorsichtig – aus Angst vor einem Desaster.

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