Euro 2020
Französische Mütter, Fehlender Regenbogen und der VAR: Das war die Europameisterschaft der Nebenwirkungen

Ein Titelkampf fürs Bilderbuch geht zu Ende und wir blicken zurück. Zurück auf Geschichten über italienisches Glück, ewige Spiele, den Regenbogen und Französinnen.

Christian Brägger
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Tor im Wembley Stadion: Hier findet am Sonntag der Final der Fussball-EM 2020 statt.

Tor im Wembley Stadion: Hier findet am Sonntag der Final der Fussball-EM 2020 statt.

Andy Rain / EPA

Am späten Sonntagabend ist die EM Geschichte. Die Wettanbieter sehen England leicht favorisiert im finalen Hauptakt gegen Italien. Bis dahin bleibt etwas Zeit, nochmals ein paar Nebenschauplätze aufs Tapet zu bringen. Dänemark, den klaren Europameister der Herzen, klammern wir grosszügig aus.

Regenbogen, wo bist du geblieben?

Es war einmal ein Regenbogen, dessen Farben die Ungarn nicht so mögen, weil sie als Symbol für Toleranz und gegen Diskriminierung von Schwulen und Lesben gelten. Als die Ungarn in München gegen die Deutschen spielen sollten im letzten Gruppenspiel, da wäre Goalie Manuel Neuer nicht mehr nur mit entsprechend kolorierter Captainbinde aufgefallen. Auch die Hülle der Allianz Arena, wo das Spiel stattfand, hätte in den Farben leuchten sollen – als solidarisches Zeichen der Stadt München gegen den minderheitenfeindlichen Gesetzeserlass von Ungarn-Präsident Viktor Orbán und für die Diversität.

An der EM von der Uefa abgelehnt: Die Hülle der Münchner Allianz Arena leuchtet anlässlich des Christopher Street Days in Regenbogenfarben.

An der EM von der Uefa abgelehnt: Die Hülle der Münchner Allianz Arena leuchtet anlässlich des Christopher Street Days in Regenbogenfarben.

Tobias Hase / dpa

Der europäische Verband gab eine Abfuhr: «Die Uefa ist aufgrund ihrer Statuten eine politisch und religiös neutrale Organisation. Angesichts des politischen Kontextes dieser speziellen Anfrage muss die Uefa diese ablehnen.» Die Frage ist, ob Toleranz eine politische Haltung sein kann, nicht vielmehr uneingeschränkt zu verstehen ist. Auch ist wenig dokumentiert, was danach mit dem Regenbogen passiert ist, ein letztes Mal wurde die Fahne im Viertelfinal in Baku im dänischen Fanblock gesichtet, ehe sie verschwand. Einen Tag davor mussten auch in St.Petersburg entsprechende Werbebanden entfernt werden. Schade.

Französische Mütter

Mutter ist man ein Leben lang, in jeder Situation. Und was passiert, wenn die liebe Mutti den eigenen Sohn auch berät wie im Fall von Adrien Rabiot? Es eskaliert, wie dies früher bei Paris Saint-Germain dann und wann vorkam, wenn die Rabiots unzufrieden waren. So konnte es während und nach dem Spiel der Franzosen gegen die Schweiz ­Veronique Rabiot ebenfalls nicht lassen, Paul Pogbas Familie auf der Tribüne zu beschimpfen, nachdem sich die Söhne nach einem Ballverlust auf dem Rasen gestritten hatten. Später nahm sich Frau Rabiot auch noch Kylian Mbappés Familie vor und soll zum Vater des Superstars gesagt haben, sein Sohn sei arrogant und müsse umerzogen werden. Naja, wenn’s weiter nichts ist?

VARum gibt es dich?

Grundsätzlich zeigten die Schiedsrichter an der EM gute Leistungen. Wenn da nicht mindestens diese zwei Szenen wären, die im kollektiven Gedächtnis bleiben. Die direkte rote Karte für Remo Freuler im Viertelfinal gegen Spanien nach einem Foul. Wie der Elfmeterpfiff für England im Halbfinal gegen Dänemark nach einer leichten Berührung an Raheem Sterling. Beide Male hätte der VAR mitteilen können, es handle sich eventuell um einen Fehlentscheid, der Schiedsrichter möge sich die Szene doch nochmals anschauen.

Beide Male tat der Videoschiedsrichter dies nicht, weil es eben kein «klarer und offensichtlicher Fehlentscheid» gewesen war. Dafür wirkte der Entscheid umso härter. Den Schweizer Captain Granit Xhaka hatte man später sagen hören, es mache schon einen Unterschied, ob eine solche Szene im ersten Spiel der Gruppenphase oder in der ­K.-o.-Runde passiere. Und wir möchten sagen: Wenn der VAR nun schon mal da ist, dann soll er den Fussball wirklich gerechter machen. Mit der Konsequenz, den Schiedsrichter vom Platz weg vor den Bildschirm zu holen.

