Tour de Suisse

Es wird zum Überlebenskampf: Heftiger Streit um die Tour de Suisse

Trügerische Rad-Idylle – die Tour de Suisse hat hart zu kämpfen.

Trügerische Rad-Idylle – die Tour de Suisse hat hart zu kämpfen.

Die Schweizer Landesrundfahrt der Radfahrer steht finanziell am Abgrund. Die neuen Organisatoren lassen die freiwilligen Helfer dafür zahlen – und entfachen einen Sturm der Entrüstung.

Es gibt Dinge, die ändern sich scheinbar nie: Der Advent findet im Dezember statt, der Nationalfeiertag am 1. August – und Mitte Juni zieht die Tour de Suisse durchs Land. Die 1933 erstmals ausgetragene Rundfahrt ist ein Stück Schweizer Kulturgut – wie das Matterhorn oder die Toblerone. Sie lockt die Massen an den Strassenrand und trägt die Schönheiten des Landes über das Fernsehsignal in die Welt hinaus. Ihre Siegerliste liest sich wie ein «Who is who» des Radsports über neun Jahrzehnte: Ferdy Kübler, Hugo Koblet, Gino Bartali, Eddy Merckx, Fabian Cancellara.

Doch der Glanz der alten Namen verblasst. Der ehemals grösste Sportanlass des Landes kämpft und droht in seiner jetzigen Form von der Sportlandschaft zu verschwinden – wie etwa die traditionelle Tour of California, die aus wirtschaftlichen Gründen heuer nicht mehr stattfindet.

In der Schweiz sind die Sorgen ähnlich gelagert: Die Kosten steigen stetig, die Sponsorensuche wird schwieriger, Durchfahrtsgebühren der Kantone und Gemeinden sowie Auflagen des internationalen Verbandes belasten das Budget. Weil das Rennen in den vergangenen Jahren Verluste zwischen 500'000 und einer Million Franken verursachte, warf Rechteinhaber InfrontRingier den Bettel hin.

Ein «Notfall-Konsortium» hat übernommen

Anstelle der Agentur ist ein «Notfall-Konsortium» aus vier Parteien getreten, das sich in der neuen Firma «Cycling Unlimited» konstituiert. Dahinter stehen der nationale Verband Swiss Cycling, der internationale Sportrechtehändler Infront, die Tortour GmbH sowie die ProTouchGlobal GmbH. Die treibenden Kräfte sind Olivier Senn (50), der Besitzer von ProTouchGlobal, der bereits bis 2018 als Generaldirektor der Tour de Suisse fungierte, sowie Joko Vogel (50), der sich als Initiant der «Tortour», eines Ultra-Cycling-­Events, in der Szene einen Namen gemacht hat.

Die neuen Macher setzen darauf, Synergien zwischen Breiten- und Spitzensport zu generieren. So wurde das Rennen auf acht Tage verkürzt, um am Startwochenende Platz für Publikumsevents zu schaffen. Vogel sagt:

Ausserdem will er den Radsport digitalisieren. In Zusammenarbeit mit der tschechischen Firma Rouvy, die mit Computertechnologie reale Radstrecken auf den Hometrainer überträgt, kann die Tour de Suisse künftig vom Hobby-Pedaleur im Wohnzimmer nachgefahren werden: «Das bringt den Breitensportler den Profis näher, verschafft unserem Rennen eine ganzjährige Plattform, und macht uns für Sponsoren attraktiver», sagt Vogel.

Doch um auch in der realen Welt dem Besenwagen zu entkommen, müssen die neuen Tour-Chefs zuerst Altlasten beseitigen. Weil die grössten Budgetposten – Infrastrukturanlagen, Startgelder, TV-Produktion – aber nicht verhandelbar sind, wird an der Basis gespart. Mit anderen Worten: Das Taggeld für die Helfer im Sicherheits- und Aufbaubereich wurde von 100 respektive 80 auf 50 Franken reduziert. Ausserdem muss das Sicherheitspersonal künftig zuhause übernachten, wenn die Etappenankunft nicht weiter als 50 Kilometer entfernt liegt. Und weil für den Staff kein neuer Kleidersponsor gefunden werden konnte, muss die Ausrüstung von 2019 auch im neuen Jahrzehnt halten.

Die Unzufriedenen wehren sich mit Briefen und Mails

Es sind Massnahmen, die bei den Betroffenen nicht gut ankommen. Einzelne treten aus der Deckung und spielen interne Mails und Dokumente den Medien zu. Die Motorradfahrer sehen den «Gruppenzusammenhalt» gefährdet. Ein Mitglied des Sicherheitsdienstes schrieb an die Tour-Leitung:

Die Leitung des Sicherheitsdienstes meldete sich mit einem offenen Brief bei der neuen Tour-Führung. Darin verweist sie darauf, dass die Freiwilligen seit Jahren ihre Ferientage für die Tour de Suisse opfern und ihr Fachwissen und Netzwerk gegen einen «bescheidenen Obolus» zur Verfügung stellen. Die Quintessenz des zweiseitigen Schreibens: «Durch weitere Sparmassnahmen sind einige erfahrene Motorradfahrer gezwungen, sich Gedanken zu machen, ob sie weiterhin ihre Ferientage und Freizeit für die Tour de Suisse opfern wollen.

Nein zu weiteren Sparmassnahmen auf Kosten der Sicherheit.» Für solche Forderungen hat Vogel wenig Verständnis: «Die Anpassungen sind verhältnismässig. Entweder man macht die Arbeit freiwillig oder nicht. Wenn es darum geht, mit Freiwilligenarbeit Geld zu verdienen, ist dies der falsche Ansatz.»

Senn verteidigt die Massnahmen ebenfalls: «Wir haben in allen Bereichen gekürzt – auch bei der Leitung. Beispielsweise operieren wir nicht mehr aus Büros – sondern verrichten die administrative Arbeit von zuhause aus.» An den Staff schrieb er: «Wir müssen klar festhalten, dass es die Tour de Suisse in ein paar Jahren nicht mehr geben wird, falls wir es nicht schaffen, diese auf finanziell gesunde Beine zu stellen.»

Ein Direktionshotel gebe es ja auch nicht mehr: «Alle übernachten in Dreisternhotels – und statt Einzelzimmer werden Doppelzimmer gebucht.» Ausserdem hofft Senn auf öffentliche Unterstützungsgelder durch Bund und Kantone. Deshalb wurde ein Verein «Tour de Suisse» gegründet, der als Nonprofit-Organisation auftritt. «Solange wir als gewinnorientierte Veranstaltung eingestuft waren, konnten wir uns nicht um Subventionen bewerben.»

Armin Meier zweifelt an der neuen Überlebensstrategie

Armin Meier verfolgt die Überlebensübung mit Interesse. Der frühere Radprofi stand zwischen 2004 und 2010 selber an der Tour-Spitze. Damals habe die Tour de Suisse jährlich Gewinne von 600000 bis 1,5 Millionen abgeworfen. Meier zweifelt an der Strategie seiner Nachfolge und plädiert dafür, rigoros alles zu hinterfragen: «Solange das Rennen als World-Tour-Event stattfindet, bestehen grosse Auflagen.»

So müssen 20 Teams verpflichtet werden, die Startgelder von jeweils 20000 bis 25000 Franken kosten. Würde man das Rennen auf Continental-Stufe positionieren, müsste man zehn Teams bezahlen – und könnte dafür Wildcards verteilen. Auch eine weitere Reduktion der Renntage sei zwingend. Meier sagt:

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