Morata ist immer Schuld

Alvaro Morata sah sich Morddrohungen ausgesetzt.

Alvaro Morata sah sich Morddrohungen ausgesetzt.

Facundo Arrizabalaga / Pool / EPA

Eine Achterbahnfahrt wäre angenehmer: Was Alvaro Morata an dieser EM erleben musste, ist nichts für Zartbesaitete. Im Vorfeld traute der spanische Fan dem Stürmer der «Furia Roja» wenig zu, dafür Trainer Luis Enrique. Als Morata beim 0:0 im ersten Spiel zahlreiche Grosschancen ausliess, gab es Morddrohungen und wüste Beschimpfungen. Immerhin traf der 28-Jährige gegen Polen – ein Hoffnungsschimmer, es wurde besser mit der Zuneigung des Volkes.

Vielleicht hätte es ihn verehrt nach dem Tor im Achtelfinal gegen Kroatien und vor allem nach dem Halbfinal gegen Italien, in dem er den Ausgleich erzielte. Vielleicht. Aber dann versagten dem Profi von Atlético Ma­drid (zuletzt an Juventus verliehen) vom Elfmeterpunkt als vierter Schütze die Nerven. Was folgte? Auf sozialen Medien üble Beschimpfungen, die seine Frau auch gleich der Öffentlichkeit präsentierte. Wir erinnern uns kurz an Xhaka, der ebenfalls an seine Person gerichtete Ausfälligkeiten öffentlich an den Pranger stellte. Richtig so.

Spinazzola – ein einmaliger Hit?

Der Italiener Leonardo Spinazzola muss im Viertelfinal gegen Belgien verletzt vom Platz getragen werden.

Der Italiener Leonardo Spinazzola muss im Viertelfinal gegen Belgien verletzt vom Platz getragen werden.

Philipp Guelland / AP

Ja, die Italiener, mit der laut Leonardo Bonucci «mannschaftlichsten Mannschaft aller Zeiten» schrieben viele Geschichten. Und jetzt stehen sie im Final und greifen gegen England nach dem Titel. Offenbar ist es der Plan, den an der Achillessehne operierten Leonardo Spinazzola nach London einfliegen zu lassen, damit der Linksverteidiger seine Mitspieler moralisch unterstützen kann.

Seien wir ehrlich. Wer hatte den 28-jährigen Profi der AS Roma, der sich davor bei Juventus nicht durchsetzen konnte, auf dem Radar? Vier Auftritte hatte Spinazzola mit der «Squadra Azzurra», ehe die Sehne gegen Belgien aufgab. Vier Auftritte, in denen er in die Herzen der Fans stürmte – als Verteidiger. Vier Auftritte, die aus ihm hoffentlich nicht ein One-Hit-Wonder machen, wie es schon so viele an Grossanlässen gegeben hat. Dafür hat Italien ja mit «Senator» Giorgio Chiellini das Evergreen schlechthin in seinen Reihen.

Wollt ihr denn ewig spielen?

Ein spannender Fakt: Elf Eigentore gab es bislang und damit so viele wie nie, 2016 waren es noch drei, 2012 gab es eines. Auch zuletzt an der WM in Russland setzte es mit zwölf Eigentoren doppelt so viele ab wie 1998 – neuer Negativrekord.

Ein anderer Fakt: Sieben und damit so viele Verlängerungen wie lange nicht mehr gab es heuer, wenngleich der Final noch nicht miteingerechnet werden kann. An der WM 2018 waren es fünf, an der EM 2016 ebenfalls, an der WM 2014 waren es sogar acht. Die hohe Zahl im Jahr 2021 verwundert, weil heuer die Coronasaison an den Kräften zehrte und die Spielweisen der Teams nicht so taktierend wie abwartend daherkamen wie früher. Man denke da nur nochmals an die Italiener.

Italien und das Glück

Womit wir tatsächlich ein letztes Mal zum Team von Roberto Mancini kommen. Wir erinnern uns ans Jahr 2006. Die Italiener spielen im WM-Achtelfinal gegen den Aussenseiter Australien, sie sind eigentlich unterlegen und profitieren vom Schiedsrichter, der einen Penalty schenkt, den Francesco Totti versenkt.

Dieses Mal meinte es der Schiedsrichter im EM-Achtelfinal erneut gut, als Marko Arnautovic aus hauchdünner Abseitsposition für Österreich zur vermeintlichen Führung traf und es fraglich gewesen wäre, ob sich die Italiener da noch gerettet hätten. 2006 wurde Italien Weltmeister, ein gutes Omen für 2021?

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